Entartete Kunst?
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dells von gesundem Fortschritt und positiver geschichtlicher Evolution des Ganzen, eine Ausnahme, die den Fortschritt als Regel nicht aufhebt, ja nicht einmal gefährdet: Anders als die Dekadenz wird die Entartung nie herrschendes Geschichtsmodell, sondern kann den Lauf der fortschrittlichen geschichtlichen Entwicklung gerade nicht aufhalten.
Hierin liegt auch der Unterschied zwischen Nordaus Entartungs- Begriff und der bei Nietzsche ad nauseam beschworenen deca- dence des Christentums und des christlichen Abendlandes bis hin zum Nihilismus gegenüber den aristokratischem Werten der wildem, dionysischen, präsokratischen griechischen Antike. Dieser decadence soll durch die vitalistische Proklamation eines Übermenschen abgeholfen werden, eines Übermenschen, der den Nihilismus als Endpunkt der Dekadenz überwindet. Nordau behandelt hiergegen Nietzsches Rede von der »blonden Bestie« und dem »Übermenschen« selbst als Symptom von Entartung, nicht als eine Möglichkeit ihrer Überwindung. Von daher bietet für Nordau das Konzept der Entartung die Möglichkeit, die von Nietzsche beschriebene decadence als historisches Modell, als analytischen Begriff oder als Zustandsbeschreibung selbst noch einmal umfassend zu kritisieren.
Innerhalb der Psychopathologie deutscher Zunge gibt es den Begriff Entartung vor Nordau nur einmal: Wilhelm Schallmayer, der Vater der deutschen »Rassenhygiene« 19 , veröffentlicht 1891 seinen Traktat Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit. Ob Nordau diese zwei seiner eigenen Titel kombinierende kleine Schrift kannte, ist zweifelhaft; er zitiert sie jedenfalls nicht. Auch Schallmayer ist wie Nordau Darwinist, der sich um die Kulturmenschheit sorgt, aber ihm geht es nicht um konkrete Kunstwerke und Künstler, sondern um die gezielte Selektion von Behinderten und Züchtung von gesunden Menschen im Interesse steigender »Volksgesundheit«. Sein Werk wird bis ins Dritte Reich inner- und außerhalb der Fachliteratur noch breit zitiert. Anders als
19 Vgl. Peter Weingart/Jürgen Kroll/Kurt Bayertz, Rasse Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt/M. 1988, S. 38-41 u. ö.