Dienstag, 2. Dezember 1997:
Am Vormittag mauern Aktivisten der studentischen Aktionsgruppe„Tu was“ unter dem Motto„Die Mauer bleibt da, wir bauen sie um’s ZK“ den Eingang des Ministerums für Wissenschaft, Forschung und Kultur(MWFX) zu. Am Nachmittag beschließt eine Vollversammlung mit rund 2.300 Studierenden an der Uni Potsdam, in den Streik zu treten. Angesichts neuester Horrormeldungen über Kürzungsvorhaben der SPD-Landesregierung an den Hochschulen wollen die Studierenden der Landesregierung auf den Pelz rücken. Ein Forderungskatalog wird von den Studierenden verabschiedet. Im Anschluß an die Vollversammlung besetzen rund 100 Studierende der FH und der Uni das MWFK, um den Politikern die Forderungen der Vollversammlung nahezubringen. Ministerpräsident Stolpe und Wissenschaftsminister Reiche lassen sich entschuldigen.
Mittwoch, 3. Dezember:
Der Lehrbetrieb ist lahmgelegt. Der Park Babelsberg wird von studentischen Aktionsgruppen mit Fahrradschlössern und Bauzäunen abgeriegelt. Unter dem Motto„Eine schöne Bescherung- SPD-Landesregierung kriegt die Rute“ demonstrieren am Nachmittag rund 4.000 Weihnachtsfrauen und-männer durch Potsdam und verteilen mit Sprüchen ihre Ruten an Wissenschaftsminister Reiche und Ministerpräsident Stolpe. Innenminister Ziel und Staatssekretär Butler(MWFK) werden im vollen Audimax nach einer dreiviertel Stunde von den Studierenden abrupt zurückgelassen wegen„leerer Worthülsen und heuchlerischen Sympathiebekundungen‘.
Donnerstag, 4. Dezember:
Das Rektoratsgebäude Am Neuen Palais wird besetzt, Der Kleine Senatssaal wird zum studentischen Streikbüro umfunktio‘niert. In den folgenden zwei Wochen fungiert das Rektoratsgebäude als Diskussions-, Organisations- und Kulturzentrum der Streikenden. Die Wilhelmgalerie wird als fünfter Uni-Komplex eröffnet; öffentliche Vorlesungen finden statt. Im Foyer des Rathauses Potsdam Stadt werden alternative Seminare durchgeführt. Unter dem Motto „Bildung geht baden“ stürmen am Nachmittag rund 100 Studierende die Schwimmhalle am Brauhausberg. Das Uni-Orchester spielt in der Wilhelmgalerie. Am Abend findet eine kostenlose Streikparty in der Obeten Mensa statt,
Freitag, 5. Dezember:
Wissenschaftsminister Reiche besucht die PH. Die Studierenden der FH und der Uni Potsdam stellen ihre Schuhe mit Wunsch
STREIKCHRONIK
zetteln und studentischen Forderungen vor dem Podium ab. Sie schließen sich damit einer bundesweiten Nikolausaktion an. Rund 70 Studierende sprengen die Konferenz der Bauminister im Potsdamer Hotel Voltaire. Die Minister müssen sich unverrichteter Dinge wieder in ihren Flieger setzen. Anschließend findet eine Spontandemonstration mit Studierenden der FH und der Uni Potsdam statt.
Samstag, 6. Dezember:
Ein studentisches Streikplenum beschließt, zum kommenden Wochenende studentische Vertreterinnen und Vertreter aller ostdeutschen Hochschulen zu einem Vernetzungstreffen nach Potsdam einzuladen.
Sonntag, 7. Dezember:
Die Studierenden organisieren ein Adventscafe für die Potsdamer Bevölkerung im Rektoratsgebäude.
