Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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die Jungfrau Emerentia Lorenz aus Tangermünde, die der Sage nach von einem Hirsch auf wunderbare Weise gerettet sein soll. Theodor Fontane erzählt diese anmutige altmärkische Sage in seiner NovelleGrete Minde" wie folgt:

Jungfrau Lorenz, ein Tangermünder Kind, hatte sich in dem großen, flußabwärts gelegenen Waldstück, das damals noch die Elbheide hieß, verirrt, und als der Abend hereinbrach und noch immer kein Ausweg sichtbar wurde, betete sie zur Mutter Gottes, ihr beizustehen und sich ihrer Not zu erbarmen. Und als sie so betete, da nahte sich ihr ein Hirsch, ein hoher Elf-Ender; der legte sich ihr zu Füßen und sah sie an, als spräch' er:Ich bin es, besteige mich nur!" Und sie bestieg mutig seinen Rücken, weil sie fühlte, daß ihr die Mutter Gottes das schöne Tier in Er- hörung ihres Gebets geschickt habe, und klammerte sich an sein Geweih. Der Hirsch aber trug sie zwischen den hohen Stämmen hin, aus der Tiefe des Waldes heraus, bis an das Tor und in die Mitte der Stadt. Da blieb er stehen und ließ sich fangen. Und die Stadt gab ihm ein eingehürdet Stück Weideland und hielt ihn in Schutz und Ansehen bis an seinen Tod. Und auch da noch ehrten sie das fromme Tier, das der Mutter Gottes ge­dient hatte, und brachten sein Geweih nach St. Nikolai und hingen es neben dem Altarpfeiler auf. Den Wald aber, aus dem er die Jungfrau hinausgetragen, nannten sie den Lorenzwald."

Richard George (Hie gut Brandenburg alleweg).

18. Das untergegangene Dorf Görne.

Zwischen Prützke und Grebs, wo jetzt der Görnsee ist, soll vor Zeiten ein kleines Dörfchen, Görne, gestanden haben, das in die Tiefe sank, nachdem die Bewohner einen Armen hohnvoll aus dem Dorfe getrieben hatten. Der fremde Wanderer soll

nach seiner Mißhandlung auf die danebenliegende Anhöhe ge­stiegen sein und einen Fluch gesprochen haben, wonach das Dorf, in schwarze Rauchwolken gehüllt, immer tiefer und tiefer sank, bis die Wellen über Menschen und Dächern zusammen­schlugen.

Nur ein Mädchen mit hellblondem Haar, die Königin des Dorfes genannt, war nach einer naheliegenden Ortschaft ge-

Nohl, Unsere Mark Brandenburg. I. Teil. 2