Heft 
(1.1.2019) 1/2
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KEIN GANZ NORMALER ABEND IN POTSDAM

Mitten drin in der Großdemonstration des Bildungsbündnisses

Da sind wir also wieder. Nervlich ausge­wrungen nach den Lippenbekenntnissen der Politiker, dafür im Bündnis erstarkt und bereit, uns in der Bildungspolitik ein­zumischen. Studierende, Gewerkschaf­ten, Verbände, Schüler und Vereine ha­ben sich zu einemBündnis gegen Sozi­al- und Bildungsabbau zusammenge­schlossen. Am 16. Dezember 1997 veran­stalteten dessen Mitglieder und Anhän­ger eine zentrale Demonstration in Pots­dam. Lassen wir noch einmal jenen Pro­testmarsch am späten Dienstagnachmit­tag Revue passieren...

Zugegeben, von weitem betrachtet gibt so eine Demonstration wenig her: ein unüber­sehbarer Aktivismus, ein Meer aus Fahnen und Transparenten, ein(schrilles) Stim­menwirrwarr. Grauschwarze Straßen, bun­te Häuserfronten und weißgrau verhangen der Himmel. Geht man aber heran, entfal­tet sich das Leben. Ein jeder hat seine Rol­le, seinen Platz. Tauchen wir ein. Zeit: 16.10 Uhr, vor dem Nauener Tor herrscht rege Betriebsamkeit. Aus allen Him­melsrichtungen füllt sich die Kulisse mit Menschen. Hier und da werden Transparen­te ausgerollt, auf denen zu lesen steht:Die nächste bedrohte Art: Studenten! oderWis­sen ist Macht, Dumme machen keinen Är­ger!, Über einem Flickwerk aus Mützen wehen Che- und Gewerkschaftsfahnen im eisigen Wind. Emsig verteilen dieMacher ihre Handzettel. So erfährt man dieGe­schichte vom Bildungs- und Sozialdrachen, der sich nach etlichenPolitikerattacken als letzter seiner Art dem studentischen Pro­test anschließt. Auch die erste Ausgabe der UPS der studentischen Streikzeitung kur­siert. Von Zeit zu Zeit entzweit die Straßen­bahn die Menge. Schließlich formiert sich ein bunter Zug, bestehend aus Menschen und einigen Lautsprecherwagen, von denen

SEN HAUS!

Umverteilung von oben nach

zu hören ist, daß anläßlich der Haushalts­beratungen im Landtag das MottoDen Haushalt kippen! lautet.

Zeit: 16.45 Uhr, inzwischen tanzt derBil­dungsdrache durch die Menschenmenge und warnt:Der Drache ist erwacht und for­dert jetzt die Macht. Zu dumm, daß er nicht auch Feuer speien kann, weil frostiges Wet­ter Menschen bekanntlich bibbern läßt. Von Polizisten begleitet, wandelt der Protest­marsch die Straßen durchziehend sein Gesicht. Zu den anfangs überwiegenden Studierenden gesellen sich Passanten, Ge­werkschafter und Schüler. So wächst die Demonstration auf etwa 3.000 Menschen an. Auch kritische Stimmen sind zu verneh­men. Remo Nemitz, Student der Diplom­Geographie an der Uni Potsdam, über Weihnachten von seinem Auslandsaufent­halt an der Edinburgh University/Schottland nach Potsdam gekommen, äußert sich pes­simistisch:Da sich die Mehrheit der Stu­denten nicht engagiert, fehlt es der jungen Protestkultur an Kraft, alle zu mobilisieren. Am Rande der Demo spricht ein Student von der aufkommenden Protestmüdigkeit unter den Studierenden.

Zeit: 17.25 Uhr, auf der Höhe des Film­museums ist die Breite Straße von unzähli­gen Polizisten für den Verkehr gesperrt. Vor dem Karl-Liebknecht-Forum versammeln sich die zitternden Gewerkschaftler, Schüler, Erwerbslosen und Studierenden zur Schluß­kundgebung. Die zersetzende Kälte schmä­lert das Durchhaltevermögen kaum, zumal sich das Studentenwerk mit den Demon­stranten solidarisiert und mit herrlich wär­mendem Tee versorgt. Die Redner geben ihre Forderungen nach mehr Gleichberech­tigung und bezahlbarem Wohnraum für alle kund. Letzten Endes inszeniert die AG Thea­ter eine Hinrichtungsprozession. Es gilt u.a. das BAföG und die Sozialhilfe symbolisch hinzurichten. Voran schreitet ein Priester mit

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Die Spitze der Großdemo des von Potsdamer Studierenden geschmiedeten Bildungsbündnisses

seinen Weihrauch schwenkenden Ministran­ten, ihnen folgend der Henker samt Scher­gen und Opfer. Als provisorischer Hin­richtungstisch dient ein Treppenabsatz. Kohlköpfe fliegen in die applaudierende Menge. Das Bündnis hat seine Feuertaufe bestanden. Und dann löst sich alles ziemlich schnell auf, dafür bleiben mit von Kaltluft des Hochs Anselm durchgelüftete Lungen und erfrorene Nasen. Für die Studierenden ist der Abend noch nicht gelaufen. Zeit: 19 Uhr, der Studierendenrat lädt zur vierten Vollversammlung(VV) in die rasch überquellenden Hörsäle der ersten Etage des Hauses 9 Am Neuen Palais der Uni. Über Videoübertragung kann jeder in je­dem Hörsaal die VV verfolgen. Etwa 1.000 Studierende sollen über die Beendigung bzw. Fortsetzung des Streiks und über einen neuen Entwurf der Streikresolution abstim­men, natürlich nicht ohne zuvor jedem die Möglichkeit zu geben, seine Kritik kundzu­tun. Schließlich wurde die Resolution ange­nommen und der Streik bis einschließlich 5. Januar 1998 verlängert. Andre Lomsky

EIN TAG IM STREIK

Es war Donnerstag, der 11. Dezember 1997; bereits gegen 7.00 Uhr morgens hielt ich gemeinsam mit anderen eine Mahn­wache am Potsdamer Bahnhof, Wir drehten den Rekorder mit Vivaldi und den Vier Jah­reszeiten voll auf. Drei Leute von uns verteil­ten Handzettel und Norbert und ich übten uns im Jonglieren. Schließlich wollten wir Aufmerksamkeit erregen. Ein großes schwarzes Transparent mit roter Schrift Mahnwache sollte sich den Passanten ins Gehirn brennen. Es war beinahe unheim­lich mit den Kerzen überall und dann noch den stark vergrößerten Kopien der Studie­

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Foto: Fritze

PUTZ 1-2/98

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