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Psychopathologie des Fin de siècle : der Kulturkritiker, Arzt und Zionist Max Nordau / Christoph Schulte
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Hauslehrer, Journalist, Medizinstudent

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der wie Nordau nach gelungenem Aufstieg ins Bürgertum nichts mehr fürchtet als den Rückfall in die Armut der Anfänge.

Fürs erste legitimiert die Verachtung der ungebildeten Reichen, ihnen, vor allem der »gnädigen Frau«, alles mögliche vorzuflun­kern. Simcha hat sich als »Max Nordau« eingeführt und wird so auch gerufen, anders als noch auf der heimischen Schulbank. In der neuen Umgebung ist der neue Hauslehrer »Herr Nordau«, ein hoff­nungsvoller Poet, Journalist und angehender Wissenschaftler, der der gnädigen Frau Gedichte von Heinrich Heine und Max Nordau vorliest, die gleichermaßen belobigt werden. Er ist allseits beliebt, aber bleibt dennoch stets Teil des Gesindes, ein Dienstbote, der sein Leid und seine Demütigungen nur brieflich seiner Schwester kla­gen kann. »Ich führe eine miserable Existenz .« 35 Damit die beiden sich unzensiert schreiben können und weder die Herrschaft noch die Eltern Einblick nehmen können, werden die Briefe vorsichts­halber versiegelt . 36 »MN« leuchtet das rote Siegel Nordaus noch heute von erhaltenen Briefumschlägen . 37 Als der Petschaft verloren­geht, muß sofort ein neuer besorgt werden . 38 Eher kann man am Essen sparen als am Ansehen. Kurz, Nordau führt ein Hauslehrer­dasein, wie es im Buche steht und wie es den schon damals litera­turträchtigen Klischees der Hauslehrer-Erfahrungen von deut­schen Dichtern und Denkern nicht besser entsprechen könnte.

Denn natürlich unterrichtet der schmächtige, bartlose, jungen­haft kleine Herr Nordau Deutsch. Und treibt in Gesellschaft deut­sche Konversation. Auch der Schwester, als deren spiritus rector im Wahren, Schönen und Guten er sich fühlt und ausgibt, schreibt er deutsch. Er schickt ihr fünf deutsche »Lieder der Liebe«, ge­schrieben im Stile Heines und unterzeichnet »Simi der Dichter «. 39 ln einem Deutsch, das natürlich besser ist als das der Herrschaft. Aber er bleibt Dienstbote. Er hat nicht einmal ein eigenes Zimmer und schämt sich vor seinem Zimmergenossen furchtbar, als er An­fang Januar nach einem Ball der Neujahrszeit einmal trunken ins

35 Brief Nordau - Charlotte Südfeld, 8.8.1867, ZZA A 119 /13.

36 Brief Nordau - Charlotte Südfeld, 5.9.1866, ZZA A 119/12.

37 Vgl. Brief Nordau - Charlotte Südfeld, 30.10.1866, ZZA A 119 /12.

38 Brief Nordau - Charlotte Südfeld, 23.12.1866, ZZA A 119/12.

39 Brief Nordau-Charlotte Südfeld, 18.3.1867, ZZA A 119/13.