Heft 
(1.1.2019) 1/2
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_ Die 39. Jahrestagung der Gesellschaft für _ Geistesgeschichte(GGG) befaßte sich _ Ende 1997 mitGeopolitik Grenzgänge im Zeitgeist. I: 1890-1945, Sie wurde in Verbindung mit dem Moses Mendels­sohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, der _ Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft und dem _ Alten Rathaus Potsdam durchgeführt. In seinem Eröffnungsvortrag spannte Man­fred Görtemaker, Professor für Neuere Geschichte(Schwerpunkt 19./20. Jahr­_ hundert) an der Universität Potsdam, un­_ ter dem ThemaPolitischer Zeitgeist und | Geopolitik- Über die zeitbedingten Vor­_ aussetzungen anwendungsorientierter _ Wissenschaft den Bogen vom 19. Jahr­

_ hundert bis in die Gegenwart und gab | damit den Rahmen für die Tagung und die E auf ihr zu diskutierenden Fragen vor. i

Geopolitik als Begriff war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehnte­lang geächtet, zur Zeit jedoch erhält er eine neue Konjunktur. Görte­maker legte dar, wie seit etwa dem Ende der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts geopoliti­sche Argumentations­muster wieder verstärkt : auftauchen. Als Beispie­le benannte er unter anderem den Krieg | zwischen dem Iran und dem Irak, den Colf­| Krieg sowie die Auseinandersetzungen in | Jugoslawien und der ehemaligen Sowjet­union. Auch in der Bundesrepublik Deutschland gewinne die Diskussion um die geopolitische Lage des Landes vor al­lem seit dem Ende des Kalten Krieges wie­der an Bedeutung. Görtemaker argumen­tierte:Im gleichen Maße, in der der global, von Berlin bis Angola, grenz- und erdteil­überschreitend geführte Kampf der Ideolo­gien nach dem Zusammenbruch und dem Zerfall der Sowjetunion einer neuen Regio­nalisierung der Weltpolitik wich, kehrte das Bewußtsein für Lage und Raum, für Territo­rien und Grenzen zurück... Beflügelt vom Zeitgeist der Regionalisierung- teilweise auch der Renationalisierung der Politik _ Und den damit einhergehenden mentalen und ideologischen Veränderungen, scheint geopolitisches Denken eine neue Blüte zu erleben. Der Referent ging zunächst von den Ideen Friedrich Ratzels und denen des Schweden Rudolf Kjellen aus, der 1899 erstmals den BegriffGeopolitik prägte. Als parallele Entwicklung dazu zeigte er das sich in den

3 Gilt als Begründer | der politischen | Geographie: Frie­| drich Ratzel(1844­

| 1904), Abb. zg.

GRENZGÄNGE IM ZEITGEIST

Gesellschaft für Geistesgeschichte tagte in Potsdam

angelsächsischen Ländern entwickelnde strategische Großmachtdenken auf. Da­nach untersuchte er unter der Themenstel­lungIrrwege der Geopolitik nach dem Ersten Weltkrieg die weitere Entwicklung geopolitischen Denkens in Deutschland und stellte die Ideen des Generals Karl Haushofer vor, der 1924 die einflußreiche ZeitschriftGeopolitik gründete. Er ging dann weiter auf die Rolle der Geopolitik im nationalsozialistischen Deutschland ein. Dazu führte er u.a. aus:In Wirklichkeit bedurfte das NS-Regime solcher Apologe­tik durch die Geopolitik allerdings kaum. Tatsächlich wurden in der Vorstellungswelt des Nationalsozialismus die geopolitischen Determinismen in bezug auf Natur, Raum und Umwelt zugunsten der zentralen raum­und rassenpolitischen Leitkonzepte weitge­hend zurückgedrängt. Nach 1945 war der deterministische Gehalt deutscher Geopo­litik scharf kritisiert worden, und es bestand zunächst kaum eine Chance, an frühere Traditionen anzuknüpfen.In der Auseinan­dersetzung, so Görtemaker,über die Ur­sachen und Singularität von Nationalsozia­lismus und Holocaust war die Geographie offenbar nur von nachgeordnetem Interes­se.

