Heft 
(1.1.2019) 1/2
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BÜCHER AUF DEM FENSTERBRETT

Was wird denn nun aus dem zentralen Uni-Bibliotheksgebäude?

In der Bereichsbibliothek Babelsberg der Universität Potsdam konnte mit Hilfe des für Bauangelegenheiten zuständigen Dezernats 5 der Hochschulverwaltung durch Umbau­ten, Rekonstruktion und Umorganisation eine Entspannung für die nächsten Jahre in der Darbietung freizugänglicher Literatur und eine gewisse Verbesserung der Be­nutzungsbedingungen erreicht werden. Au­Berdem zeichnet sich hier der Baubeginn für die erweiterte Bereichsbibliothek noch in diesem Jahr 1998 ab. So dringlich sich die Probleme im Komplex Babelsberg gestellt hatten, so deutlich zeigen sie sich jetzt bei der bibliothekarischen Versorgung der Stu­denten und der Angehö6­rigen des Lehrkörpers im Universitätskomplex Am Neuen Palais, ge­meint sind die Fachbe­reiche Geschichte, Ma­thematik, Physik, Chemie und Biowissenschaften. Gegenwärtig werden Am Neuen Palais der Hauptadresse der Hoch­schule von der Univer­sitätsbibliothek eine Bereichsbibliothek und drei Fachbibliotheken unterhalten. Ihre Ausstat­tung mit Flächen für Lese- und Informations­plätze sowie für die Un­terbringung von Bü­chern und Zeitschriften ist für Benutzer und Mitarbeiter gleichermaßen erbärmlich, um nicht zu sagen skandalös und für eine Uni­versität unwürdig. Die vier Bibliotheken ha­ben zur Zeit auf engstem Raum Regale mit 2676 laufenden Metern Stellfläche unterge­bracht. Entsprechend internationaler Norm von 35 Bänden pro laufendem Meter reicht der Platz für 93.660 Bände. Mit Stand vom 31. Dezember 1996(!) waren in ihrem Verant­wortungsbereich aber bereits 129.776 vor­handen, d.h. 36.116 Medien über der Norm mußten unter Ausnutzung aller Reserven an­nähernd sachgerecht untergebracht wer­den. Und die Zahl neuer Bücher steigt(Gott sei Dank) weiter.

Im Jahr 1997 hatte die Universitätsbibliothek einen Zuwachs von rund 50.000 Medien­einheiten, von denen ein nicht geringer Teil den Bestand der BibliothekenAm Neuen Palais vergrößert. Es ist richtig, daß jede Bibliothekarsgeneration sich mit Raum­problemen herumschlagen mußte und es auch irgendwie immer weiter ging. So hat z.B. Geheimrat Goethe die damaligen Pro­bleme der unter seiner Verwaltung stehen­den Jenaer Universitätsbibliothek der Ge­

stalt gelöst, daß er kurzerhand über Nacht eine Wand zu einem angrenzenden Ana­tomiesaal, den die Mediziner in vorherge­henden Gesprächen nicht abgeben woll­ten, durchbrechen ließ, um so Platz für Bü­Cher zu schaffen.

So können die Probleme heutzutage zwar nicht mehr gelöst werden; aber der Zwang zu einer radikalen Veränderung ist auch in Potsdam unabdingbar, denn im Rahmen der gegebenen räumlichen Bedingungen sind keine Reserven mehr zu finden und läßt sich nichts mehr improvisieren. Der Platz ist verbraucht und die Bücher werden immer mehr. Was ist zu tun?

Bücher, wohin man schaut: Für die mittlerweile über 11.000 Studie­renden und das Lehr- sowie Forschungspersonal der Universität Potsdam sind es zwar immer noch zu wenig; für die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten jedoch schon lange zuviel. Foto: Kranert

Aussonderung? In wissenschaftlichen Bi­bliotheken ist die Aussonderung weniger oder selten genutzter Literatur der schlech­teste Weg zur Schaffung von Stellfläche, denn auch in einemvirtuellen Zeitalter wird das gedruckte Wort nach wie vor ge­braucht sowohl als Informationsmittel, vor allem aber als Lehr- und Lernmittel und als Forschungsgegenstand.