Montag, 8. Dezember:
Am Vormittag werden öffentliche Vorlesungen in der Potsdamer Innenstadt und in Griebnitzsee abgehalten. So auch auf dem Platz der Einheit zu Themen wie:„Das Ministerproblem— Ist eine optimale Partnerwahl möglich?“ oder„Planeten, Asteroiden, Kometen: Das Aussterben der Dinosaurier—- Eine kosmische Katastrophe oder zuviel Hirn, zuwenig Panzer?“ Die Sportwissenschaftler veranstalten einen Staffellauf durch die Innenstadt unter dem Motto„Wir geben den schwarzen Peter weiter“. Am Nachmittag findet die zweite Vollversammlung der Studierenden der Uni Potsdam statt. Mit überwältigender Mehrheit beschließen die Studierenden, den Streik fortzuführen. Im Anschluß an die Vollversammlung versammeln sich rund 300 Studierende zu einer Lichterkette auf dem Platz der Einheit, um auf die Situation an den Hochschulen aufmerksam zu machen.
Dienstag, 9. Dezember:
Öffentliche Vorlesungen zum Thema
„Euro“ finden in der Innenstadt und in CGriebnitzsee statt, so am Bahnhof Potsdam Stadt und im Sterncenter. Am Abend zeigt der studentische Filmclub Filmriss in Golm„Themroc“,
Mittwoch, 10. Dezember:
Rund 7.000 Studierende, Mitarbeiter, Professorinnen und Professoren sowie Gewerkschafter der FH und der Uni demonstrieren im Rahmen eines bundesweiten Aktionstages durch die Potsdamer Innenstadt. Die Sportwissenschaftler betreiben „Selbstverteidigung gegen Kürzungen“ in der Brandenburger Straße.
Donnerstag, 11. Dezember:
Es werden Vorlesungen in der Innenstadt und in Griebnitzsee abgehalten, unter anderem zu„Art. 7 GG— Kürzungen im Hochschulwesen“.
Freitag, 12. Dezember:
Im Audimax findet eine Podiumsdiskussion mit Staatssekretär Mentrup aus dem Finanzministerium, Ministerpräsident Stolpe, Wissenschaftsminister Reiche und studentischen Vertretern statt. Es wird über die Neufassung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes(BbgHG) und den Hochschulentwicklungsplan diskutiert. Die Landesregierung verspricht an diesem Abend, eine Arbeitsgruppe mit Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern zum BbgHG einzurichten, macht jedoch keine konkreten Zugeständnisse. Am Abend findet ein Streik-Soli-Konzert mit Seven Days, The Ruffians und The Shanes im T1-Club statt.
Wochenende 12.- 14. Dezember: Treffen ostdeutscher Studierender(OST) an der Uni Potsdam: Studierende aus rund 30 Hochschulen aus Ostdeutschland diskutieren Forderungen zum Thema HRG, BAföG, Demokratisierung der Hochschulen, Studienorganisation, die Aufgabe von Hochschulen in der Gesellschaft und Perspektiven studentischer Proteste. Es wird ein Diskussionspapier erarbeitet, das in die Hochschulen gegeben wird.
Montag, 15. Dezember:
Neben weiteren öffentlichen Veranstaltungen und alternativen Seminaren wird die Demo am Dienstag vorbereitet.;
Dienstag, 16. Dezember:
Das neu gegründete Bündnis gegen Sozial- und Bildungsabbau, bestehend aus über 40 Organisationen und Vereinen, demonstriert durch die Potsdamer Innenstadt unter dem Motto„Den Haushalt kippen— Für eine Umverteilung von oben nach unten“.
Über 10.000 Gewerkschafter, Studierende,
Arbeitslose, Behinderte, Schüler, Lohnabhängig Beschäftigte und Migranten protestieren gegen den Haushalt der SPD-Landesregierung, die im Bildungs- und Sozialbereich Millionen kürzt. Die Vollversammlung mit 1.500 Studierenden beschließt, den Streik bis ins neue Jahr fortzusetzen. Ein weiterer Forderungskatalog der Studierenden wird verabschiedet. Am Abend findet ein Soli-Konzert mit mehreren Bands in der Oberen Mensa Am Neuen Palais statt,
Mittwoch, 17. Dezember:.
Am Brandenburger Tor findet eine Veran
staltung zum Thema„Motivationsanalysen Fortsetzung nächste Seite
PUTZ 1-2/98
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