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Die Angriffspläne Friedrichs des Großen in den beiden ersten Schlesischen Kriegen : Vortrag gehalten in der Militärischen Gesellschaft zu Berlin am 24. Januar 1890 / von A. v. Roeßler
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marſchiren und über Wittenberg , Luckau , Guben die Vereinigung mit dem Prinzen Karl in der Nähe von Croſſen zu ſuchen.

Als nun im November die Operationen begannen, erfährt der Kriegsplan eine dritte Aenderung. Diesmal aus politiſchen Gründen. Jetzt war auch Rußland entſchloſſen, in den Krieg einzugreifen, und die Kaiſerin Eliſabeth hatte am 22. Oktober die Ordre erlaſſen, daß eine Armee in Kurland auf­marſchire,um nach den beſtehenden Verträgen Sachſen zu helfen, im Fall es angegriffen würde. Es wurde daher in Dresden beſchloſſen, daß die Sächſiſche Armee ſich bei Leipzig defenſiv verhalten, das Korps Grünne nach Lübben , Prinz Karl nach Guben marſchiren und daß den rein Oeſterreichiſchen Streit­kräften allein der Angriff auf die Mark zufallen ſolle.

Von den Abſichten ſeiner Gegner erfuhr König Friedrich das zweite Projekt am 11. November. Er war eben nach dem Schloſſe aus der Garniſon­kirche zurückgekehrt, in die er nach feierlicher Parade die Siegeszeichen von Hohenfriedberg und Soor hatte bringen laſſen. Am nächſten Tage ſchon ergingen nach einer Beſprechung mit Anhalt und Podewils die Marſch⸗ und Konzentrirungsbefehle an die Regimenter, und am 16. reiſte der König nach Schleſien . Am 22. war die militäriſche Sachlage folgende:

Der König ſtand mit der Preußiſchen Hauptarmee, etwa 50 000 Mann, bei Walditz, Avantgarde in Naumburg , Fürſt Leopold mit 20 000 Mann bei Halle. Die Oeſterreichiſche Hauptarmee, etwa 60 000 Mann, überſchritt von Böhmiſch-Friedland her an dieſem Tage die Grenze, das Korps Grünne, 10 000 Mann, hatte bei Torgau die Elbe überſchritten und Sonnenwalde erreicht, die Sachſen ſtanden 20 000 Mann ſtark um Leipzig .

Der dritte Vertheidigungsplan des Königs iſt uns als Urkunde nicht über­liefert. Der Monarch und ſein Feldmarſchall waren, als er entſtand, beide in Berlin , und hat Friedrich den Fürſten Leopold perſönlich über ſeine Abſichten inſtruirt. Sie noch einem Dritten mündlich oder gar ſchriftlich mitzutheilen, hatte der König keine Veranlaſſung. Dennoch aber find wir über feine Ge­danken völlig unterrichtet, einmal durch das Königliche Geſchichtswerk Histoire de mon temps, dann aber durch die Operationen ſelbſt und die während derſelben ſehr lebhaft geführte Korreſpondenz der beiden Preußiſchen Haupt­quartiere.

In der erſten Faſſung der Histoire, die ſchon zwei Jahre nach Be­endigung des zweiten Schleſiſchen Krieges erſchien, ſagt Friedrich:Mein Plan war, den Sachſen von zwei Seiten zugleich auf den Leib zu fallen; die Armee, die bei Halle ſich verſammelte, war beſtimmt, gerade auf Leipzig zu marſchiren und von da, wenn Leipzig zu ſtark verſchanzt ſei, über Wurzen nach Torgau , damit der Feind, um Dresden zu decken, die Verſchanzungen bei Leipzig ver­laſſen müßte; meine Armee in Sch leſien ſolle ſich nach den Bewegungen des Prinzen von Lothringen regeln; im Falle die Feinde während des Marſches kantonnirten, war ich entſchloſſen, ſie in ihren Quartieren zu überfallen, auf­