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zu bemessenden Bestandteil. Sind doch Familien mit alter Kultur immer lebendige Träger wertvoller Ueberlieferungen und immer gegenwärtige Hüter des Familiensinnes und des daraus sprießenden Heimatgefühls. Selbst wenn einzelne Angehörige mehr in der Stille gewirkt haben, also namentlich edle Frauen, die sich selten dem Lärm des Tages preisgeben werden, so ist ihre Persönlichkeitskultur doch bedeutend und schafft hohe ideale Werte. Das ewig Weibliche in diesen Frauen zieht uns hinan, weil ihr Frauentum gesund geblieben und nicht von dem Eifer angekränkelt ist, der sich in den von der Natur und unserer noch weithin herrschenden, nicht dekadenten Auffassung als dem Manne vorbehaltenen Betätigungen hervortun will. Keine Ungewöhnliche stellt der Herausgeber in seiner Großmutter den Lesern vor. An sie hat Goethe einst die Verse gerichtet: Du hattest gleich mir's angetan,
Doch nun gewahr ich neues Leben;
Ein süßer Mund blickt uns gar freundlich an, Wenn er uns einen Kuß gegeben.
Die Jugenderinnerungen von Lilis Bruder Gustav hat zuletzt der Begründer der Brandenburgia, Ernst Friedel, als Privatdruck mit Zustimmung der Familie Parthey mit Anmerkungen herausgegeben( Bln., Frensdorff, 1907; 2 Bde. Leider nur in 400 numerierten Abzügen); der Verlag Paetel verdient den Dank aller Heimatliebenden, daß er in den für den Buchhandel schweren Zeiten diesen in gewissem Sinne ergänzenden Band herausgebracht und mit schön gelungenen Bildbeigaben geschmückt hat. Außer völlig erschöpfenden Anmerkungen, die manchmal zwar in allzu freigebiger Fülle fließen, macht der Herausgeber in einer Einleitung auf 33 Seiten uns mit Lilis Großvater Friedrich Nicolai, mit den Verwandtschaften( diesen noch auf einer Stammtafel), den Hausgenossen und Freunden bekannt. Und was für Namen sind darunter, die alle in dem geistigen Leben Berlins, ja Preußens, in irgend einer Beziehung eine Rolle gespielt haben! Dabei ist es kein langes Leben, in das sich Ereignisse und Personen drängen: Lili wurde 1800 geboren und starb 1829. Sie hinterließ Tagebücher, denen sie anvertraute, was ihr Herz bewegte und was sie über sich und andere empfand. Daraus stellt Lepsius zusammen, was zeit- und kulturgeschichtlich, besonders für Berlin, fesselt und für Lilis Entwicklung und Lebensgang bedeutsam ist. Aller Zauber, den diese Persönlichkeit schon als liebliches Mädchen in taufrischer Jugendunschuld auf die Umgebung ausgeübt hat, nimmt den Leser noch heute gefangen. Als einen kostbaren Besitz nicht nur als Buch halte ich diese Gabe, sondern als eine innere Bereicherung; denn, um mit einem Goethewort zu schließen: Das eigentliche Studium des Menschen ist doch der Mensch.
Dr. Hermann Kügler.
Gustav Metscher, Märkische Heimat. Volkskundliches. 1. Folge. Prenzlau, A. Mieck, o. J.( 1925). Der Verfasser, der sich ja auch als sinniger Heimatdichter einen Namen gemacht hat, stellt hier einzelne Plaudereien zusammen über Märkische Sitte und Brauch,( sechs)