_ Die 39. Jahrestagung der Gesellschaft für _ Geistesgeschichte(GGG) befaßte sich —_ Ende 1997 mit„Geopolitik— Grenzgänge im Zeitgeist. I: 1890-1945“, Sie wurde in Verbindung mit dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische — Studien an der Universität Potsdam, der _ Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft und dem _ Alten Rathaus Potsdam durchgeführt. In seinem Eröffnungsvortrag spannte Manfred Görtemaker, Professor für Neuere Geschichte(Schwerpunkt 19./20. Jahr_ hundert) an der Universität Potsdam, un_ ter dem Thema„Politischer Zeitgeist und | Geopolitik- Über die zeitbedingten Vor_ aussetzungen anwendungsorientierter _ Wissenschaft“ den Bogen vom 19. Jahr
_ hundert bis in die Gegenwart und gab | damit den Rahmen für die Tagung und die E auf ihr zu diskutierenden Fragen vor. i
„Geopolitik“ als Begriff war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang geächtet, zur Zeit jedoch erhält er eine neue Konjunktur. Görtemaker legte dar, wie seit etwa dem Ende der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts geopolitische Argumentationsmuster wieder verstärkt : auftauchen. Als Beispiele benannte er unter anderem den Krieg | zwischen dem Iran und dem Irak, den Colf| Krieg sowie die Auseinandersetzungen in | Jugoslawien und der ehemaligen Sowjetunion. Auch in der Bundesrepublik Deutschland gewinne die Diskussion um die geopolitische Lage des Landes vor allem seit dem Ende des Kalten Krieges wieder an Bedeutung. Görtemaker argumentierte:„Im gleichen Maße, in der der global, von Berlin bis Angola, grenz- und erdteilüberschreitend geführte Kampf der Ideologien nach dem Zusammenbruch und dem Zerfall der Sowjetunion einer neuen Regionalisierung der Weltpolitik wich, kehrte das Bewußtsein für Lage und Raum, für Territorien und Grenzen zurück... Beflügelt vom Zeitgeist der Regionalisierung- teilweise auch der Renationalisierung— der Politik _ Und den damit einhergehenden mentalen und ideologischen Veränderungen, scheint geopolitisches Denken eine neue Blüte zu erleben.“ Der Referent ging zunächst von den Ideen Friedrich Ratzels und denen des Schweden Rudolf Kjellen aus, der 1899 erstmals den Begriff„Geopolitik“ prägte. Als parallele Entwicklung dazu zeigte er das sich in den
3 Gilt als Begründer | der politischen | Geographie: Frie| drich Ratzel(1844
| 1904), Abb. zg.
GRENZGÄNGE IM ZEITGEIST
Gesellschaft für Geistesgeschichte tagte in Potsdam
angelsächsischen Ländern entwickelnde strategische Großmachtdenken auf. Danach untersuchte er unter der Themenstellung„Irrwege der Geopolitik nach dem Ersten Weltkrieg“ die weitere Entwicklung geopolitischen Denkens in Deutschland und stellte die Ideen des Generals Karl Haushofer vor, der 1924 die einflußreiche Zeitschrift„Geopolitik“ gründete. Er ging dann weiter auf die Rolle der Geopolitik im nationalsozialistischen Deutschland ein. Dazu führte er u.a. aus:„In Wirklichkeit bedurfte das NS-Regime solcher Apologetik durch die Geopolitik allerdings kaum. Tatsächlich wurden in der Vorstellungswelt des Nationalsozialismus die geopolitischen Determinismen in bezug auf Natur, Raum und Umwelt zugunsten der zentralen raumund rassenpolitischen Leitkonzepte weitgehend zurückgedrängt.“ Nach 1945 war der deterministische Gehalt deutscher Geopolitik scharf kritisiert worden, und es bestand zunächst kaum eine Chance, an frühere Traditionen anzuknüpfen.„In der Auseinandersetzung“, so Görtemaker,„über die Ursachen und Singularität von Nationalsozialismus und Holocaust war die Geographie offenbar nur von nachgeordnetem Interesse.“
