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wieder vollzählig„komplett, mit gedoppelten Ueberkompletten!. Die emſige Friedensarbeit in den Winterquartieren verſcheuchte Kleinmuth und Niedergeſchlagenheit, es kehrte das Vertrauen zu den Führern und damit auch die Disziplin wieder. Friedrich war unermüdlich, ſeine Offiziere zur Arbeit, zum Pflichtbewußtſein, zur Thatkraft anzuſpornen. Hier nur eine Ordre von vielen. Sie iſt an den General Hautcharmoi gerichtet, und heißt es in derſelben:„Emportiret Euch allezeit wie ein tapferer Mann, menagiret den Feind nicht und unterrichtet Euere Offiziers, ebenſo geſinnt zu ſein. Ich will keine timiden Offiziers haben, wer nicht dreiſt und herzhaft iſt, meritiret nicht, in der Preußiſchen Armee zu dienen. Sagt ſolches Allen Eueren Offiziers und Subalternen.“
Die erſten glücklichen Gefechte mit den Oeſterreichiſchen leichten Truppen zeigten bald, daß der alte Geiſt des Heeres wieder erwacht war. Zieten erwarb neuen Ruhm, Winterfeldt erhielt den Orden pour le mérite und wurde vier Wochen ſpäter General, Seydlitz wird zum erſten Male in den Berichten genannt. Daneben zeichneten ſich Dumoulin, Wartensleben, der jüngere Schwerin aus und viele Andere mehr. Der König konnte freier athmen, wenn er den prüfenden Blick auf ſeine Truppen richtete, und befriedigt ſagen:„Ich habe den Geiſt meiner Offiziere auf meinen Ton geſtimmt.“
Gerade in jenen Tagen war aber auch die Gefahr des Staates am
Am 27. April erhielt der König die Nachricht von dem Bayeriſchen
größten. Separatfrieden; Graf Podewils ſchickte ſie mit einem Begleitſchreiben, welches offen die ganze Gefahr der Lage enthüllte.
Der Miniſter ſchrieb:„Ich gebe Ew. Majeſtät zu erwägen, ob die Klugheit uns nicht gebietet, bei Zeiten Unterhandlungen einzuleiten und um jeden Preis Frieden zu ſchließen, ſtatt Alles auf eine Karte zu ſetzen und nicht nur Schleſien , ſondern auch die beſten Stücke der Erblande zu verlieren; denn wenn das Unglück einträte, daß die Waffen Ew. Majeſtät in Schleſien einen Echec erlitten, fo haben Sie nicht mehr den geringſten Rückhalt und werden vielleicht dereinſt— aber zu ſpät— als ein beurlaubter König bedauern, einen ſo verzweifelten Entſchluß gefaßt zu haben.= Mein Gewiſſen und meine Pflicht gebietet es mir, mein Herz vor Ew. Majeſtät auszuſchütten.“
In tiefſter Erregung las Friedrich die Worte ſeines erſten Beamten. Bei dem Entſchluß, den er nun zu faſſen hatte, kam es nicht ſowohl auf die Genialität der Gedanken, wie auf die Stärke des Charakters an. Daher gehört zur Ergänzung der ſtrategiſchen Abſichten, über die der König mit ſeinem Feldmarſchall korreſpondirt, auch das Antwortſchreiben an den Staats miniſter. Daſſelbe lautet:
„Mein lieber Podewils! Ich habe die Unglücksbotſchaft und das düſtere Horoſtop erhalten, welches Sie mir geſtellt haben. Ich kann Ihnen darauf nur erwidern, daß das eingetreten iſt, was das Schickſal beſchloſſen hat; mir bleibt nur übrig, mein Unglück mit Ruhe zu ertragen. Aber wenn alle meine