WAS TUN?! GRÜNDE UND PERSPEKTIVEN STUDENTISCHER PROTESTBEWEGUNG
Es war mal wieder soweit. Die Studierenden formierten sich zu einer großen bundesweiten Protestbewegung, die es seit 1988/89 so nicht mehr gegeben hat. Auch die Studentinnen und Studenten der Universität Potsdam und der Fachhochschule schlossen sich der Streikwelle an, die im Dezember mit rund 120 streikenden Hochschulen im ganzen Bundesgebiet ihren vorläufigen Höhepunkt fand.
Doch wer waren eigentlich die Studierenden, die den Streik ins Rollen brachten? Zunächst Erstsemester der Universität Gießen, die von Dozenten in Seminaren mit 600 Leuten aufgefordert wurden, aus Gründen der Überfüllung im nächsten Semester wiederzukommen. Aus ehrlicher Empörung und nicht gewillt, die widrigen Studienbedingungen hinzunehmen, machten sie ihrem Ärger Luft.
Der Streik in Gießen griff innerhalb weniger Wochen auf ganz Hessen und die ganze Bundesrepublik über. Die Studierenden konnten sich während des Streiks vor Sympathiebekundungen, Lobhudeleien und Verständnis aller Seiten kaum retten. Spätestens, als Manfred Möllemann(Chef der nordrhein-westfälischen FDP), SPD-Wissenschaftsministerin Anke Brunn und andere namhafte Politikerinnen und Politiker auf einer Demonstration in Düsseldorf mit 40.000 Studierenden am 4. Dezember 1997 in der ersten Reihe mitmarschierten, dürfte jedem Studierenden klar gewesen sein, daß sich die Bundesrepublik im Wahlkampf befindet. Der schwarze Peter für die Bildungsmisere wird von den Landesregierungen an die Bundesregierung weitergereicht. Diese steht dem in nichts nach und haut noch mal kräftig auf die SPD geführten Länder ein. Interessanterweise begannen die studentischen Proteste in einem Land mit rot-grüner Koalition. Dies zeigt, daß die meisten Landeshaushalte desolat sind.
Jedoch sind die Studierenden nicht länger gewillt, die Sachzwangargumentation der verantwortlichen Politiker hinzunehmen. Daß„gespart“ werden müsse, sehen die Studierenden nicht länger ein. Schon gar nicht vor dem Hintergrund immenser Ausgaben für die Rüstung und„gesparten“ 2,7 Milliarden DM in den letzten Jahren beim BAföG. Nicht von ungefähr kommen Sprüche wie„Seminarleiter statt Eurofighter“.
Auch die SPD-Regierung in Brandenburg spart kräftig mit. Den Hochschulen werden bis zum Jahre 2001 rund 100 Millionen weggekürzt, bei den Schulen 270 Millionen gestrichen und die Mittel nach dem Arbeitsförderungsgesetz halbiert. Für Prestigeobjekte wie Lausitzring, Havel- und Flughafenaus
bau werden jedoch Millionen verbuddelt. Schon im Sommersemester 1997 haben die Studierenden an der Universität Potsdam gezeigt, daß sie sich diese Priontätensetzung der Landesregierung nicht gefallen lassen und sind gegen den Hochschulentwicklungsplan auf die Straße gegangen.
Die sich ausbreitende Protestwelle der Studierenden in den alten Bundesländern und neueste Horrormeldungen aus dem Ministerum für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) über„Streckungen des Aufbaus der Brandenburger Hochschulen“ brachte das Faß an der Uni Potsdam zum überlaufen. Mit großen Demonstrationen, phantasievollen Aktionen und„Besuchen“ in Ministerien und Landtag dominierten die Studierenden im Dezember das Bild in der Potsdamer Innenstadt. Alternative Seminare und Arbeitsgruppen wie zum Hochschulrahmengesetz (HRG), Brandenburgischen Hochschulgesetz(BbgHC) und BAföG kennzeichneten das Bild an den Standorten der Universität Potsdam. Halb ungläubig, halb erstaunt über die eigene Bewegung treffen sich die Studierenden auf der Großdemonstration am 16. Dezember mit Gewerkschaftern, Schülern und anderen Gleichgesinnten wieder; insgesamt 10.000 Demonstrantinnen und Demonstranten.
