Heft 
(1919) 27
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neuem anspornen und die Mitarbeiter Dozenten und Studenten vor verhängnisvoller Einseitigkeit bewahren. Wo Geologen, Geographen, Prähistoriker, Volkskundler, Siedlungsforscher und Naturwissenschaftler was noch weit wichtiger wäre sich gegenseitig ergänzen und

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gegenseitig befruchten, da muss die Arbeitsleistung des einzelnen und die Arbeit der Gesamtheit bis zum Grade der Höchstleistung gesteigert werden. Die von Becker richtig erkannte und treffend geschilderte Gefahr des Spezialistentums wäre dadurch überwunden und der Anreiz zur Synthese würde aufs wirksamste gefördert werden. Das wäre unendlicher Gewinn für die Heimatforschung. Aber es wäre von noch höherer Bedeutung für die Ausgestaltung des Unterrichts in sämtlichen Schulen, von der Grundschule bis zur Universität. Auch in diesem Falle möchte ich anknüpfen an die Ausführungen Beckers in seinen Gedanken zur Universitätsreform". Becker fordert auch für die Oberlehrer Einschränkung des bisher überwuchernden Spezialistentums und Erweiterung des enzyklopädischen Wissens. Er hat unbedingt Recht! Kann schon kein Forscher umfassendes Wissen in einer Anzahl von Grenzwissenschaften entbehren, so erst recht nicht ein Lehrer. Aus diesem Grunde fordert Becker neben gründlichem Studium in einem Fach auch umfassendes Wissen in einer Gruppe zusammengehöriger Fächer. Als Beispiele solcher Gruppen nennt er Philosophie, Aus­landskunde und Soziologie. Es kann wohl schwerlich ein besseres Beispiel geben als Heimatkunde, die so viele und verschiedenartige Fächer umfasst. Hier haben wir es mit enzyklopädischem Wissen" in bestem Sinne zu tun. Letzteres darf beileibe nicht verwechselt werden mit dem berüchtigten Leitfadenwissen, wie es in Lehrerseminaren vielfach gezüchtet wurde, wie es aber nun wohl endlich für alle Zeiten überwunden ist. Dafür würden am besten die Lehrer am Heimatkund­lichen Institut" bürgen, die ja Forscher sein sollen, denen also das Suchen nach neuer Erkenntnis innerer Beruf und Lebens­notwendigkeit ist.

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Lehrer, die selber Forscher sind, werden in den Studierenden den Drang nach Erweiterung des Gesichtskreises durch eigene Beobachtung, durch eigenes Bohren und Suchen wachrufen. Wer als Fertiger, , Geweihter", das Institut verlässt und dabei das Bewusstsein mit sich nimmt, stets ein Werdender zu bleiben, der wird den Gottesfunken des Ewigsuchens auch in die Seelen der ihm anvertrauten Kinder senken. Er wird nicht nur fertige", unantastbare Wahrheit vermitteln wollen, sondern die Schüler zu selbständiger geistiger Arbeit anleiten und so den ,, Stumpfsinn" und die Oede des Alltags und der Tretmühle aus der Schule verbannen. Die deutsche Schule war gewiss nicht schlecht. Wir lassen sie uns nicht verlästern und dulden nicht, dass unsere Erziehungs- und Unterrichtsmethoden in den Staub gezogen werden. Aber auch die Schule ist Menschenwerk. Als solches ist sie entwicklungsbedürftig