158 Kant und die jüdische Aufklärung
als Mendelssohn sind, gilt dies nicht mehr. Unter dem Eindruck von Kants Kritiken lassen sich die theistischen Vernunftwahrheiten Mendelssohns nicht mehr verteidigen. Darum ändert sich in ihren Schriften das Verhältnis von Vernunft und Religion, von wissenschaftlichen, ethischen oder politischen Ansprüchen der Aufklärung zur religiösen Tradition des Judentums nachhaltig.
Unter dem Einfluß Kants findet seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft 1781 ein Wechsel des philosophischen Paradigmas nicht nur in der deutschen Spätaufklärung, sondern auch innerhalb der Haskala statt. Dieser Wechsel markiert zugleich einen philosophischen und theologisch-politischen Generationswechsel von Mendelssohn zu den Kantianern unter den Maskilim. Mendelssohns Beziehung zum fünf Jahre älteren Kant war auf der persönlichen Ebene ehrerbietig und freundlich, auf der philosophischen Ebene unergiebig; Kants Äußerungen über Mendelssohn nach dessen Tod sind eher unerquicklich. 238
Mendelssohns Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum von 1783 war eine philosophische Programmschrift für die Haskala und zugleich für die deutsche Aufklärung, insofern hier mit naturrechtlicher Argumentation die individuelle Religions- und Gewissensfreiheit in Staat und Kirche bzw. Synagoge in einer bis zur Französischen Revolution in Deutschland ungekannten Radikalität eingefordert wird. Mendelssohn spricht dem Staat das Recht ab, eine Religion oder Konfession gegenüber den anderen durch finanzielle Förderung, Privilegierung oder Ämtervergabe zu bevorteilen. Diese Argumentation brachte Mendelssohn unter den protestantischen Pastoren und Beamten in Preußen Feinde ein, denn ihre Religionszugehörigkeit wurde durch entsprechende Pfründe belohnt, während Juden von Staatsämtern ausgeschlossen blieben. Aber eben diese Radikalität nötigte Kant Respekt ab, der in einem Brief an Mendelssohn bestätigte, daß die vom Juden Mendelssohn geforderte Gewissensfreiheit für Ju-