LEBENSGESTALTUNG- ETHIK- RELIGIONSKUNDE: Ein neues Schulfach auf dem Weg in die Universität
Am 12. April 1996 beschloß der Brandenburger Landtag mit deutlicher Mehrheit die Einführung eines neuen allgemeinbildenden Schulfaches„Lebensgestaltung— Ethik— Religionskunde“(L-E-R). Es soll der Tatsache Rechnung tragen, daß der größte Teil der Brandenburger Bevölkerung der Kirche eher fern steht und durch einen Religionsunterricht nicht erreicht würde. Gleichwohl gehört es zum genuinen Erziehungsauftrag der Schule, die Lebensorientierung von Kindern und Jugendlichen zu unterstützen, dazu ethische Werte und Normen zu vermitteln und über Religionen zu informieren.
Erwartungsgemäß löste dieser Beschluß erhebliche Kontroversen aus: Allen voran reklamierten die beiden etablierten Croßkirchen—- inzwischen auch vor dem Karlsruher Verfassungsgericht- den konfessionellen Religionsunterricht als einzurichtendes ordentliches Schulfach und bezweifelten die Kompetenz von nicht kirchlich ausgebildeten Lehrkräften, authentisch über Religion infomieren zu können. Befürworter hingegen sehen in dem Fach die in einer entkirchlichten Gesellschaft fällige Wende weg vom marginalisierten Religionsunterricht zu einem allgemeinbildenden Fach.
Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wird noch einige Zeit auf sich warten lassen. Es wird für höchst unwahrscheinlich gehalten, daß das Fach L-E-R auch bei einem Votum zugunsten des ReligionsunterYichts verworfen wird. Schon von daher entStand mit der Einführung des Faches— zunächst in der Sekundarstufe I— ein klassisches Mangelfach, zumal festgelegt wurde, daß es nur von ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden darf, frühestens nach erfolgreicher Absolvierung des Grundstudiums.
Der Bedarf war und ist erheblich: Im Schuljahr 1997/98 wird das neue Fach an insgesamt 171 Schulen in 947 Klassen gelehrt: die Anzahl der Befreiungsanträge lag bei nur zwei Prozent. Mit der Ausbildung der notwendigen Lehrkräfte war bereits im Rahmen eines Modellprojekts 1992 am Pädagogischen Landesinstitut Brandenburg(PLIB) begonnen worden. Aus diesen Kursen sollen bis 1998 rund 160 Lehrerinnen und Lehrer für L-E-R hervorgegangen sein. Im Herbst 1996 wurden im Sonderprogramm zur Weiterqualifizierung_Brandenburgischer Lehrerinnen und Lehrer 183 Lehrkräfte zugelassen. Im Herbst 1997 folgten 250 weitere und für den Studienbeginn 1998 wurden 207 zugelassen. Studiert wird derzeit an acht dezentralen Studienorten nach einer 60 Semesterwochenstunden umfassenden Studien
ordnung, die aufgrund der Erfahrungen mit den ersten Studienkursen überarbeitet wird. Die bewährten Charakteristika der Sonderprogramm-Studien gelten auch für den L-E-R-Studiengang: Neben der Dezentralität- einem Flächenland angemessen, geht die Lehre zu den Lernenden und nicht umgekehrt— sind dies ein besonderer Berufspraxisbezug mit hohen Fachdidaktikanteilen, Elemente intensiv betreuter Fernstudien sowie ein hoher Verknüpfungsgrad der verschiedenen Studieninhalte durch Fachübungen und integrierende Projekte, die in Blockwochen stattfinden. Die aktuelle Überarbeitung soll die Fachwissenschaften— Philosophie, Religionswissenschaft,
Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie- noch stärker auf L-E-R-spezifische Problemstellungen hin integrieren. Nach Auslauf des Sonderprogramms im Jahre 2000 wird für die L-E-R-Grundversorgung in der Sekundarstufe I noch ein Defizit von zirka 80 Lehrkräften bleiben. Dieses auszugleichen und den Ersatzbedarf zu decken, entwickelt eine Arbeitsgruppe der Universität Potsdam seit über einem Jahr eine Studienordnung. Ab Herbst 1998 soll nach dieser Studienordnung eine berufsbegleitende Ausbildung offeriert werden. Auch wenn der Grundbedarf gedeckt ist, werden L-E-R-Studiengänge gefragt sein: Die Einführung in der Grundschule— in den Klassen 5 und 6 mit einem eigenen Fachprofil— steht bevor und damit ein Fort- und Weiterbildungsbedarf für zahlreiche Lehrkräfte. Bernhard Muszynski
