Heft 
(1.1.2019) 1/2
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LEBENSGESTALTUNG- ETHIK- RELIGIONSKUNDE: Ein neues Schulfach auf dem Weg in die Universität

Am 12. April 1996 beschloß der Branden­burger Landtag mit deutlicher Mehrheit die Einführung eines neuen allgemeinbil­denden SchulfachesLebensgestaltung Ethik Religionskunde(L-E-R). Es soll der Tatsache Rechnung tragen, daß der größte Teil der Brandenburger Bevölke­rung der Kirche eher fern steht und durch einen Religionsunterricht nicht erreicht würde. Gleichwohl gehört es zum ge­nuinen Erziehungsauftrag der Schule, die Lebensorientierung von Kindern und Ju­gendlichen zu unterstützen, dazu ethi­sche Werte und Normen zu vermitteln und über Religionen zu informieren.

Erwartungsgemäß löste dieser Beschluß erhebliche Kontroversen aus: Allen voran reklamierten die beiden etablierten Croß­kirchen- inzwischen auch vor dem Karlsru­her Verfassungsgericht- den konfessionel­len Religionsunterricht als einzurichtendes ordentliches Schulfach und bezweifelten die Kompetenz von nicht kirchlich ausgebilde­ten Lehrkräften, authentisch über Religion infomieren zu können. Befürworter hingegen sehen in dem Fach die in einer entkirch­lichten Gesellschaft fällige Wende weg vom marginalisierten Religionsunterricht zu ei­nem allgemeinbildenden Fach.

Die Entscheidung des Bundesverfassungs­gerichts wird noch einige Zeit auf sich war­ten lassen. Es wird für höchst unwahrschein­lich gehalten, daß das Fach L-E-R auch bei einem Votum zugunsten des Religionsunter­Yichts verworfen wird. Schon von daher ent­Stand mit der Einführung des Faches zu­nächst in der Sekundarstufe I ein klassi­sches Mangelfach, zumal festgelegt wurde, daß es nur von ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden darf, frühe­stens nach erfolgreicher Absolvierung des Grundstudiums.

Der Bedarf war und ist erheblich: Im Schul­jahr 1997/98 wird das neue Fach an insge­samt 171 Schulen in 947 Klassen gelehrt: die Anzahl der Befreiungsanträge lag bei nur zwei Prozent. Mit der Ausbildung der not­wendigen Lehrkräfte war bereits im Rahmen eines Modellprojekts 1992 am Pädagogi­schen Landesinstitut Brandenburg(PLIB) begonnen worden. Aus diesen Kursen sollen bis 1998 rund 160 Lehrerinnen und Lehrer für L-E-R hervorgegangen sein. Im Herbst 1996 wurden im Sonderprogramm zur Weiterqualifizierung_Brandenburgischer Lehrerinnen und Lehrer 183 Lehrkräfte zuge­lassen. Im Herbst 1997 folgten 250 weitere und für den Studienbeginn 1998 wurden 207 zugelassen. Studiert wird derzeit an acht de­zentralen Studienorten nach einer 60 Seme­sterwochenstunden umfassenden Studien­

ordnung, die aufgrund der Erfahrungen mit den ersten Studienkursen überarbeitet wird. Die bewährten Charakteristika der Sonder­programm-Studien gelten auch für den L-E-R-Studiengang: Neben der Dezentra­lität- einem Flächenland angemessen, geht die Lehre zu den Lernenden und nicht umgekehrt sind dies ein besonderer Berufspraxisbezug mit hohen Fachdidaktik­anteilen, Elemente intensiv betreuter Fern­studien sowie ein hoher Verknüpfungsgrad der verschiedenen Studieninhalte durch Fachübungen und integrierende Projekte, die in Blockwochen stattfinden. Die aktuel­le Überarbeitung soll die Fachwissenschaf­ten Philosophie, Religionswissenschaft,

Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie- noch stärker auf L-E-R-spezifi­sche Problemstellungen hin integrieren. Nach Auslauf des Sonderprogramms im Jah­re 2000 wird für die L-E-R-Grundversorgung in der Sekundarstufe I noch ein Defizit von zirka 80 Lehrkräften bleiben. Dieses auszu­gleichen und den Ersatzbedarf zu decken, entwickelt eine Arbeitsgruppe der Universi­tät Potsdam seit über einem Jahr eine Studienordnung. Ab Herbst 1998 soll nach dieser Studienordnung eine berufsbeglei­tende Ausbildung offeriert werden. Auch wenn der Grundbedarf gedeckt ist, werden L-E-R-Studiengänge gefragt sein: Die Ein­führung in der Grundschule in den Klassen 5 und 6 mit einem eigenen Fachprofil steht bevor und damit ein Fort- und Weiterbil­dungsbedarf für zahlreiche Lehrkräfte. Bernhard Muszynski

PRÜFUNGSORIENTIERUNG ODER STUDENTISCHE SELBSTORGANISATION? Ergebnisse der Lehrevaluation am Institut für Psychologie

Wie viele andere Studiengänge an der Universität Potsdam zeichnet sich auch das Stu­dium der Psychologie durch einen hohen Anteil an pflicht- oder prüfungsrelevanten Lehrveranstaltungen aus. Veranstaltungen, die auf der Eigenmotivation und dem In­teresse der Studierenden aufbauen, sind eher selten und werden von den Studenten aufgrund der eindeutigen Prüfungsorientierung des Studiums und des ihnen auferleg­ten Rahmens der Regelstudienzeit nur selten besucht. Der Arbeitsmarkt für diplomierte Psychologen ist indessen sehr weit gefächert, und es wird erwartet, daß sich die Be­rufsanfänger auf die spezifischen Erfordernisse des Tätigkeitsfeldes durch außer­universitäre Weiterqualifikation oder bereits anderweitig erworbene praktische Berufs­erfahrung vorbereiten. Das Studium der Psychologie ist daher im Gegensatz zu vielen anderen Studiengängen nicht berufsqualifizierend, sondem nur berufsvorbereitend.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Fra­ge, wie die Studenten das nur wenig auf eine individuelle Profilbildung angelegte Lehrangebot im Studiengang Psychologie beurteilen und ob Veranstaltungen, die sie aufgrund eigenen Interesses besuchen, besser beurteilt werden als Veranstaltun­gen, die von den meisten als verpflichtend eingeschätzt werden. Deshalb wurden, be­ginnend mit dem Wintersemester 1994/95, am Institut für Psychologie Lehr- und Veranstaltungsbewertungen durch die Stu­dierenden durchgeführt. Die Bewertungen hatten das Ziel, den Dozenten eine differen­zierte Beurteilung ihrer Lehrveranstaltun­gen zu geben. Dozenten und Studenten konnten so mögliche Veränderungen und gegebenenfalls Verbesserungen der Veran­staltungen diskutieren.

Die erste Erhebungswelle diente zunächst der Erprobung und Anpassung des an der Universität Heidelberg entwickelten Instru­mentes, Die veränderte Version des Frage­bogens wurde dann erstmals im Sommer­Semester 1995 verwendet. Dieser Fragebo­gen umfaßte etwa 50 Fragen und beinhalte­te neben Angaben über die Studenten, wie

den Grund für den Besuch der Veranstal­tung, folgende Bewertungsdimensionen: Anzahl und Qualität der Referate, Themen­relevanz, Arbeitsaufwand, Mitverantwort­lichkeit, Strukturiertheit, Lehrkompetenz, Auseinandersetzung, Klima, Dozenten­SNgagement, Interessantheit, Lernerfolg, Überforderung sowie ein globales Maß für die Beurteilung der Veranstaltung. Weitere Lehrevaluationen folgten in den sich an­Schließenden Semestern.

Die Ergebnisse der studentischen Bewer­tungen stützten sich auf die Lehrevalua­tHonen im SS 1995, WS 1995/96 und SS 1996. Bezüglich aller erhobenen Bewertungs­dimensionen Schätzten Studenten Veran­staltungen, die aus Interesse besucht wur­den, wesentlich höher und besser ein als Pflichtveranstaltungen. Das trifft insbeson­dere auf die für den Lehr-Lern-Prozeß be­deutsamen Dimensionen zu: Relevanz des Themas, Mitverantwortlichkeit der Stu­denten, durch die Veranstaltung initiierte Auseinandersetzung mit dem Thema und Interessantheit der Veranstaltung. Darüber hinaus schätzten Studenten ihren Lern­erfolg in Veranstaltungen, die sie aus>

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