Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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wenn er auf seinen Frühlings- und Herbstzügen sich aus den weiten, einsamen Wasserbecken niederließ, listig zu locken und zu fangen. Ein hoher doppelter Erdwall umgab einen fast runden Raum, aus dem sich ein turmartiges Gebäude, aus rohen Feld­steinen und Baumstämmen dick und unförmlich zusammengesetzt, erhob. Nur eine leichte, schnell einzuziehende Brücke führte über den trockenen Graben zwischen den Wällen, und außer der kleinen, festen Tür waren keine Öffnungen im Turme, die von der Erde aus zu erreichen gewesen wären. Denn erst in bedeutender Höhe sah man die schmalen, sich nach innen und außen erweitern­den Einschnitte angebracht, durch die das Licht in die niedrigen, nur mit Waffen und dem Gehörn des Urs und dem Geweih des Hirsches gezierten Räume dringen konnte, und höher hinauf die schwarzen Löcher, aus welchen der Rauch seinen Weg fand, der von dem mächtigen Feuer emporstieg, das fast beständig auf den breiten Steinherden in allen bewohnten Gemächern brannt'e.

Der Krul war ein wilder, grausamer Mann, besonders seit sein einziger Sohn in einem Kampfe mit den Deutschen gefallen war, zu dem ihn der Ober-Kriwe wider seinen Willen vermocht hatte, als jener eben das 25. Jahr erreichte. Zum Erben seiner Macht hatte er zwar seinen einzigen Verwandten erwählt, und er hielt strenge darauf, daß diesem gleiche Ehre wie dem Sohne erwiesen wurde. Aber sein Herz blieb dem Jüngling fremd, und selten, nur bei feierlichen Opfern und Festmahlen, sah man diesen in seiner Nähe. Je älter der Krul wurde und je weißer sein Haar, desto einsamer lebte er in seiner Halle, und selbst die langen Winter­abende verbrachte er allein auf seinem Lager von Tierfellen am knisternden Feuer; ja sogar in demselben Hause war er ungern mit dem jungen Chocus zusammen, der, ein rüstiger Jäger und Fischer, im Kreise seiner muntern Gefährten fröhlich und sorglos die Tage verlebte.

Einmal, als Chocus auf der Wolfsjagd gewesen war, fuhr er spät abends im Frühling von Templin in einem Kahne nach Hause zurück. Das Wasser war hoch, und der Wind stürmte aus Westen. Als sie fast den Wentorf erreicht hatten, verlor der Knecht das Ruder, und sie mußten mit ihren Spießen sich fortzubewegen suchen. Der Sturm trieb sie aber zurück; schon wurde es dunkel, und nachdem sie lange hin- und hergeworfen worden waren, trieben sie endlich an einer kleinen Insel fest.