Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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Die Mutter weinet und zaget nicht mehr.

Doch anderen Tags klingen bang und schwer in das Land die Glocken hinein ums Mütterlein.

Im Himmel sitzt sie und sitzt beim Kind und koset und herzt es sanft und lind:

Nicht die Sorge brachte dir mich, aus Lieb' ging ich!"

Max Bittrich.

77. Der Graf von Lynar und der Schlangenkönig.

Die Schloßherren von Lübbenau sind Grafen von Lynar. Als der erste Lynar nach Lübbenau kam, war er arm. Damals lebten in und um Lübbenau eine unendliche Fülle von Wasser­schlangen, sogar geflügelte darunter. Sie befaßen einen Schlangen­könig, der trug auf seinem Kopfe zwei gebogene Haken, die eine elfenbeinerne Krone umschlungen hielten. Diese Krone aber war von unschätzbarem Werte; wer sie erbeutete, der kam zu Un­geheuern Reichtümern. Das hörte der erste Lynar, der ein kühner Ritter war. Er wußte, daß der Schlangenkönig mit seinem Ge­folge zuweilen an das Land geschwommen kam, um auf einer grünen Insel im Sonnenschein zu schlafen. Dabei pflegte er dann regelmäßig die Krone abzunehmen und auf einen weißen Gegenstand zu legen. Der mutige Lynar breitete deshalb ein weißes Tuch auf dem Rasen aus und versteckte sich mit seinem Pferde in einem nahen Gebüsch.

Bald kam denn auch der Schlangenkönig mit seinem Ge­folge an das Ufer, legte die Krone auf das ausgebreitete Tuch, spielte im Sonnenschein und schien endlich einzuschlafen. Jetzt sprang der Graf hervor, faßte blitzschnell das Tuch an allen vier Zipfeln, schwang sich aufs Pferd und jagte davon. Doch ein furchtbares Pfeifen und Zischen brauste hinter ihm her. Sämt­liche Schlangen schossen wütend dem kühnen Räuber nach. Schon glaubte er sich verloren, denn eine hohe Mauer hemmte seine Flucht. Doch sein Pferd fetzte mit mächtigem Sprunge hin­über, und der Graf war gerettet.

Zum Danke dafür, daß er so reich geworden war, ließ er in sein Wappen eine Mauer nebst geringelter Schlange auf-