Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen

9

Nun hatte er aber seinen weiten Chormantel um, der bis unten hinab zugeknöpft war. Darunter fing sich sogleich der Wind und hemmte den Fall. Er schwebte wohlbehalten und unversehrt mitten auf den Markt hinab, wo er zur größten Ver­wunderung der Käufer und Verkäufer ankam. Ob er dann seinen Gefährten ihren Anteil am Gewinn gegeben hat, weiß man nicht; sie mögen aber auch wohl nicht mehr danach ver­langt haben.

Wilhelm Schwartz (Sagen der Mark Brandenburg).

8. Sagen vom Standbilde des Großen Kurfürsten.

Wenn man das Standbild des Großen Kurfürsten auf der Langen Brücke genau betrachtet, so soll es einem Vorkommen, als habe der Kurfürst vor sich ein Kind sitzen. Darüber erzählt die Sage:

Als der Große Kurfürst regierte, war ein gewaltiger Religions­krieg, in dem das Morden kein Ende hatte, so daß selbst oft die Kinder in der Wiege nicht geschont wurden. Nun kam der Große Kurfürst einmal durch ein brennendes, von seinen Bewohnern verlassenes Dorf und fand in einem Hause ein Kind in der Wiege; das Kind lachte ihn freundlich an. Voll Mitleid nahm der Kur­fürst es auf, setzte es zu sich aufs Pferd und befahl, daß man auf­hören solle mit Morden. Einige behaupten aber, das sei nicht in jenem Kriege, sondern am Tage der Fehrbelliner Schlacht gewesen. Da habe der Kurfürst in einem von den Leuten ver­lassenen Dorfe, durch das er gekommen, das Kind weinend vor einer Hütte gefunden und mit sich aufs Pferd genommen. Dar­um habe ihn auch in der Schlacht keine Kugel getroffen; jenes Kind sei sein Schutzgeist gewesen.

Das Standbild hat aber noch ein anderes Merkmal, das nicht jeder weiß. Das Pferd des Großen Kurfürsten hat keine Hufeisen. Die hatte der Meister, der das Standbild gegossen hat, angeblich vergessen, und als er es nachträglich bemerkte, soll er sich deshalb von der Brücke in die Spree gestürzt haben.

In der Neujahrsnacht übrigens, hieß es immer, dreht sich der Große Kurfürst in der Mitternachtsstunde auf seinem Posta­ment um.

Wilhelm Schwartz (Sagen der Mark Brandenburg).