VI. Kant und die jüdische Aufklärung
Die kurze Geschichte der jüdischen Aufklärung in Deutschland ist gekennzeichnet durch einen Wechsel der philosophischen Paradigmata: Moses Mendelssohn, der «Vater» und die Symbolfigur der Haskala in Deutschland, war noch Metaphysiker im Sinne der Schulphilosophie Christian Wolffs und Gottfried Wilhelm Leibniz’. Noch zwei Jahre vor seinem Tod übersetzte, ergänzte und überarbeitete er Teile der Causa Dei Asserta aus den Essais de Tbeodicee von Leibniz und publizierte die kleine Schrift 1784 unter dem Titel Sache Gottes oder die gerettete Vorsehung. Dagegen waren die führenden Köpfe der zweiten Generation jüdischer Aufklärer fast sämtlich Kantianer. Für Mendelssohn konnte ein Jude noch in vollem Sinne aufgeklärt sein und zugleich den traditionellen religiösen Geboten des Judentums unverändert treu bleiben. Aufklärung und Halacha waren für ihn miteinander vereinbar. Denn die «Vernunftwahrheiten» eines aufgeklärten Theisten wie die Existenz Gottes, die Theodizee oder Gerechtigkeit Gottes angesichts der Übel in der Welt und die Unsterblichkeit der Seele werden von allen Vernunftwesen als beweisbare Wahrheiten erkannt und anerkannt, gleich ob Juden, Christen oder Muslime. Dagegen ist die Tora nur den Juden gegeben. Das Judesein und die Observanz gegenüber den Geboten der Halacha ist in einer toleranten und aufgeklärten Gesellschaft Privatsache jedes einzelnen und legitim, solange das allgemeine Wohl von diesen Religionslehren nicht beeinträchtigt wird.
Für die jüdisqhen Aufklärer im Banne Kants, für Markus Herz, Isaak Euchel, Saul Ascher, Salomon Maimon und Lazarus Bendavid, die einer anderen Generation angehören und meistens zwischen 20 und 30 Jahre jünger