Der Streik an der Universität Potsdam hat bei den Studierenden ein ungeahntes Kreativitäts- und Protestpotential freigesetzt. Studierende, von denen man noch nicht einmal erwartet hatte, daß sie sich für Hochschulpolitik auch nur ein bißchen erwärmen, beteiligten sich plötzlich an Vollversammlungen und Protestaktionen. Der Streik an der Universität Potsdam kann als Erfolg gewertet werden. Zwar konnte er den HaushaltsbeSchluß der SPD-Mehrheit im Brandenburger Landtag nicht verhindern, was auch nicht zu erwarten war; aber er hat zur hochschulinternen Politisierung der Studierendenschaft massiv beigetragen.
Zudem ging von der Universität Potsdam als einer der ersten streikenden ostdeutschen Hochschulen neben der Fachhochschule Potsdam an die Hochschulen in den neuen Bundesländern ein Signal, sich der StreikbeWegung anzuschließen, die bis dahin ausschließlich„westspezifisch“ war, Äußerungen von„Zukunftsminister“ Rüttgers, die westdeutschen Studierenden sollen doch in die„blühenden Hochschullandschaften im Osten“ abwandern, wenn ihnen die Studienbedingungen im Westen zu ungenügend seien, müssen spätestens in diesem Moment den Studierenden in den neuen Bundesländern ein zynisches Lachen entlockt haben.
Ein reiner Solidaritätsstreik, wie er an der Universität Potsdam stattfände, wie Wissenschaftsminister Reiche auf einer Podiumsdiskussion am 12. Dezember 1997 zu wissen glaubte, entbehrt demzufolge jeder Grundlage. Spätestens seit dem Treffen ostdeutscher Studierendenvertreter am Wochenende vom 12. bis 14. Dezember 1997 sind die Studierenden der Universität Potsdam zentraler Ansprechpartner für die ostdeutschen Hochschulen und für den freien ZusammenSchluß der StudentInnenschaften(fzs), dem Dachverband der StudentInnenschaften.
Zum anderen haben die studentischen Protestaktivitäten an der Universität Potsdam bewirkt, daß die Landesregierung sich gezwungen sieht, sich mit den Studierenden an einen Tisch setzen. Es wird Gespräche zum BbgHG, HRG und zum BAföG geben. Schwerpunkt für die Studierenden wird jedoch die ad hoc Arbeitsgruppe zur Novellierung des Brandenburgischeh Hochschulgesetzes(BbgHG) sein. Die Landesregierung dürfte in alt bekannter Manier versuchen, die Studierenden mit Sprechblasen einzulullen. Insbesondere wird sie sich auf die vorgegebenen Sachzwänge aus dem Bund-Länder-Kompromiß zum HRG berufen wollen, den die SPD selbst mit beschlossen hat.
Für die Potsdamer Studierenden scheint es insofern notwendig, diese Gespräche mit der Landesregierung weiterhin mit studentischen Protestaktionen zu begleiten.
Die Position des Studierendenrates der Uni Potsdam dazu ist eindeutig: Die Studierenden dürften sich jetzt nicht in die Stuben über ihren Büchern verkriechen und dem Glauben frönen, daß die SPD-Landesregierung bei den Gesprächen mit Zugeständnissen an die Studierenden nur so um sich schmeißen wird. Im Gegenteil. Deshalb müßten die Studentinnen und Studenten den Druck auf die Landesregierung mit phantasievollen Aktionen weiter aufrechterhalten. Nicht unterschätzt sollte die Tatsache werden, daß sich die Bundesrepublik im Wahlkampfjahr‘98 befindet. Am 27. September sind Bundestags- und Kommunalwahlen in Brandenburg. Und schließlich will die SPD auch ihre absolute Mehrheit im Landtag im nächsten Frühjahr retten. Die Landesregierung in Brandenburg gilt als schwer angeschlagen. Neben Filz und Millionen-Affärchen in Ministerien haben nicht zuletzt die studentischen Proteste dazu beigetragen, daß die Landesregierung in Potsdam schwer unter Druck steht. In diesem Sinne ein fröhliches und studentInnenbewegtes Weiter so!
Sandra Brunner
Seite 18
PUTZ 1-2/98