Teil eines Werkes 
1 (1912) Sagen
Entstehung
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In Angermünde ist die seltsame Truhe heute noch zu sehen. Trotz ihres hohen Alters ist sie fast unversehrt; nur daß von dem Deckel viele der eisernen Bänder losgesprungen sind. In dem großen Gewölbe ist 1727, also fast fünfhundert Jahre später, die Sakristei der Kirche eingerichtet worden, und aus dieser führt eine Tür in jene ehrwürdige alte Schatzkammer, wo die Truhe heute noch steht. Auch die Linde steht wohl noch. Sie hatte eine Größe erreicht, daß sie das Kirchendach weit überragte, und um die Mitte des abgelaufenen neunzehnten Jahrhunderts hatte sie einen unteren Stammumfang von einundzwanzig Fuß; aber die Krone war vom Blitz zerschlagen.

Gustav A. Ritter (Deutsche Sagen).

96. Aus den Minneliedern Ottos IV. mit dem Pfeil.

Räumt den Weg der schönsten aller Frauen!

Laßt die Tugendreiche mich erblicken!

Meines Herzens Kaiserin zu schauen, fände wohl ein Kaiser Hochentzücken.

Über Sterne darf mein Loblied steigen, meinen Himmel kann ich nicht verschweigen; wo sie wohnt, dem Lande muß ich neigen.

Frau Minne, stille Botin, sage

meiner Hehren, daß ich sie nur minne,

sie nur ewig in Gedanken trage

und auf neue Huldigungen sinne!

Wollt' ihr süßer Mund mir lieblich lachen,

meine Trauer müßte flugs erschwachen

und zu besserm Leben ich erwachen.

* *

*

Winter, deine trüben Stunden,

deine Kälte mannigfalt;

hätt' ich selbst einmal gefunden,

daß sie würden schöngestalt,

wollt' ich durch die lange Nacht

der zulieb entsagen,

die nur Freuden mir gebracht.