148
Die conventioneilen Lügen der Kulturmenschheit
die Küche, die Promenade und das Seebad, den Ball- und Speisesaal, nur an eines denkt man nicht, an das allein Wesentliche: an das Schlafzimmer, dieses Heiligthum, aus welchem wie ein Mor- genroth die Zukunft der Familie, des Volkes, der Menschheit hervorbrechen soll .« 60
Kinder seien in der modernen Ehelüge nur noch ein unerwünschter, bestenfalls ein gleichgültiger Zufall, denn die Ehe beruhe nicht mehr auf einer »Wahlverwandtschaft« im Sinne Goe- thes(!) und »instinktiver Erkenntnis« eines Gattungspartners, mit dem Erhaltung und Verbesserung der Art erreicht werden kann, sondern auf dem blanken Eigeninteresse. Wo aber die instinktive Liebe bei einem der Partner fehle und das Eigeninteresse die Ehe beherrsche, sei diese nur legalisierte Prostitution. Die Folge solcher Geschlechterverhältnisse ist Entartung, Degeneration. Aber, tröstet uns Nordau, die degenerierte, kinderlose Interessenehe habe keine Zukunft. Sie fällt der Zuchtwahl zum Opfer, die in der Menschengattung ebenso wirkt wie in jedem anderen lebendigen Organismus.
»Die Degenerierten finden sich hauptsächlich in den höheren Klassen. Sie sind zugleich Folge und Ursache der selbstischen Organisation derselben. Da heiratet man nicht nach Neigung, sondern nach Rang und Vermögen. Vermögen und Rang bleiben auf diese Weise erhalten, aber ihre Besitzer gehen zu Grunde. Das ist eine Wirkung der Selbstrichtungs- und Hemmungsvorrichtungen, mit denen jeder lebende Organismus, also auch die Menschenart, ausgerüstet ist. (...) Der Selbsterhaltungstrieb der Art äußert sich also darin, daß die auf Lieblosigkeit und Selbstsucht gegründeten Familien unerbittlich ausgerottet werden.« 61
Die Ehe als »Versorgungsanstalt« und »angenehmer Zeitvertreib« ohne Kinder, so führt Nordau aus, endet mit der »raschen Entartung der Kulturmenschheit «. 62 Unter Entartung und kapitalistischem Egoismus leidet insbesondere »das Weib«, denn es ist von Natur aus auf Ehe, Mutterschaft und Mutterschutz angelegt.
»Das Weib der Kulturvölker ist auf die Ehe als aufseine einzige
60 S. 316.
61 S.326f.
62 S.333.