Schließlich ging der Redner auf den Inhalt der„kritischen Geopolitik“ ein, die etwa seit Mitte der 80er Jahre neuere Ansätze aus dem Ausland aufnimmt.„Zudem wird Geopolitik zwar nach wie vor als Methode zur Beschreibung, Deutung und Prognose von Beziehungen zwischen Staaten verstanden, erhebt allerdings nicht mehr den Anspruch, unmittelbare Handlungsanleitung zu sein.“ Schließlich beleuchtete Görtemaker die Perspektiven einer neuen„geopolitischen Weltordnung“, von der niemand weiß, wie sie am Ende genau aussehen wird, sowie die Determinanten deutscher Außenpolitik nach 1989, die sich„zu einem erheblichen Teil auch wieder aus der geographischen Lage“ ableiten. Görtemaker schloß mit Betrachtungen über den Zeitgeist und die Geopolitik, die das große Thema dieser Tagung waren, und bot mit seinen Überlegungen eine optimale Grundlage für die folgenden Referate. Irene Diekmann
_ SITZUNGSTERMINE “Z\DESSENATS
Der Senat der Universität Potsdam|
wird im kommenden Sommersemester an folgenden Terminen| tagen: 16. April, 14. Mai,‘ 11. Juni|
und 9. Juli.
WIE MODERN WAR DIE DDR?
Gemeinsame Tagung des Zentrums für Zeithistorische Forschung und des Einstein Forums
„Die DDR—- Eine moderne Diktatur? Herrschaftsstrukturen und Erfahrungsdimensionen“— unter diesem Titel stand eine Tagung des Zentrums für Zeithistorische Forschung und des Einstein Forums Mitte Dezember in Potsdam. Ziel sollte es dabei sein, die Grundfrage nach dem Charakter des Systems auf der Basis der bisher geleisteten empirischen Arbeiten neu zu stellen und damit nach den heftigen Kontroversen der ersten Jahre nach der„Wende“ einen Beitrag zu einer sachlicheren wissenschaftlichen Diskussion zu leisten.
Die Frage nach der Modernität der DDR bot reichlich Zündstoff für Diskussionen. Bereits in seinem Eröffnungsvortrag betonte Rainer M. Lepsius(Heidelberg) aus organisationssoziologischer Sicht vehement die Modernitätsblockaden der DDR-Bürokratie. Was an einem Staat modern sein solle, der das revolutionär-konspirative Prinzip leninscher Prägung mit dem Bürokratiemodell des 19. Jahrhunderts verbunden habe, könne er beim besten Willen nicht erkennen. Jürgen Kocka(FU Berlin) nahm demgegenüber den auf ihn zurückgehenden Begriff der„modernen Diktatur“ in Schutz. Zum einen sei die DDR in einigen Bereichen (z.B. bei der Industrialisierung der Verwaltung, dem Einsatz von Repressions- und Mobilisierungstechniken) durchaus vergleichsweise modern gewesen; zweitens hätten beide deutsche Diktaturen eine demokratische Vorgeschichte gehabt, die sie nicht ungeschehen machen konnten. Und drittens helfe der Begriff zu differenzieren: Er verweise auf den Unterschied zwischen antiken oder anderen früheren Diktaturen und solchen des 20. Jahrhunderts. Daß die Tragfähigkeit der im Hinblick auf den Vergleich von Nationalsozialismus und DDR entwickelten Bezeichnung nicht allzu groß ist, räumte freilich auch er ein. Ähnlich umstritten war der Versuch Konrad Jarauschs(Chapel Hill/Potsdam), mit dem Spannungsbeognff der„Fürsorgediktatur“ ein übergreifendes Etikett für eine empirische Detailforschung anzubieten, die gelegentlich Gefahr läuft, die größeren Zusammenhänge aus den Augen zu verlieren. Bezweifelt wurde insbesondere, daß die Beschreibung der DDR als radikalisierter Wohlfahrtsstaat geeignet sei, den Charakter des Regimes insgesamt treffend zu beschreiben; vielmehr hebe sie zu stark auf nur einen Aspekt ab. Aber auch die von Jarausch und Fortsetzung nächste Seite
PUTZ 1-2/98
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