Schließlich ging der Redner auf den Inhalt derkritischen Geopolitik ein, die etwa seit Mitte der 80er Jahre neuere Ansätze aus dem Ausland aufnimmt.Zudem wird Geo­politik zwar nach wie vor als Methode zur Beschreibung, Deutung und Prognose von Beziehungen zwischen Staaten verstanden, erhebt allerdings nicht mehr den Anspruch, unmittelbare Handlungsanleitung zu sein. Schließlich beleuchtete Görtemaker die Perspektiven einer neuengeopolitischen Weltordnung, von der niemand weiß, wie sie am Ende genau aussehen wird, sowie die Determinanten deutscher Außenpolitik nach 1989, die sichzu einem erheblichen Teil auch wieder aus der geographischen Lage ableiten. Görtemaker schloß mit Be­trachtungen über den Zeitgeist und die Geopolitik, die das große Thema dieser Tagung waren, und bot mit seinen Überle­gungen eine optimale Grundlage für die folgenden Referate. Irene Diekmann

_ SITZUNGSTERMINE Z\DESSENATS

Der Senat der Universität Potsdam|

wird im kommenden Sommer­semester an folgenden Terminen| tagen: 16. April, 14. Mai, 11. Juni|

und 9. Juli.

WIE MODERN WAR DIE DDR?

Gemeinsame Tagung des Zentrums für Zeithistorische Forschung und des Einstein Forums

Die DDR- Eine moderne Diktatur? Herr­schaftsstrukturen und Erfahrungsdimen­sionen unter diesem Titel stand eine Ta­gung des Zentrums für Zeithistorische For­schung und des Einstein Forums Mitte Dezember in Potsdam. Ziel sollte es dabei sein, die Grundfrage nach dem Charakter des Systems auf der Basis der bisher ge­leisteten empirischen Arbeiten neu zu stel­len und damit nach den heftigen Kontro­versen der ersten Jahre nach derWende einen Beitrag zu einer sachlicheren wis­senschaftlichen Diskussion zu leisten.

Die Frage nach der Modernität der DDR bot reichlich Zündstoff für Diskussionen. Be­reits in seinem Eröffnungsvortrag betonte Rainer M. Lepsius(Heidelberg) aus organi­sationssoziologischer Sicht vehement die Modernitätsblockaden der DDR-Bürokratie. Was an einem Staat modern sein solle, der das revolutionär-konspirative Prinzip lenin­scher Prägung mit dem Bürokratiemodell des 19. Jahrhunderts verbunden habe, kön­ne er beim besten Willen nicht erkennen. Jürgen Kocka(FU Berlin) nahm demgegen­über den auf ihn zurückgehenden Begriff dermodernen Diktatur in Schutz. Zum einen sei die DDR in einigen Bereichen (z.B. bei der Industrialisierung der Verwal­tung, dem Einsatz von Repressions- und Mobilisierungstechniken) durchaus ver­gleichsweise modern gewesen; zweitens hätten beide deutsche Diktaturen eine de­mokratische Vorgeschichte gehabt, die sie nicht ungeschehen machen konnten. Und drittens helfe der Begriff zu differenzieren: Er verweise auf den Unterschied zwischen antiken oder anderen früheren Diktaturen und solchen des 20. Jahrhunderts. Daß die Tragfähigkeit der im Hinblick auf den Ver­gleich von Nationalsozialismus und DDR entwickelten Bezeichnung nicht allzu groß ist, räumte freilich auch er ein. Ähnlich umstritten war der Versuch Konrad Jarauschs(Chapel Hill/Potsdam), mit dem Spannungsbeognff derFürsorgediktatur ein übergreifendes Etikett für eine empirische Detailforschung anzubieten, die gelegent­lich Gefahr läuft, die größeren Zusammen­hänge aus den Augen zu verlieren. Bezwei­felt wurde insbesondere, daß die Beschrei­bung der DDR als radikalisierter Wohlfahrts­staat geeignet sei, den Charakter des Re­gimes insgesamt treffend zu beschreiben; vielmehr hebe sie zu stark auf nur einen Aspekt ab. Aber auch die von Jarausch und Fortsetzung nächste Seite

PUTZ 1-2/98

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