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zum Streik“ statt. Radio eins veranstaltet eine Podiumsdiskussion mit Steffen Reiche, Stephan Krüger(Hochschulpolitischer SpreCher der SPD), Frank Spieske und Michael Kellner von der Uni Potsdam sowie Anke Pietsch von der FH. im Radio eins Cafe.
Donnerstag, 18. Dezember:
Mehrere hundert Studierende aus Potsdam nehmen an der bundesweiten Demonstration in Bonn teil. Anlaß ist die geplante Reform des BAföG. Ein Kompromiß zwischen Bund und Ländern scheitert aus parteipolitischen Gründen. Rund 40.000 Studierende sprechen sich für eine bedarfsdekkende, elternunabhängige Ausbildungsförderung aus und fordern darüber hinaus eine grundlegende Wende in der Sozialund Bildungspolitik.
Montag, 5. Januar 1998:
Die Vollversammlung beschließt, den Streik zu beenden. Die rund 1.500 Studierenden sprechen sich dafür aus, die Protestaktionen fortzusetzen, insbesondere vor dem Hintergrund der von der Landesregierung angebotenen Gespräche zu den Themen BAföG, BbgHG und HRG.
Mittwoch, 7. Januar:
Ministerpräsident Stolpe, Vertreter des Wissenschaftsministeriums, der Uni-Leitung, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin und ein studentischer Vertreter sprechen über die Situation an der Uni Potsdam, insbesondere über einen dringend erforderlichen zügigen Bibliotheksbau und Stellenstreichungen im akademischen Mittelbau.
Wochenende vom 8.— 11. Januar: Bundesweiter Studierendenkongreß in Berlin unter dem Motto„Bildung und Gesellschaft“, Rund 2.000 Studierende aus der gesamten Bundesrepublik debattieren über Aktionsformen, BAföG, Hochschulrahmengesetz, Wissenschaft und Ethik und die Funktion und Aufgaben von Hochschulen in der Gesellschaft. Am späten Sonntag wird ein Forderungskatalog verabschiedet.
Mittwoch, 14. Januar:
Rund 100 Studierende veranstalten in der Potsdamer Innenstadt eine Spaßparade unter dem Motto ‚Wir danken der Landesregierung für ihre prima Bildungspolitik“ und bejubelt das Regierungskabinett.
Freitag, 16. Januar: Gespräch mit der Landesregierung zur Novellierung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes zwischen Vertretern der Landesregierung sowie wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen und Studierenden der Brandenburger Hochschulen.
Der Studierendenrat/Foto: Tribukeit
WO EIN WILLE IST...
Manfred Stolpe stellte sich den streikenden Studenten
Eigentlich müßte sich eine Universität, an der solch sachkundige, disziplinierte und doch hartnäckig ihre Ziele verfolgende Studierende eingeschrieben sind, wie an der Universität Potsdam, ja gar keine Sorgen machen. Wären da nicht die Politiker mit ihren immer neuen Forderungen an die Hochschulen, sich in diesen Zeiten „reduzierter Sparhaushalte“ zu verschlanken, zu verschlanken und zu verschlanken. Jedoch, immerhin: In Brandenburg stellen sich die Politiker der Diskussion mit ihren Kritikern, und so folgten am 14. Dezember des vergangenen Jahres Ministerpräsident Dr. Manfred Stolpe, Wissenschaftsminister Steffen Reiche und der Staatssekretär im Finanzministerium, Horst Mentrup, der studentischen Einladung in den Audimax der Potsdamer Universität.
Professionell moderiert von Frank Spieske, entwickelte sich dort über vier Stunden lang eine sehr sachorientierte Diskussion über Soll und Haben im Bildungsbereich. Dabei zeigte es sich einmal mehr, daß die Studierenden der Universität Potsdam mittlerweie sehr genau Bescheid wissen über die Inhalte des brandenburgischen Hochschulentwicklungsplans, über die Vorgaben des Landes zum personellen Abbau an ihrer Alma mater und über die vergleichbaren Bedingungen in anderen Bundesländern. Leicht um den Finger wickeln lassen sie sich bei diesen Thematiken schon lange nicht mehr,
Was aber konnte in der Diskussion wirklich erreicht werden? Nun, zum einen brachten die Studierenden die Politiker dazu, sich mit den Hochschulen und deren Problemen zu befassen. Ministerpräsident Stolpe bedauerte auf der Veranstaltung zwar, daß er erst nach sieben Jahren Existenz der Uni Potsdam von deren Studenten eingeladen worden sei, aber nun war er eben eingeladen worden und mußte sich mit den Nöten vor Ort auseinandersetzen. Und er tat es: So sprachen sich sein Wissenschaftsminister und er deutlich gegen die Einführung von Studiengebühren per Gesetz- möglichst im neuen Hochschulrahmengesetz- aus. Um eine mit den betroffenen Studierenden abgestimmte brandenburgische Position zum BAföG zu finden, lud Stolpe 20 von ihnen zum Frühstück für den 18. Dezember 97 in die Landesvertretung nach Bonn ein, da dort an diesem Tag eine N euregelung des BAföG beschlossen werden sollte. Der Ministerpräsident sagte die Bildung von Arbeitsgruppen unter studentischer Beteiligung zur weiteren Diskussion und Veränderung des Brandenburgischen Hochschul
Letzte Lagebesprechung von Ministerpräsident
Manfred Stolpe(l.) und Moderator Frank
Spieske vor der großen Podiumsdiskussion. Foto: Tribukeit
gesetzes zu- eine Thematik, die die Studierenden vor allem unter dem Aspekt ihrer gruppenspezifischen Mitwirkung an inneruniversitären Entscheidungsprozessen berührt.
Was spezifische Probleme der Universität Potsdam angeht, so äußerte sich Manfred Stolpe folgendermaßen:„Die Grenze der Kürzungen ist für mich da erreicht, wo Qualitätsstandards in Lehre und Forschung gefährdet sind“(zu der Reduzierung der Professoren auf 209 bzw. 190). ‚Wir werden darauf achten, daß hier menschenfreundliChe Lösungen seitens der Landesregierung gefunden werden“(zum personellen Abbau bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern). Und zur ständigen Verzögerung einer konkreten Bauplanung für das zentrale Uni-Bibliotheksgebäude sagte er zu: ‚Wenn es für die Realisierung dieses Bauvorhabens nötig ist, daß dem Bauvorhaben vor dem vorliegenden Restitutionsanspruch auf einen Teil des Baugeländes Priorität eingeräumt werden muß, dann werden wir das tun.“ Wenngleich sich beide Seiten nach dem Ende der Diskussion nicht so recht zufrieden zeigten— die Studierenden vermißten klare Zusagen der Politiker, der Ministerpräsident studentisches Verständnis für die enormen Finanznöte des Landes-, so hatte man sich doch durch die Veranstaltung aufeinander zubewegt, sich kennengelernt, etwas abgetastet und schließlich vereinbart, im gemeinsamen Gespräch zu bleiben, Hg.
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PUTZ 1-2/98