Druckschrift 
Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
Entstehung
Seite
13
Einzelbild herunterladen

EN

| 3 $ ® i 3 1

gibt nicht zu, dass der semitische Jude ihm ebenbürtig sei. Und wenn er auch, als gebildeter Mensch, ihm alle-bürgerlichen Rechte einzuräumen bereit ist, so wird er es doch nie dahin bringen, in diesem seinen Mitbürger den Juden zu vergessen. Die legale Emanzipation der Juden ist der Kulminationspunkt der Lei­stungen unseres Jahrhunderts. Aber diese legale Emanzipa­tion ist nicht die gesellschaftliche und mit der Dekretirung der ersteren sind die Juden noch bei weitem nicht von der Aus­schliesslichkeit ihrer gesellschaftlichen Stellung emanzipirt.

Die Emanzipation der Juden findet natürlich ihre Recht­fertigung darin, dass sie immer ein Postulat der Logik, des Rechtes und des wohlverstandenen Interesses gewesen Sein wird. Niemals wird man sie als einen spontanen Ausdruck menschlichen Gefühls ansehen können. Weit entfernt, ihre Ent­stehung dem spontanen Gefühle der Völker zu verdanken, ist sie darum auch nirgends selbstverständlich und hat sie noch nirgends so tiefe Wurzel gefasst, dass, von ihr zu sprechen nicht mehr nötig wäre. Immerhin, ob die Emanzipation aus eigenem Antriebe oder auf Grund bewusster Motive vorgenommen wurde, bleibt sie eine reiche Gabe für das arme, erniedrigte Bettelvolk, dem man gern oder ungern das splendide Almosen hinwirft; für das Bettelvolk, das man trotzdem nicht gerne bei sich beher­bergen mag. Denn man kann keine Sympathie, kein Zutrauen zu einem vaterlandslosen, wandernden Bettler hegen. Der Jude darf nicht vergessen, dass ihm das tägliche Brot des Bürgerrechtes gegeben werden muss. Das Brandmal, das diesem Volke an­haftet, das ihm die so wenig beneidenswerte Isolirung unter allen Nationen aufdrängt, wird durch keine offizielle Gleichstellung weg­gewischt werden können, solange dieses Volk seiner Natur gemäss unstete Landstreicher schaffen wird; so lange es sich nicht darüber ausweisen kann, woher es kommt und wohin es geht; solange die Juden selbst in arischer Gesellschaft nicht gerne von ihrer semi­tischen Herkunft sprechen, nicht gerne an diese erinnert werden mögen; so lange man sie verfolgen, dulden, beschützen, emanzi­piren wird.

Zu jenem entwürdigenden Abhängigkeitsverhältnis des ewig fremden Juden zum.Nichtjuden kommt nun noch ein wesentliches, praktisch wichtiges Moment hinzu, welches eine Verschmelzung. der Juden mit den Ureinwohnern vollends unmöglich macht.

Im grossen Kampfe ums Dasein unterwerfen die Kulturvölker sich gern den Gesetzen, welche diesen Kampf in eine friedliche Konkurrenz, in einen edlen Wetteifer verwandeln helfen. Hier machen die Völker gewöhnlich einen Unterschied zwischen dem In- und Ausländer, wobei natürlicherweise dem ersteren immer der Vorzug gegeben wird. Wenn nun dieser Unterschied schon in