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Autoemanzipation : Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden / Leo Pinsker. Mit einem Vorw. v. M. T. Schnirer
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oder Unrecht, unbequem sind. Dieses Streben muss eine. Tat­sache werden, die sich der internationalen Politik der Gegen­wart unwiderstehlich aufdrängt und gewiss auch eine Zukunft 1aben wird,

Wohl muss man gleich am Anfange auf ein grosses Ge­schrei gefasst sein. Wohl werden die ersten Regungen dieses Strebens von den meisten der mit Recht furchtsam und skeptisch gewordenen Juden als unbewusste Zuckungen eines schwer dar­niederliegenden Organismus ausgegeben werden; und gewiss wird die Durchführung und Verwirklichung solcher Bestrebungen den grössten Schwierigkeiten unterliegen, vielleicht nur nach übermenschlichen Anstrengungen möglich werden. Man bedenke aber nur, dass sich den Juden kein anderer Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage darbietet und dass es feige wäre, einen solchen Weg nicht zu betreten, bloss weil er lang, schwierig und gefährlich ist, weil er nur wenig sichere Chancen für einen glücklichen Erfolg bietet. Wer nicht wagt, gewinnt nicht und wahrlich, was haben wir noch zu verlieren? Im schlimmsten Falle bleiben wir auch fernerhin, was wir bislang waren und was wir aus Feigheit nicht aufhören wollen zu sein: die ewig verachteten Juden.

Wir haben in der letzten Zeit in Russland sehr bittere Er­fahrungen ‚gemacht. Dieses Land hat unserer Zu viel und zu wenig. Zu viel in den südwestlichen Provinzen, wo den Juden der Auf­enthalt gestattet, zu wenig in allen andern, wo dieser ihnen ver­boten ist. Hätte die Regierung und mit ihr die russische Nation die Einsicht, dass eine gleichmässige Verteilung der jüdischen Bevölkerung der Wohlfahrtdes ganzen Reiches nur zugute käme, und hätte sie auch dieser Einsicht gemäss gehandelt, dann wäre es wahrscheinlich zu all den Verfolgungen nicht gekommen, die wir erlebt haben. Leider aber kann und will man dort nicht zu dieser Einsicht kommen. Das ist nicht unsere Schuld und ebensowenig eine Folgedes niedrigen Kulturzustandes des russischen Volkes; sind wir ja gerade in einem grossen Teile der intelligent sein sollenden Presse den enragirtesten. Widersachern begegnet; es ist vielmehr einzig und allein die Folge jener allgemeinen, in der Natur der menschlichen Dinge begründeten Ursachen, die wir oben erörtert haben. Und da es nicht unsere Aufgabe sein soll, das Menschengeschlecht zu verbessern, so müssen wir sehen, was wir selbst unter den gegebenen Umständen zu tun haben.

Unter den gegebenen und nicht zu ändernden Umständen waren wir, sind wir und werden wir zu allen Zeiten die Parasiten sein, welche der herrschenden Bevölkerung Zur Last fallen und es ihr niemals recht machen werden. Das wird umsoweniger