Die Prignitz.
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als ein grosser Gebäudekomplex deutlich über die Häuser der Stadt empor. Dazu besass Wittstock eine Art Aussenwerk gegen die Mecklenburgische Grenze hin, das ist der Heideturm bei Alt-Daher, der am Eingang zur Wittstocker Heide liegt. Auch ein Stück der alten Landwehr findet sich noch zwischen der Wittstocker und Lieben- tlialer Feldmark. Um Wittstock lag nun der grösste Teil des bischöflichen Grundbesitzes. Zwanzig Dörfer im Umkreise von 12 km gehörten zur Zeit der Reformation zum bischöflichen Tafelamt Wittstock. In weiterer Entfernung gehörte dazu die Plattenburg und das Städtchen Wilsnack. Auch nach Nordosten hatten sie ihren Besitzstand durch Ankauf von Zechlin und Dranse von den Doberaner Mönchen erweitert.
Zum Erwerb dieses reichen Grundbesitzes gehörte Geld, Geld und nochmals Geld. Dieses Geld aber floss ihnen in reicher Weise zu aus den Opferspenden der frommen Pilger. Die Prignitz war das Land der Wunder. Offenbar konnte der Wunderglaube auf dem ostelbischen Kolonisationsgebiet besonders gut Wurzeln schlagen. Diese arme, unterdrückte Bevölkerung, welche zwischen Heidentum und Christentum hin und her schwankte, hatte von beiden nur die Schrecknisse im verängstigten Herzen bewahrt. Vor ihren Augen hatte sich das Unbegreiflichste wiederholt, der Opfertod des Heilandes. Das, was den Ärmsten das Unfassbarste geblieben war, dass der Sohn Gottes sein Blut vergossen haben sollte, das konnten sie mit ihren eigenen Augen sehen. Im Jahre 1383 so schreibt der Chronist: „Da wart dat Dorp Wilsnack mit der Kerken dasuluest durch Hinricke von Bülow vyentlicker wyss gantz verstört vnde verbrannt“. Es fanden sich im Schutt drei geweihte Hostien unversehrt, jede mit einem Blutstropfen. Aus den angesammelten Opferspenden erbaute Bischof Johann III. von Ilavelberg nicht nur die Wunderblutkirche im Orte selbst, sondern auch das Innere des Doms zu Havelberg und eine Praclitkapelle im Wittstocker Schloss. Wenn man mit der Hamburger Bahn an Wilsnack vorüberfährt, ragt das Dach der Kirche hoch über die Häuser des Städtchens empor. Von dem ursprünglichen Bau hat sich nur der Westgiebel mit dem Portal erhalten. Hier sollte ein Turm aufgeführt werden, woraus aber nichts wurde. Das Kirchenschiff, das für die Scharen der Wallfahrer zugeschnitten war, ist für die heutige Gemeinde viel zu gross, so dass die Prediger sich vor den leeren Bänken fürchten.
Aber auch die Bürger von Wittstock hatten ihren Vorteil von den geistlichen Herren. Es muss ein reges gewerbliches Leben hier geherrscht haben. Die Freiheitsbriefe*) der Tuchmacher datieren aus den Jahren 1325 und 1333. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts gab es zweihundert Meister und zum Schluss desselben 176 Tuchmacher,
*) Berghaua a. a. 0. I. 633.