222 Entartung
wäre, so Nordau, der Nachweis und eine hieb- und stichfeste Diagnose natürlich durch eine körperliche Untersuchung zu führen 44 , aber da die Betroffenen dafür nicht zur Verfügung stehen, muß sich der Kritiker an die Werke halten und von ihnen auf den Geisteszustand der Künstler und ihrer Bewunderer schließen.
Nordau nennt eine Vielzahl von reichlich weit gefaßten Symptomen der Entartung: Asymmetrie der Fähigkeiten. Selbstsucht, Impulsivität, Emotivität, geistige Kraft- und Mutlosigkeit, Melancholie, Willensschwäche, Träumerei und Gedankenflucht . 45 Ein weites Feld von Symptomen, von denen sich eines oder mehrere je nach Bedarf in den Werken der als entartet Kritisierten werden nachwei- sen lassen. Allen Entarteten gemeinsam ist allerdings das Fehlen des »Sinns für Sittlichkeit und Recht «. 46
Dabei steht die Geisteskrankheit Entartung, so Nordau in Übereinstimmung mit Lombrosos Genio e folia, nicht im Gegensatz zu Genie. »Der Degenerierte kann ein Genie sein .« 41 Aber er muß es nicht sein. Und vollends im Gegensatz zu Lombroso sieht sich Nordau mit seiner Überzeugung von der reinen Destruktivität und Schädlichkeit der Entartung, selbst bei Genies. »Ich bin nicht der Ansicht Lombrosos, daß die genialen Degenerierten eine treibende Kraft des Fortschrittes der Menschheit sind. Sie bestechen und blenden, sie üben leider auch häufig eine tiefe Wirkung, aber diese ist stets eine unheilvolle. (...) Sie leiten ebenfalls die Menschheit auf eigenen, selbstgefundenen Pfaden zu neuen Zielen, aber diese Ziele sind A bgründe oder Wüsteneien .« 48
Die Nachahmer der Degenerierten, ihr Publikum allemal, sind Hysteriker oder Neurastheniker, deren Hauptsymptomein Emotivität und Suggestivität bestehen . 49 Die Hysterie des Modepublikums ist geradezu eine Massenerscheinung 50 : Ein Entarteter suggeriert den Massen etwas und sie folgen bereitwillig seinen Lockungen.
44 Entartung 134.
45 Entartung 135-40.
46 Entartung 135.
47 Entartung 143.
48 Entartung I 45 f.
49 Entartung 148.
50 Entartung 160 f.