BÜCHER AUF DEM FENSTERBRETT
Was wird denn nun aus dem zentralen Uni-Bibliotheksgebäude?
In der Bereichsbibliothek Babelsberg der Universität Potsdam konnte mit Hilfe des für Bauangelegenheiten zuständigen Dezernats 5 der Hochschulverwaltung durch Umbauten, Rekonstruktion und Umorganisation eine Entspannung für die nächsten Jahre in der Darbietung freizugänglicher Literatur und eine gewisse Verbesserung der Benutzungsbedingungen erreicht werden. AuBerdem zeichnet sich hier der Baubeginn für die erweiterte Bereichsbibliothek noch in diesem Jahr 1998 ab. So dringlich sich die Probleme im Komplex Babelsberg gestellt hatten, so deutlich zeigen sie sich jetzt bei der bibliothekarischen Versorgung der Studenten und der Angehö6rigen des Lehrkörpers im Universitätskomplex Am Neuen Palais, gemeint sind die Fachbereiche Geschichte, Mathematik, Physik, Chemie und Biowissenschaften. Gegenwärtig werden „Am Neuen Palais“— der Hauptadresse der Hochschule— von der Universitätsbibliothek eine Bereichsbibliothek und drei Fachbibliotheken unterhalten. Ihre Ausstattung mit Flächen für Lese- und Informationsplätze sowie für die Unterbringung von Büchern und Zeitschriften ist für Benutzer und Mitarbeiter gleichermaßen erbärmlich, um nicht zu sagen skandalös und für eine Universität unwürdig. Die vier Bibliotheken haben zur Zeit auf engstem Raum Regale mit 2676 laufenden Metern Stellfläche untergebracht. Entsprechend internationaler Norm von 35 Bänden pro laufendem Meter reicht der Platz für 93.660 Bände. Mit Stand vom 31. Dezember 1996(!) waren in ihrem Verantwortungsbereich aber bereits 129.776 vorhanden, d.h. 36.116 Medien über der Norm mußten unter Ausnutzung aller Reserven annähernd sachgerecht untergebracht werden. Und die Zahl neuer Bücher steigt(Gott sei Dank) weiter.
Im Jahr 1997 hatte die Universitätsbibliothek einen Zuwachs von rund 50.000 Medieneinheiten, von denen ein nicht geringer Teil den Bestand der Bibliotheken„Am Neuen Palais“ vergrößert. Es ist richtig, daß jede Bibliothekarsgeneration sich mit Raumproblemen herumschlagen mußte und es auch irgendwie immer weiter ging. So hat z.B. Geheimrat Goethe die damaligen Probleme der unter seiner Verwaltung stehenden Jenaer Universitätsbibliothek der Ge
stalt gelöst, daß er kurzerhand über Nacht eine Wand zu einem angrenzenden Anatomiesaal, den die Mediziner in vorhergehenden Gesprächen nicht abgeben wollten, durchbrechen ließ, um so Platz für BüCher zu schaffen.
So können die Probleme heutzutage zwar nicht mehr gelöst werden; aber der Zwang zu einer radikalen Veränderung ist auch in Potsdam unabdingbar, denn im Rahmen der gegebenen räumlichen Bedingungen sind keine Reserven mehr zu finden und läßt sich nichts mehr improvisieren. Der Platz ist verbraucht und die Bücher werden immer mehr. Was ist zu tun?
Bücher, wohin man schaut: Für die mittlerweile über 11.000 Studierenden und das Lehr- sowie Forschungspersonal der Universität Potsdam sind es zwar immer noch zu wenig; für die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten jedoch schon lange zuviel. Foto: Kranert
Aussonderung? In wissenschaftlichen Bibliotheken ist die Aussonderung weniger oder selten genutzter Literatur der schlechteste Weg zur Schaffung von Stellfläche, denn auch in einem„virtuellen“ Zeitalter wird das gedruckte Wort nach wie vor gebraucht sowohl als Informationsmittel, vor allem aber als Lehr- und Lernmittel und als Forschungsgegenstand.
Speicher? Die Schaffung von Speicherbibliotheken ist ebenfalls ein Phantom, dem schon viele Bibliothekare(auch der Verfasser) nachgejagt sind. Hier war und ist das Zusammenwirken von Verwaltungsbürokratie und Bibliotheken ganzer Regionen erforderlich, und das bleibt unter den gegenwärtigen politischen und regionalen Bedingungen ein Traum.
Umlagerung? Die Verlagerung von wenig genutzter Literatur und alten Zeitschriftenbänden in Magazine stößt an Kapazitätsgrenzen und vergrößert außerdem enorm den Arbeits- und Zeitaufwand für die Bereitstellung.
Die Erweiterung der Regalflächen zu Lasten der Lese- und Informationsplätze wäre die letzte Möglichkeit. Sie ist in Anbetracht des gegenwärtigen Angebots illusorisch. Die sieben Plätze in der Fachbibliothek„Physik“, fünf in der„Chemie“ und 36 Plätze im Haus 11 beiinsgesamt 2855 Benutzern traut man sich gar nicht in das normative Verhältnis„6 Studenten auf 1 Leseplatz“ zu setzen. Bleiben sinnbildlich wirklich nur die Fensterbretter? Oder gab es da nicht Vorstellungen von einer neuen Bibliothek im Bereich des Neuen Palais, für deren erste RealisierungsSchritte bereits viel Geld ausgegeben wurde? Läßt sich da wirklich nichts gegen die Sprach- und Handlungsunfähigkeit tun? Ein alter Potsdamer Bibliothekar kann sich nicht mit der traurigen Zukunftsvision für die von Politikern sattsam strapazierten Potsdamer Kultur- und Wissenschaftslandschaft abfinden, die für ihn heißt„Bücher im Fensterbrett und eine fast schon greifbare zentrale Universitätsbibliothek vertan.“
Deshalb muß die Forderung der Studenten nach Verbesserung der Literaturversorgung durch den Bau einer Bibliothek Am Neuen Palais von allen, die Bücher brauChen und von Bibliotheken etwas verstehen, unterstützt werden. Jochen Kranert
Kleine Chronologie des bisherigen Planungsgeschehens:
6/1992-10/1994: Verfolgen des Projekts „Umnutzung und Ausbau des Kaiserbahnhofs für die Zwecke der Universitätsbibliothek Potsdam“(UB)
11/1992: Bauantrag der Universität Potsdam 3/1995: Genehmigung des im Bauantrag beschriebenen Raumbedarfs durch das Ministerium der Finanzen
6/1995: Besuch der Arbeitsgruppe„Bibliotheken“ des Wissenschaftsrates: Besichtigung, Bewertung und Festlegen des Standorts„T1“ Am Neuen Palais; positive Stellungnahme der Arbeitsgruppe
5/1996: Auslobung eines EU-weiten Architekten-Wettbewerbs für den Standort Han
11/1996: Entscheidung des Preisgerichts: 1. Preis Sabine Waldmann, Berlin
12/1996: Erneute Standortdiskussion, initijert durch die Stadt Potsdam und das Wissenschaftsministerium(MWFK)(Alter Markt als Variante)
18.12.1996: Schreiben des Rektors der Potsdamer Universität, Prof. Dr. Loschelder, an Minister Reiche mit der Bitte, die Planungsvorbereitungen für den WettbewerbsStandort voranzutreiben
1 1997: Beauftragung eines Gutachtens an Cine auswärtige Expertengruppe zum Standort für die UB von seiten des MWFK 26.6.1997: Überreichen und Erläuterung
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