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Die Angriffspläne Friedrichs des Großen in den beiden ersten Schlesischen Kriegen : Vortrag gehalten in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 24. Januar 1890 / von A. v. Roeßler
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zu treffen, zu einem Stoße in das Herz des Feindes, der das Gefüge des Habsburgiſchen Staates in feinen Grundfeſten erſchüttern ſollte.

Es iſt eine bekannte Thatſache, daß die Kriegführung Friedrichs des Großen bis in die allerjüngſte Zeit ſehr verſchiedenartig beurtheilt wird, und daß ſich zwei Anſichten gegenſeitig bekämpfen. Die eine will in der Strategie des Königs die gleichen Züge wiedererkennen, welche zu allen Zeiten die Heerführung großer Feldherren gekennzeichnet haben, nämlich beim Angriff das Streben nach der Zertrümmerung des feindlichen Heeres durch die Schlacht und nach der Eroberung ſeiner Hauptſtadt; die andere Auffaſſung dagegen behauptet, daß ein weſentlicher Unterſchied zwiſchen den ſtrategiſchen Anſichten Friedrichs des Großen und denen feiner Zeitgenoſſen nicht beſtehe, daß viel mehr die Kriegsweiſe des Königs mehr auf ein Ermatten und Ausdauern, als auf ein Niederwerfen des Feindes hingezielt hätte.

Tritt man unbefangen an die Frage heran, ſo iſt man zunächſt erſtaunt, daß überhaupt zwei fo grundverſchiedene Auffaſſungen beſtehen können. Der Wortlaut der Kriegspläne und der Verlauf der Operationen dürften doch eigentlich über die Ziele des Königs gar keinen Zweifel laſſen. Das Erſtaunen wächſt aber noch, wenn man die ſchon recht umfangreiche Streitliteratur durchlieſt und die Entdeckung macht, daß die eigentlichen Angriffskriege des Königs niemals in den Kreis der Erörterungen hineingezogen worden ſind. Die Kriege, welche der König geführt hat, laſſen ſich in drei ſcharf getrennte Perioden gliedern.

Die erſte derſelben reicht von der Beſitznahme Schleſiens bis in die Mitte des Jahres 1741. In ihr ſtehen ſich nur Preußen und Oeſterreich gegen­über. Der König hat ſich durch ſtrategiſchen Ueberfall Schleſiens bemächtigt und behauptet ſich dort gegen den Gegenangriff Neippergs.

In der zweiten Periode, welche die letzte Hälfte des Jahres 1741, das Jahr 1742 bis zum Breslauer Frieden und das erſte Jahr des zweiten Schleſiſchen Krieges umfaßt, iſt der König die Seele einer mächtigen Allianz, welche Preußen, Frankreich , Bayern und zunächſt Sachſen abgeſchloſſen haben mit der Abſicht, die Hälfte der Oeſterreichiſchen Länder von der Habsburgiſchen Monarchie loszureißen und unter ſich zu vertheilen. Dies konnte aber bei dem Charakter Maria Thereſias nur erreicht werden, wenn man Oeſterreich völlig zu Boden warf.

In der dritten Periode iſt der große Bund geſprengt und hat ſich der König im Jahre 1745 gegen Oeſterreich und Sachſen und dann ſpäter im ſiebenjährigen Kriege gegen halb Europa zu vertheidigen.

Eine Beurtheilung, welche darauf ausgeht, die letzten Ziele Fridericianiſcher Kriegführung feſtzuſtellen, wird unterſcheiden müſſen zwiſchen Angriff und Vertheidigung und, wenn fie die erſteren betrachtet, nicht umhin können, ſich in ihren Schlußfolgerungen weſentlich auf die zweite der ebenerwähnten Perioden zu ſtützen.

Dies iſt aber nicht geſchehen. Man hat ſich vielmehr mit der allgemeinen