Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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er einmal in große Not kommt. Die Franzosen haben es 1806 vergeblich versucht, jedoch nur einige Marmorstücke aus den Stufen herausgeschlagen und sind glücklicherweise nicht tief genug hinein­gekommen. Jetzt ist's aber noch schwerer, an den Schatz zu ge­langen; denn der Kaiser hat Stufen aus festem Granit Herrichten lassen.

Iber die vier gefesselten Männer am Fuße des Denkmals hoben die Leute schon viel nachgesonnen und noch mehr erzählt. Manche sagen, der Baumeister Schlüter habe dabei an die Leidenschaften gedacht, die der jugendliche Prinz im Haag bekämpfte, andere dagegen, es seien Gefangene, entweder bezwungene Feinde oder bedrückte Landeskinder, die ihren Fürsten um Befreiung anflehen; endlich meint man, die Gestalten seien Vertreter der Völker, die der Kurfürst vor den Franzosen schützte. Weitere vier ge­fesselte Gestalten sollen noch unten im Wasser am Fundament sich befinden.

Otto Monke (Berliner Sagen und Erinnerungen).

10. Die weiße Frau.

Das Volk erzählt, daß, wenn der Tod eines Mitgliedes des Hohenzollernhauses bevorsteht, nachts im Schlosse zu Berlin die weiße Frau" erscheint. Sie ist in ein langes, weißes Gewand gekleidet und trägt eine weiße Haube mit langem, weißem Witwenschleier. Langsam und still schreitet sie durch die langen Gänge und die Gemächer des Schlosses und grüßt die Begeg­nenden mit leisem Neigen des Kopfes, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. So darf man sie auch nicht anreden oder gar reizen, da sie sonst zornig wird.

Zuerst soll sie 1398 kurz vor dem Tode des Kurfürsten Johann Sigismund, dann 1667 vor dem Tode der Kurfürstin Luise Henriette gesehen worden sein. Als das Ende der Mutter des Großen Kurfürsten bevorstand, erzählte man auch, daß sie ihre einsamen Wanderungen mache. Der Oberftallmeister von Burgsdorf aber, ein kühner, starker Mann, sprach:Ich möchte sie doch auch ein­mal sehen und ein Wörtchen mit ihr reden!" Wirklich begegnete er ihr eines Abends auf der Treppe, als er das Schloß verlassen wollte, um zum Garten zu gehen, wo sein Roß harrte. Still und langsam wollte die weiße Frau nach ihrer Gewohnheit an