Wer gestellt werden muss, steht bekanntlich schwach auf den Füssen . Wird keine Notiz genommen von unserer Abstammung und werden wir wie die andern Landeskinder angesehen, so sind wir dankbar—bis zur absoluten Selbstverleugnung. Für die uns gegönnte behagliche Stellung, für den Fleischtopf, den wir ungestört benutzen dürfen, reden wir uns und den andern ein, dass wir gar keine Juden mehr sind, sondern Vollblutsöhne des Vaterlandes. Eitler Wahn! Ihr möget euch als noch so treue Patrioten bewähren, ihr werdet dennoch bei jeder Gelegenheit an eure semitische Abstammung ‚erinnert werden. Dieses verhängnisvolle„Memento mori “ wird euch aber nicht hindern, so lange von der gewährten Gastfreundschaft Gebrauch zu machen, bis man euch eines schönen Morgens über die Grenze hinauswirft, bis der skeptische Mob euch daran erinnert, dass ihr im Grunde doch nichts als‘ Landstreicher und Parasiten seid, für welche kein Gesetz geschrieben ist.
Aber auch eine humane Behandlung gelte uns nicht als Beweis, dass wir gewünscht und nicht eher verwünscht werden.
Welche klägliche Figur machen wir doch! Wir zählen nicht als Nation in der Reihe der anderen Nationen und haben keine Stimme im Rate der Völker, auch nicht in Dingen, die uns selbst angehen. Unser Vaterland— die Fremde, unsere Einheit—: die Zerstreuung, ‚unsere Solidarität— die allgemeine Anfeindung, unsere Waffe-— die Demut, unsere Wehrkraft— ‚die Flucht, unsere Originalität— die Anpassung, unsere Zukunft— der nächste Tag. Welche verächtliche Rolle für ein Volk, das einst seine Makkabäer hatte!
Was Wunder, dass ein Volk, welches für das liebe Leben sich mit Füssen treten liess und diese Füsse auch zu küssen gelernt, der tiefsten Verachtung anheimfallen musste!
Das Verhängnisvolle in unserer Geschichte liegt darin, dass wir weder sterben noch leben können. Sterben können wir nicht, ungeachtet der Schläge unserer Feinde, und wollen wir nicht durch eigene Hand, durch Renegation und Selbstvernichtung. Aber auch leben können wir nicht, dafür sorgen schon unsere Feinde. Als Nation ein neues Leben beginnen, um zu leben wie die andern Völker— auch das wollen. wir nicht, dank jenen übereifrigen Patrioten, welche es für nötig erachten, ihrer übrigens ganz selbstverständlichen Bürgertreue die Berechtigung zu jedem selbständig nationalen. Leben zum Opfer zu bringen. Solche patriotische Fanatiker verleugnen ihr ureigenes Wesen zu Gunsten jeder andern beliebigen, höher oder niedriger stehenden Nationalität. Aber sie betören niemand. Sie sehen nicht, wie gerne man sich für ihre jüdische Kameradschaft bedankt.
So leben wir. seit achtzehn Jahrhunderten in Schmach— und nicht ein. einziger ernstlicher Versuch, sie abzuschütteln!
2