Heft 
(1914) 22
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13. -4. ordentliche) Venummlunjj den XXI. Vereimjahre*.

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Stadt zuschreibe, die Gerechtigkeit verlangt aber noch die Anerkennung, daß die Städtischen Behörden ganz außerordentlich viel für das über­raschende Aufblühen getan haben. Der Magistrat, an der Spitze die beiden umsichtigen Oberbürgermeister Boddin und Kaiser, haben es verstanden, trotz der bescheidenen Steuererträgnisse und der großen Lasten für das Annen-, das Schul- und das Kranken wesen, mit Hilfe zweckdienlicher Anleihen die Finanzgebarung Neuköllns musterhaft auszu­gestalten. Der Zuschlag zur Staatseinkommensteuer hat sich auf 100 v. H. erhalten, wobei Einkommen von nicht mehr als 660 Mark steuerfrei bleiben. Die neue Gasanstalt ist eine Musteranlage, die wiederholt von auswärtigen Fachmännern besucht wurde. Die Wasserversorgung, aus Tiefbrunnen in Johannisthal, wird von den Charlottenburger Wasserwerken seit 18S8 und die Elektrizität für Beleuchtung und andere Zwecke durch die Neuköllner Werke bewirkt. Seit 1907 ist eine Berufsfeuerwehr eingerichtet, und die freiwillige Löschhilfe wird nur in außergewöhnlichem Fällen noch beansprucht. An höheren Lehranstalten ist das in rotem gotischen Ziegelbau stattlich aufgeführte Kaiser-Friedrich-Realgymnasium an der Kaiser-Friedrich-Straße, die Oberrealschule an der Einser Straße und die höhere Mädchenschule an der Berliner Straße zu erwähnen. Das Städtische Hochbauwesen wurde bis vor kurzem von Stadtbaurat Kiehl verwaltet» der jetzt zum ZweckverbandGroß-Berlin übergetreten ist. Gerade wie Stadtbaurat L. Hoffmann das Berliner Stadtbild in den ver­schiedensten Stadtgegenden nicht bloß belebt, sondern geradezu erst geschaffen hat, so gilt dies von den Kiehlschen Bauten für Neukölln. Für den hiesigen Architekten kam der Vorteil hinzu, daß meistens gleichzeitig die gauzen Straßenzüge entstanden und die amtliche Architektur in mancher Hinsicht auf den Privatbau ein wirken konnte, während in Berlin gewöhnlich die offiziellen Bauten erst entstehen, nachdem die Nachbarschaft längst, vielleicht seit Jahrzehnten oder Menschenaltern, bereits auf- und ausgebaut ist.

Das stolze neue Rathhaus, das vollendetste Werk Kiehls, dürfen wir nicht übergehen mit seiner wuchtigen äußeren Quaderarchitektur und seinem mächtigen Uhrturm, während die Rathhausdiele und das Treppenhaus, an Danziger Vorbilder erinnernd, Würde mit Gefälligkeit vereinigen, ebenso die obere und die untere Halle sowie die Sitzungssäle des Magistrats und der Stadtverordneten-Versarnmlung.

Ein Riesenbau von Schulanstalten, über 5000 Kinder bedenkend, ist an der Boddinstraße jüngsthin aufgeführt. In einem der Gebäude befindet sich das hauptsächlich durch den unermüdlichen Eifer des Kustos Fischer zusammengebrachte Städtische Schulmuseum; eine andere, von dem verstorbenen Kiesgrubenbesitzer Franz Körner herrührende und vorläufig noch in den von letzterem angelegten Museumsränmen an der Jonasstraße aufbewahrte Sammlung soll mit der ersterwähnten