Hauslehrer, Journalist, Medizinstudent
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Die Konsequenzen aus der stets wachsenden Distanz zum Vater deutet Nordau noch im selben Brief an. Er wird sich (und damit auch Mutter und Schwester) finanziell ganz selbständig machen, vor allem wird er weiter lernen. Der Fester Lloyd will ihn fest engagieren und Nordau hofft, nach der Matura dieses Angebot annehmen zu können, um so voraussichtlich 30 Gulden in der Woche zu verdienen. Aber zuerst muß die Matura bestanden sein, und er bereitet sie in Räkos-Keresztur in aller Ruhe vor, wie er seiner Schwester von dort wiederholt schreibt. Ihr, seiner Seelenfreundin und Schülerin, ist all dies verwehrt. Sie sitzt zu Hause, hat teil an seinem deutschen Bildungskanon, kann aber nicht das Gymnasium besuchen, kann nicht studieren, ja nicht einmal eine öffentliche Bibliothek benutzen. Denn Zugang für Frauen ist im Bildungssystem Ungarns, vermutlich auch im Frauenbild Gabriel Südfelds und seiner des Lesens unkundigen Frau, nicht vorgesehen. 43 Die sechzehnjährige Schwester, die vom Theater träumt, ist zur Hausarbeit und sogar zur Haushaltsführung verdammt, wenn die Mutter krank ist. Lotti sitzt zu Hause und wartet auf Simis Briefe oder den Pester Lloyd und andere Zeitungen, in denen bisweilen seine Beiträge erscheinen. Sie sitzt und wartet auf einen passenden Bräutigam, denn daß sie einen Beruf erlernt, ist gesellschaftlich noch nicht möglich und anerkannt, daß sie sich als Arbeiterin, Verkäuferin oder Hausmädchen verdingt, ist angesichts des bürgerlichen Südfeldschen Standesbewußtseins familiär unvorstellbar und tatsächlich unter ihrem intellektuellen Niveau.
Es macht die Tragik von Charlotte Südfelds Leben aus, daß es Heiratskandidaten gab, aber eine Verehelichung nie zustande kam, weil sie mangels eines Erbes keine Aussteuer zu bieten hatte, andererseits jedoch auch zu gebildet war, um >unter Stand< zu heiraten. Wir können Nordaus spätere bekannte Invektiven gegen die »Ehelüge« und gegen die Aussteuer-Jäger getrost als aus dem Leben gegriffene Beschreibung ihres Falles lesen. 44 Nordau war der ein-
43 Ähnlich erging es auch Pauline Herzl, der jüngeren, früh verstorbenen Schwester Theodor Herzls, die aus einem wesentlich wohlhabenderen Elternhaus kam, noch knapp ein Jahrzehnt später; vgl. A. Händler, Dorf, S. 101.
44 Max Nordau, Die conventioneilen Lügen der Kulturmenschheit, Leipzig 1883.