Teil eines Werkes 
Bd. 4 (1904) Schopenhauer
Entstehung
Seite
280
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Anhang,

der Netzhaut und der Sehbahn, die wir als Chemismen aufzufassen pflegen. Die Rede, dass das Auge oder die Netzhaut Farben empfinde, ist ungenau. Während der Vorgänge in der Netzhaut empfinden wir wahr­scheinlich gar nichts, erst nach einer zwar kleinen, aber messbaren Zeit folgen die Chemismen in der Umgebung der Fissura calcarina, mit denen das Sehen gleichzeitig ist. Hiernach ist die Behauptung Schopen­hauers und Späterer, Farbe sei die Thätigkeit der Retina, zu corrigiren. Anatomische und physiologische Untersuchungen können zwar unser Wissen von den correspondirenden Vorgängen fördern, aber an der psychologischen Farbenlehre können sie nichts ändern. Versuche am Menschen sind mit Vorsicht zu ver­werthen. Stimmen ihre Ergebnisse mit der psycho­logischen Farbenlehre überein, so bringen sie nichts Neues, mögen aber willkommen sein. Stimmen sie nicht überein, so hat man anzunehmen, dass durch den Eingriff pathologische Veränderungen der cor­respondirenden Vorgänge bewirkt worden seien. Ein physiologischer Versuch kann doch nur darin bestehen, dass die der Empfindung dienenden Theile unter un­gewöhnliche Bedingungen gebracht werden, und es versteht sich, dass die Empfindung dann keine nor­male Empfindung mehr zu sein braucht. Am wich­tigsten sind die geforderten(complementären) Farben. Entdeckt sie ein gesunder Mensch nicht zufällig, so nimmt er sie während seines ganzen Lebens nicht wahr. Glücklicherweise entstehen sie nur ausnahm­weise, bei Ueberreizung des Sehorgans, denn sonst

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