156 Die Entdeckung des Chassidismus
ten die Erlebnisse Maimons ähnlich exotisch wirken wie die merkwürdige, oft nachlässig oder unpassend gewan- dete Figur ihres außerdem oft betrunkenen Erzählers, eines stets mittellosen Eigenbrötlers und Außenseiters.
Daß das Interesse gerade an den Schilderungen von Kabbala und Chassidismus groß gewesen ist, beweist die Veröffentlichungsgeschichte der Lebensgeschichte Maimons selber. Denn die ursprünglich im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde veröffentlichten Fragmente aus Ben Josua’s Lebensgeschichte, die die Ereignisse des ersten Bandes der Lebensgeschichte in der dritten Person Singular und aus der Beobachterperspektive erzählt hatten, 236 und der nachher erschienene erste Band der Lebensgeschichte von 179z fanden, wie Maimon in seiner Vorrede zum zweiten Band schreibt, «über meine Erwartung so vielen Beifall, daß ich länger den Wunsch meiner Freunde und besonders (welches in meiner Lage das wichtigste ist) des Herrn Verlegers, der selbst Kenner ist, diese Lebensgeschichte, so unvollkommen sie auch geraten möchte, ganz zu liefern nicht widerstehen konnte.» 237
Jene genannten Fragmente aus Ben Josua’s Lebensgeschichte, die so großen Beifall fanden, bestehen zu mehr als der Hälfte, genau 53 von 93 Seiten, aus eben den Schilderungen der Kabbala und der Chassidim, welche der erste Band der Lebensgeschichte dann aufnimmt und vermehrt. Kabbala und Chassidismus, das ist auch heute wieder so, wirkten also verkaufsfördernd, so wie sich Exotik in der bürgerlichen Welt seit je gut verkauft. Es ist die Exotik des Chassidismus im Wilden Osten in den Fragmenten aus Ben Josua’s Lebensgeschichte, es ist diesselbe Exotik in Salomon Maimons Lebensgeschichte, welche das Interesse und den Beifall des aufgeklärten bürgerlichen Publikums aus Juden und Christen findet. Das ist ganz sicher auch der Applaus jener, die am Beispiel Maimons den Sieg der Aufklärung und damit sich selbst feiern.