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Psychopathologie des Fin de siècle : der Kulturkritiker, Arzt und Zionist Max Nordau / Christoph Schulte
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Jugendjahre in Pest

Bett »gepischt« hat. Als dann im Frühjahr seine Stiefeletten in Pest repariert werden müssen, bleibt ihm zu seiner Schande keine Wahl: Da er kein anderes Paar Schuhe hat, geht der Herr Lehrer drei Tage lang barfuß . 40

Besonders peinlich ist ihm, daß sein Vater im tiefsten Winter, Ende Januar, den zufällig in Pest weilenden Gutsbesitzer Fuchs, seinen Brotherrn, um einen Vorschuß auf den Lohn des Sohnes bittet, den Fuchs dem Vater jedoch verweigert. Damit sind Nordau und seine Familie dem Gutsbesitzer gegenüber endgültig als arme Hungerleider desavouiert. Das Bild Nordaus als Sohn eines aufge­klärten Rabbiners und Buchautors, das dieser seiner Herrschaft vermutlich gezeichnet hatte, ist ramponiert. Zudem aber erbost Nordau das Verfügen seines Vaters über sein sauer verdientes Geld. Höchst aufschlußreich ist der Brief, den er ihm daraufhin schreibt, übrigens der einzige Brief an den Vater, der erhalten ist. Im Ton höchst ehrerbietig, »küßt er ihm die Hand«, schickt statt der fünf Gulden, die der Vater von Herrn Fuchs leihen wollte, nun nur vier, und läßt sich deren Empfang von seinem Vater ganz ausdrücklich quittieren . 41 In den Briefen an die Schwester hingegen läßt er seiner Erregung freien Lauf. Im Zweifelsfall nimmt er für seine Schwester und seine Mutter Partei - für seine Schwester, als ihr Melonen weg­gegessen werden, für die Mutter, als sie wieder kränkelt und der Vater aus Geiz den Arzt nicht holen will.

»Liebste Lotti!

(...) Die arme Mutter! Ist sie krank, und Niemand da, der Dir und ihr helfen könnte! Kein Arzt, keine Medizin, nichts, gar nichts. Ich will gar nicht sagen, was ich dem Herrn Papa alles [?] habe, weil er nicht hat wollen zum Doktor gehen. Wirklich, ärger als ein roher Bauer! >Man braucht nischt, werd schoin gutt wem, machts mir kein Kopp meschuge; kochs nor Kamillenthee!< Das ist seine ganze Kunst! Aber irgend etwas thun, nur einen Schritt machen, der doch keinen Kreuzer kostet; auf es wert schon a soi gutt wem (...). « 42

40 Brief Nordau-Charlotte Südfeld, 1.9.1867, ZZAA 119/13.

41 Briefv. 1.2.1867, ZZAA 119/11.

42 Brief Nordau-Charlotte Südfeld, 12.9.1867, ZZAA 119/13; [?] = unleser­lich.