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73. Ein Königsgrab aus der Vorzeit.
Eine geheimnisvolle Sage umwob den Königshügel von Seddin. Die Überlieferung erzählte von einem alten König Hinst, der in einem dreifachen Sarge — aus Gold, Silber und Kupfer — ruhen follte. In fein Grab schloß die Phantasie der lebenden Geschlechter all den Reichtum ein, den sie in Königshügeln erträumen konnte. Jahrhunderte-, jahrtausendelang! Wohl hatte schon mancher nach den Schätzen gegraben — keiner fand den Eingang, und so konnte man sich daran gewöhnen, die Sage sinnbildlich aufzufassen und die vielen Steinpackungen des Hügels, die dem Besitzer immer neue Werte durch Abgraben verhießen, als den verborgenen Reichtum zu erkennen. Jahraus, jahrein wurden Steine aus dem „Königsgrab" genommen. Das Dorf Seddin erstand aus dem Brandschutt wieder, der Bahnhof Perleberg und die nach ihm führende Landstraße und manche Scheune auf dem Felde wurde von ihnen erbaut.
Da führte der Zufall die Eröffnung der Steinkammer herbei. Der erste Sarg — die Leichenbrand enthaltende Bronzeurne — wurde von einem tönernen Riesengefäß umschlossen, dessen Deckel durch Tonniete regelrecht verschlossen war, und als dritter Sarg diente die neuneckige, aus aufrecht gestellten, mit bemaltem Lehm- bewnrf geschmückte und von überkragenden Steingeschieben gedeckte Steinkammer. Angesichts dieser Genauigkeit der Überlieferung ist kein Zweifel angebracht, daß ein Fürst, vielleicht der gewaltigste, den Norddeutschland in vorgeschichtlicher Zeit gesehen hat, mit seiner Gattin und ihrer Magd -— denn es fanden sich noch zwei Urnen mit den Brandresten und Schmucksachen zweier weiblicher Personen — hier beigesetzt waren. Daß sie nicht zu den gewöhnlichen Sterblichen gehören, erzählen neben der Sage die Stein- und Erdmassen, die man auf etwa 30 000 obm Inhalt berechnet hat, beweisen auch die reichen Waffen und Schmuckbeigaben aus Bronze, die eine ungefähre Zeitangabe ermöglichen.
Wer war es? Kein Heldenlied, kein Zeuge, kein Name sagt es; denn der Name Hinst ist sicher nur eine örtliche Übertragung irgendeines geschichtlichen Heinrich — vielleicht des Löwen — auf diese Stätte. Nur die Sage, die unsichtbar die Schöpfungstage unsrer Erde mit der Gegenwart verknüpft, erzählt von einem
Nohl, Unsere Marl Brandenburg. I. Teil. 7