Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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9. Der Große Kurfürst auf der Langen Brücke.

Das Denkmal des Großen Kurfürsten ist nicht nur das älteste, sondern auch das schönste und wirkungsvollste Standbild Berlins; darum wissen die Leute so viel davon zu erzählen.

In der Neujahrsnacht zwischen 12 und 1 dreht sich der Große Kurfürst auf dem Postament um, oder er verläßt feinen Standpunkt, reitet durch seine Stadt, um zu sehen, was aus ihr geworden ist und kehrt mit dem Schlage 1 zum Postament zurück. Seine Züge erstarren wieder zu Erz, und doch ist Leben darin. Obwohl er die Tracht eines römischen Feldherrn trägt, ist er ein deutscher Mann durch und durch. Vor ihm sitzt auf dem Sattel das Kind von Fehrbellin. Als nämlich der Kur­fürst am Morgen vor der Schlacht in ein von den Schweden verwüstetes Dorf kam, wo alles, Kirche und Häuser, im Brand­schutt lag und niemand eine lebende Seele vermutet hätte, da tönte aus einem brennenden Hause klägliches Weinen eines Kindes an das Ohr des hohen Herrn. Er stieg vom Pferde und trat ein; da sah er den Vater und die Mutter erschlagen am Boden liegen, in der Wiege aber ein verlassenes Kind, und das lachte ihn, sobald er näher trat, so freundlich an, daß er's auf seine Arme nahm und dann vor sich auf den Sattel setzte. Das Kind aber wurde in der Schlacht sein schützender Engel, von Gott gesandt, und keine Kugel traf den Helden, der auch in der Stunde des Kampfes der Barmherzigkeit nicht vergaß. Darum hat man's denn auch als Wahrzeichen vor dem Panzer des Kurfürsten an­gebracht.

Dem Rosse des Kurfürsten fehlt am rechten Vorderfuß das Hufeisen; das ist 1848 bei der Revolution abgeschossen worden, wie einige sagen; aber es gibt noch alte Leute, die das Denkmal schon vor 1848 gesehen haben und behaupten, das Hufeisen habe bereits damals gefehlt, der Künstler habe es beim Gießen ver­gessen. Als das Denkmal fertig war, soll der Meister voll Stolz gesagt haben, niemand könne daran etwas aussetzen. Plötzlich wies einer der Gehilfen auf.den Huf, und nun merkte der Meister, daß ein Eisen fehlte. Da soll er sich in der Verzweiflung von der Brücke in die Spree gestürzt haben.

Unter dem Sockel ruht, wie die Sage berichtet, ein großer Schatz; den darf aber nur der König von Preußen heben, wenn