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ein kleines Plätzchen und so verkleinerten wir allmählich mit unseren Ansprüchen auch unsere Selbstwürde, die in fremden und eigenen Augen bis zur Unkenntlichkeit verwischt wurde. Wir waren der Spielball, den die Völker sich gegenseitig zuwarfen. Wir wurden ebenso gerne aufgefangen wie gestossen. Man trieb mit uns das böse Spiel umso lieber, je nachgiebiger und elastischer unser nationales Selbstbewusstsein sich in den Händen der Spieler erwies.
Wie konnte unter solchen Umständen von einer nationalen Selbstbestimmung, von einer freien aktiven Entwickelung unserer nationalen Kraft oder von urwüchsiger Genialität die Rede sein?
Beiläufig. bemerkt, haben unsere Feinde nicht ermangelt, aus diesem letzteren, an sich teilweise nicht unwahren, aber im Grunde genommen höchst irrelevanten Charakterzug Münze zu schlagen, um unsere Inferiorität zu beweisen. Man sollte meinen, dass in ihren Reihen die genialen Männer wie Brombeeren an der Hecke wachsen. Die Armseligen! Dem Adler, der einst zum Himmel emporstieg und die Gottheit erkannte, machen sie den Vorwurf, dass er nicht hoch genug in den Lüften schwebt, wenn ihm die Flügel abgeschnitten sind. Doch auch mit abgeschnittenen Flügeln sind wir auf der Höhe der grossen Kulturvölker geblieben. Gönnet uns einmal das Glück einer Selbständigkeit, lasset uns über unser Schicksal allein verfügen, gebet uns ein Stückchen Land wie den Serben und Rumänen, gönnet uns erst den Vorteil einer freien nationalen Existenz— dann waget es, ein absprechendes Urteil über uns zu fällen, uns den Mangel an genialen Männern vorzuwerfen! Für jetzt leben wir noch unter dem Drucke der Übel, die ihr uns zufügt. Was uns fehlt, ist nicht die Genialität, sondern das Selbstgefühl und das Bewusstsein der Menschenwürde, das ihr uns geraubt.
Wenn wir misshandelt; beraubt, geplündert geschändet werden, dann wagen wir es nicht, uns zu verteidigen und, was noch schlimmer ist, fast finden wir es so in der Ordnung. Schlägt man uns, ins Gesicht, so kühlen wir die brennende Wange mit kaltem Wasser und hat man uns eine blutige Wunde beigebracht, so legen wir einen Verband an. Werden wir hinausgeworfen aus dem Hause, das wir uns selbst gebaut, so flehen wir demütig um Gnade, und gelingt es uns nicht, das Herz unseres Drängers zu erweichen, so ziehen wir weiter und suchen—- ein anderes Exil. Hören wir auf dem Wege einen müssigen Zuschauer uns zurufen:„Arme Teufel von Juden, Ihr seid doch recht zu bedauern,“ so sind wir aufs tiefste gerührt, und sagt man von einem Juden, er mache seinem Volke Ehre, so ist dieses Volk töricht genug, darauf stolz zu sein. So weit sind wir gesunken, dass wir fast übermütig werden vor Freude, wenn, wie im Okzident, ein geringer Bruchteil unseres Volkes mit den Nichtjuden gleichgestellt worden.