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Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
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Bezug auf den ebenbürtigen Ausländer geltend gemacht wird, wie grell muss er nun dem ewig fremden Juden gegenüber ausfallen! Mit welchem Unwillen muss der Bettler angesehen werden, der es wagt, seine lüsternen Augen auf die ihm fremde Heimat zu werfen wie auf ein geliebtes Weib, das misstrauische Ver­wandte beschützen! Und hat er trotzdem Erfolge, und gelingt es ihm, manche Blume von ihrem Kranze zu pflücken, dann wehe dem Unglücklichen! Er beklage sich nicht, wenn es ihm ergeht, wie es den Juden in Spanien und Russland ergangen ist.

Damit es den Juden schlecht ergehe, bedarf es übrigens ihrerseits nicht einmal besonderer Erfolge. Dort, wo sie in grösseren Massen angehäuft sind, müssen sie schon durch ihre Zahl ein mehr oder weniger bedeutendes Übergewicht in ‚der Kon­kurrenz zu Ungunsten der nichtjüdischen Bevölkerung ausmachen. In den westlichen Provinzen Russlands sehen wir die dort zu­sammengepferchten. Juden im schauerlichsten Pau perismus ein kümmerliches Dasein fristen. Und dennoch hört man nicht auf, sich über die Exploitation der Juden zu beklagen.

Resumiren wir das Gesapgte, so istider Jude für die Lebenden ein Toter, für die Eingeborenen ein: Fremder, für die Einheimischen sein Land­streicher, für die Besitzenden ein Bettler, für die Armen ein Ausbeuter und Milliomär, für den Pa­frioten ein Vaterlandslosen für alle. Klassen ein verhasster Konkurrent.

Auf diesem naturgemässen Antagonism.us beruht die Unzahl der beiderseitigen Missverständnisse und der Be­schuldigungen und Vorwürfe, welche beide Parteien mit Recht oder Unrecht einander entgegenschleudern. So appelliren die Juden, anstatt die eigene Lage richtig zu erkennen und eine entsprechende rationelle ligne de conduite festzustellen, an die ewige Gerechtigkeit und wähnen, dadurch etwas ausrichten zu können. Andererseits, statt einfach sich auf ihre natürliche Übermacht zu stützen und ihren historisch-tatsächlichen Stand­punkt, den Standpunkt des Stärkeren festzuhalten, versuchen die Nichtjuden ihre abweisende Stellung durch eine Masse von Beschuldigungen zu rechtfertigen, welche bei näherer Prüfung sich als grundlos oder unwesentlich erweisen. Wer aber unpartelisch sein will, wer die Dinge dieser Welt nicht nach den Prinzipien eines utopistischen Arkadiens beurteilen und zurechtlegen, son­dern einfach konstatiren und ‚erklären ‚will, um ‚daraus einen praktisch-nützlichen Schluss zu ziehen, der wird für den geschil­derten Antagonismus keine von beiden Parteien ernstlich ver­antwortlich machen. Den Juden. aber, um die es uns hier zu tun ist, wird er.sagen: Ihr seid ‚doch. wahrlich. ein törichtes

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