PRÜFUNGSORIENTIERUNG ODER STUDENTISCHE SELBSTORGANISATION? Ergebnisse der Lehrevaluation am Institut für Psychologie
Wie viele andere Studiengänge an der Universität Potsdam zeichnet sich auch das Studium der Psychologie durch einen hohen Anteil an pflicht- oder prüfungsrelevanten Lehrveranstaltungen aus. Veranstaltungen, die auf der Eigenmotivation und dem Interesse der Studierenden aufbauen, sind eher selten und werden von den Studenten aufgrund der eindeutigen Prüfungsorientierung des Studiums und des ihnen auferlegten Rahmens der Regelstudienzeit nur selten besucht. Der Arbeitsmarkt für diplomierte Psychologen ist indessen sehr weit gefächert, und es wird erwartet, daß sich die Berufsanfänger auf die spezifischen Erfordernisse des Tätigkeitsfeldes durch außeruniversitäre Weiterqualifikation oder bereits anderweitig erworbene praktische Berufserfahrung vorbereiten. Das Studium der Psychologie ist daher im Gegensatz zu vielen anderen Studiengängen nicht berufsqualifizierend, sondem nur berufsvorbereitend.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Studenten das nur wenig auf eine individuelle Profilbildung angelegte Lehrangebot im Studiengang Psychologie beurteilen und ob Veranstaltungen, die sie aufgrund eigenen Interesses besuchen, besser beurteilt werden als Veranstaltungen, die von den meisten als verpflichtend eingeschätzt werden. Deshalb wurden, beginnend mit dem Wintersemester 1994/95, am Institut für Psychologie Lehr- und Veranstaltungsbewertungen durch die Studierenden durchgeführt. Die Bewertungen hatten das Ziel, den Dozenten eine differenzierte Beurteilung ihrer Lehrveranstaltungen zu geben. Dozenten und Studenten konnten so mögliche Veränderungen und gegebenenfalls Verbesserungen der Veranstaltungen diskutieren.
Die erste Erhebungswelle diente zunächst der Erprobung und Anpassung des an der Universität Heidelberg entwickelten Instrumentes, Die veränderte Version des Fragebogens wurde dann erstmals im SommerSemester 1995 verwendet. Dieser Fragebogen umfaßte etwa 50 Fragen und beinhaltete neben Angaben über die Studenten, wie
den Grund für den Besuch der Veranstaltung, folgende Bewertungsdimensionen: Anzahl und Qualität der Referate, Themenrelevanz, Arbeitsaufwand, Mitverantwortlichkeit, Strukturiertheit, Lehrkompetenz, Auseinandersetzung, Klima, DozentenSNgagement, Interessantheit, Lernerfolg, Überforderung sowie ein globales Maß für die Beurteilung der Veranstaltung. Weitere Lehrevaluationen folgten in den sich anSchließenden Semestern.
Die Ergebnisse der studentischen Bewertungen stützten sich auf die LehrevaluatHonen im SS 1995, WS 1995/96 und SS 1996. Bezüglich aller erhobenen Bewertungsdimensionen Schätzten Studenten Veranstaltungen, die aus Interesse besucht wurden, wesentlich höher und besser ein als Pflichtveranstaltungen. Das trifft insbesondere auf die für den Lehr-Lern-Prozeß bedeutsamen Dimensionen zu: Relevanz des Themas, Mitverantwortlichkeit der Studenten, durch die Veranstaltung initiierte Auseinandersetzung mit dem Thema und Interessantheit der Veranstaltung. Darüber hinaus schätzten Studenten ihren Lernerfolg in Veranstaltungen, die sie aus>
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