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Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
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russische Regierung eine fremde ist. Und die übrigen euro­päischen Regierungen wie sollten sie sich um Bürger eines Reiches kümmern, in dessen innere Angelegenheiten sich einzu­mischen niemand ein Recht hat? Heutzutage, seitdem unsere Stammesgenossen auf einem kleinen Teile der Erde zu Atem gekommen und für die Leiden ihrer Brüder teilnahmsfähiger geworden sind; heutzutage, seitdem man eine Anzahl untergeordneter und unterdrückter Nationalitäten ihre Selbständigkeit wiedergewinnen liess, dürfen auch. wir nicht einen Augenblick mehr die Hände im Schosse ruhen lassen, dürfen wir nicht zugeben, dass wir auch in Zukunft dazu verdammt sein sollen, die aussichtslose Rolle desewigen Juden fortzuspielen.

Ja, aussichtslos ist diese Rolle und zum Verzweifeln! Hat: ein einzelner Mensch das Unglück, in eine Lage zu geraten, wo er sich von der Gesellschaft verachtet und ver­ verstossen sieht, so nimmt es niemand Wunder, wenn er einen Selbstmord begeht. Aber wo ist das Todeswerkzeug, welches allen. auf der Erde zerstreuten Gliedern des jüdischen Volks­ organismus den Gnadenstoss erteilen könnte? Und welche Hand würde sich dazu hergeben? Je weniger dies möglich und wünschenswert ist, umsomehr lastet auf uns die Verpflichtung, die ganze uns noch gebliebene moralische Kraft aufzubieten, um uns zu retabliren, damit auch wir endlich im Kreise der lebenden Nationen eine erträglichere und würdigere Stellung einnehmen.

Wenn aber der Standpunkt, von dem wir ausgingen, ein richtiger ist, wenn die Voreingenommenheit des Menschenge­schlechtes gegen uns auf angeborenen und unausrottbaren, in anthropologischer und sozialer Hinsicht tief begründeten Prin­ zipien beruht, so müssen wir auch den langsamen Fortschritt der Menschheit auf sich beruhen lassen und einsehen lernen, dass, so lange wir nicht wie die andern Nationen ein eigenes Heim haben, wir ein für allemal die edle Hoffnung aufgeben müssen, mit den andern gleichwertige Menschen zu werden. Wir müssen uns zu der Einsicht bekehren, dass, ehe die grosse Humanitätsidee alle Völker der Erde vereinigen wird, noch eine Reihe von Jahrtausenden vergehen kann und dass bis dahin ein Volk, welches überall und nirgends zu Hause ist, auch überall als fremder Körper von den Volksorganismen empfunden werden wird. Es ist die Zeit gekommen für eine nüchterne und leiden­schaftslose Erkenntnis unserer wahren Lage. Mit unparteiischem Blicke, ohne vorgefasste Meinung müssen wir im Völkerspiegel die tragisch-possenhafte Figur unseres Volkes herauserkennen, welche verzerrten Gesichtes und mit verstümmelten Gliedern die