Heft 
(1914) 5
Seite
52
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enipor, Morgenopfer, die im Laufe des Tages einen Dunst über der Stadt bilden und das klare Tageslicht trüben. Aber jetzt glänzt alles noch unberührt in festlicher Frische, jeder Laut klingt hell, als sei auch das Leben neugeboren und sich seiner eigenen Jugendstärke bewußt.

Hell und licht ist solche frühe Morgenstunde wie eure reine Gottesfeier. Tausend Fenster klingen, tausend Augen blicken hinaus, Gruß und Gegengruß erschallt, und bald öffnen sich auch die Türen, und eine Gestalt um die andere tritt heraus und strebt mit geschäftigem Schritt durch die Straßen.

Heute ist es, als wollten alle Häuser sich leeren und jeder der Heraus­tretenden wendet sich derselben Richtung zu, manche laufen, um andere zu über­holen, hier stockt der Zug, die Eilenden drängen sich, dann fließt er, gelöst, ruhig flutend weiter, und eint sich mit anderen Menschenbächen aus den Neben­straßen. Die ganze Stadt ist unterwegs. Der Rauch aus den Essen erstirbt, aus den Werkstätten klingt kein Ton, die Läden bleiben geschlossen. Nach einer Stunde liegt der freundliche, stärker gewordene Sonnenschein auf vereinsamten Gassen und stummen Häusern, und der einzige Ton außer dem dumpfen, fernen Gemurmel der Menschenmassen ist die weiche, süße Strophe einer Amsel, die auf einem Schornstein sitzt und aus seliger Brust immer wieder ihren Morgen­psalm anhebt, der eben ihr Ton ist in dem Jubel der Schöpfung. Und auf leisen, Weichen Sammetsohlen schleicht eine schwarze Katze den Dachfirst entlang und sieht mit grünlich schimmernden Augen zu der unermüdlichen Sängerin hinauf.

Und dann wird behutsam und scheu die Seitenpforte eines stattlichen Hauses geöffnet und zwei schwarz gekleidete Frauen treten heraus. Auch sie umflutet der warme leuchtende Sonnenglanz, auch über ihnen jubelt das ein­tönige, herrliche Lied der Amsel. Aber sie gehen mit leise huschenden Schritten, als solle ihr Fuß nicht das Echo der stummen Häuser wecken, biegen ein in verlorene Gassen, in die nie ein Strahl der Sonne dringt und die sich frostig und dunkel der allgemeinen Morgenwonne zu entziehen scheinen. Wenn das Murmeln und die Tritte des drängenden Volkshaufens lauter zu ihnen herüber­dringen, scheinen sie zu schaudern und mitunter halten sie inne und lauschen für einen Augenblick hinüber, aber selbst dann tauschen sie kein Wort miteinander.

Endlich führt die letzte Gasse sie zu einer hohen dunklen Mauer, die selbst der Sonnenschein, der mit ihr spielt, nicht zu verschönen vermag. Hier ist eine kleine, schattige Tür, an der sie leise und wie mit Entsetzen pochen. Innen wird knarrend ein Schlüssel gedreht, ein schlanker, hübscher Junge öffnet und schließt und sie stehen in einem grauen, gepflasterten Hof, in dessen Mitte sich ein nüchternes großes Gebäude erhebt.

Jetzt hebt die eine der Frauen den Kopf. Wie fiebernd starren rot geweinte Augen heraus, der Mund ist trocken, die Brust atmet schwer, sodaß ihr zuerst das Wort nicht gelingen will. Endlich bringt sie es mühsam hervor.

Keine Nachricht?"

Nein, wie ich gestern schon sagte. Es war nicht sehr wahrscheinlich, gute Frau," erwidert der heitere Junge geschäftig.

Aber der König," stößt sie verzweifelt heraus und dann packt sie ein Schluchzen, das sie nicht zu überwinden vermag.

Die andere steht indessen neben ihr, den Kopf noch immer gesenkt, und preßt ihre schmale weiße Hand, die wunderlicherweise mit stolzen Ringen geschmückt ist, in das einfache schwarze Wollengewand.

In diesem Augenblick kommt, die Stirn nachdenkend geneigt, mit langsamen Schritten ein Mann über den Hof gegangen. Er ist in einen langen, schwarzen Talar gekleidet, der am Hals von einer Weißen, dichten Krause abgeschlossen wird. Der Sonne, die mittlerweile höher gerückt ist, gelingt es in diesem Augenblick in den Hof zu sehen, und sie huscht mit einem zärtlich warmen Strahl auch über seine Augen. Und zugleich klingt auch hier der herrlich unschuldige Morgenpsalm einer Amsel und scheint den öden Ort mit einem Frühlingsglanz zu überfluten.