Speicher? Die Schaffung von Speicher­bibliotheken ist ebenfalls ein Phantom, dem schon viele Bibliothekare(auch der Verfas­ser) nachgejagt sind. Hier war und ist das Zusammenwirken von Verwaltungsbürokra­tie und Bibliotheken ganzer Regionen erfor­derlich, und das bleibt unter den gegenwär­tigen politischen und regionalen Bedingun­gen ein Traum.

Umlagerung? Die Verlagerung von wenig genutzter Literatur und alten Zeitschriften­bänden in Magazine stößt an Kapazitäts­grenzen und vergrößert außerdem enorm den Arbeits- und Zeitaufwand für die Bereit­stellung.

Die Erweiterung der Regalflächen zu Lasten der Lese- und Informationsplätze wäre die letzte Möglichkeit. Sie ist in Anbetracht des gegenwärtigen Angebots illusorisch. Die sieben Plätze in der FachbibliothekPhysik, fünf in derChemie und 36 Plätze im Haus 11 beiinsgesamt 2855 Benutzern traut man sich gar nicht in das normative Verhältnis6 Studenten auf 1 Leseplatz zu setzen. Bleiben sinnbildlich wirklich nur die Fenster­bretter? Oder gab es da nicht Vorstellungen von einer neuen Bibliothek im Bereich des Neuen Palais, für deren erste Realisierungs­Schritte bereits viel Geld ausgegeben wur­de? Läßt sich da wirklich nichts gegen die Sprach- und Handlungsunfähigkeit tun? Ein alter Potsdamer Bibliothekar kann sich nicht mit der traurigen Zukunftsvision für die von Politikern sattsam strapazierten Potsdamer Kultur- und Wissenschaftslandschaft abfin­den, die für ihn heißtBücher im Fensterbrett und eine fast schon greifbare zentrale Uni­versitätsbibliothek vertan.

Deshalb muß die Forderung der Studenten nach Verbesserung der Literaturversor­gung durch den Bau einer Bibliothek Am Neuen Palais von allen, die Bücher brau­Chen und von Bibliotheken etwas verstehen, unterstützt werden. Jochen Kranert

Kleine Chronologie des bisherigen Planungsgeschehens:

6/1992-10/1994: Verfolgen des Projekts Umnutzung und Ausbau des Kaiser­bahnhofs für die Zwecke der Universitäts­bibliothek Potsdam(UB)

11/1992: Bauantrag der Universität Potsdam 3/1995: Genehmigung des im Bauantrag beschriebenen Raumbedarfs durch das Mi­nisterium der Finanzen

6/1995: Besuch der ArbeitsgruppeBiblio­theken des Wissenschaftsrates: Besichti­gung, Bewertung und Festlegen des Stand­ortsT1 Am Neuen Palais; positive Stel­lungnahme der Arbeitsgruppe

5/1996: Auslobung eines EU-weiten Archi­tekten-Wettbewerbs für den Standort Han

11/1996: Entscheidung des Preisgerichts: 1. Preis Sabine Waldmann, Berlin

12/1996: Erneute Standortdiskussion, initi­jert durch die Stadt Potsdam und das Wissenschaftsministerium(MWFK)(Alter Markt als Variante)

18.12.1996: Schreiben des Rektors der Pots­damer Universität, Prof. Dr. Loschelder, an Minister Reiche mit der Bitte, die Planungs­vorbereitungen für den Wettbewerbs­Standort voranzutreiben

1 1997: Beauftragung eines Gutachtens an Cine auswärtige Expertengruppe zum Standort für die UB von seiten des MWFK 26.6.1997: Überreichen und Erläuterung

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