KEIN GANZ NORMALER ABEND IN POTSDAM
Mitten drin in der Großdemonstration des Bildungsbündnisses
Da sind wir also wieder. Nervlich ausgewrungen nach den Lippenbekenntnissen der Politiker, dafür im Bündnis erstarkt und bereit, uns in der Bildungspolitik einzumischen. Studierende, Gewerkschaften, Verbände, Schüler und Vereine haben sich zu einem„Bündnis gegen Sozial- und Bildungsabbau“ zusammengeschlossen. Am 16. Dezember 1997 veranstalteten dessen Mitglieder und Anhänger eine zentrale Demonstration in Potsdam. Lassen wir noch einmal jenen Protestmarsch am späten Dienstagnachmittag Revue passieren...
Zugegeben, von weitem betrachtet gibt so eine Demonstration wenig her: ein unübersehbarer Aktivismus, ein Meer aus Fahnen und Transparenten, ein(schrilles) Stimmenwirrwarr. Grauschwarze Straßen, bunte Häuserfronten und weißgrau verhangen der Himmel. Geht man aber heran, entfaltet sich das Leben. Ein jeder hat seine Rolle, seinen Platz. Tauchen wir ein. Zeit: 16.10 Uhr, vor dem Nauener Tor herrscht rege Betriebsamkeit. Aus allen Himmelsrichtungen füllt sich die Kulisse mit Menschen. Hier und da werden Transparente ausgerollt, auf denen zu lesen steht:„Die nächste bedrohte Art: Studenten!“ oder„Wissen ist Macht, Dumme machen keinen Ärger!“, Über einem Flickwerk aus Mützen wehen Che- und Gewerkschaftsfahnen im eisigen Wind. Emsig verteilen die„Macher“ ihre Handzettel. So erfährt man die„Geschichte vom Bildungs- und Sozialdrachen“, der sich nach etlichen„Politikerattacken“ als „letzter seiner Art“ dem studentischen Protest anschließt. Auch die erste Ausgabe der UPS— der studentischen Streikzeitung— kursiert. Von Zeit zu Zeit entzweit die Straßenbahn die Menge. Schließlich formiert sich ein bunter Zug, bestehend aus Menschen und einigen Lautsprecherwagen, von denen
SEN HAUS!
Umverteilung von oben nach
zu hören ist, daß anläßlich der Haushaltsberatungen im Landtag das Motto„Den Haushalt kippen!“ lautet.
Zeit: 16.45 Uhr, inzwischen tanzt der„Bildungsdrache“ durch die Menschenmenge und warnt:„Der Drache ist erwacht und fordert jetzt die Macht.“ Zu dumm, daß er nicht auch Feuer speien kann, weil frostiges Wetter Menschen bekanntlich bibbern läßt. Von Polizisten begleitet, wandelt der Protestmarsch— die Straßen durchziehend— sein Gesicht. Zu den anfangs überwiegenden Studierenden gesellen sich Passanten, Gewerkschafter und Schüler. So wächst die Demonstration auf etwa 3.000 Menschen an. Auch kritische Stimmen sind zu vernehmen. Remo Nemitz, Student der DiplomGeographie an der Uni Potsdam, über Weihnachten von seinem Auslandsaufenthalt an der Edinburgh University/Schottland nach Potsdam gekommen, äußert sich pessimistisch:„Da sich die Mehrheit der Studenten nicht engagiert, fehlt es der jungen Protestkultur an Kraft, alle zu mobilisieren.“ Am Rande der Demo spricht ein Student von der aufkommenden Protestmüdigkeit unter den Studierenden.
Zeit: 17.25 Uhr, auf der Höhe des Filmmuseums ist die Breite Straße von unzähligen Polizisten für den Verkehr gesperrt. Vor dem Karl-Liebknecht-Forum versammeln sich die zitternden Gewerkschaftler, Schüler, Erwerbslosen und Studierenden zur Schlußkundgebung. Die zersetzende Kälte schmälert das Durchhaltevermögen kaum, zumal sich das Studentenwerk mit den Demonstranten solidarisiert und mit herrlich wärmendem Tee versorgt. Die Redner geben ihre Forderungen nach mehr Gleichberechtigung und bezahlbarem Wohnraum für alle kund. Letzten Endes inszeniert die AG Theater eine Hinrichtungsprozession. Es gilt u.a. das BAföG und die Sozialhilfe symbolisch hinzurichten. Voran schreitet ein Priester mit
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Die Spitze der Großdemo des von Potsdamer Studierenden geschmiedeten Bildungsbündnisses
seinen Weihrauch schwenkenden Ministranten, ihnen folgend der Henker samt Schergen und Opfer. Als provisorischer Hinrichtungstisch dient ein Treppenabsatz. Kohlköpfe fliegen in die applaudierende Menge. Das Bündnis hat seine Feuertaufe bestanden. Und dann löst sich alles ziemlich schnell auf, dafür bleiben mit von Kaltluft des Hochs Anselm durchgelüftete Lungen und erfrorene Nasen. Für die Studierenden ist der Abend noch nicht gelaufen. Zeit: 19 Uhr, der Studierendenrat lädt zur vierten Vollversammlung(VV) in die rasch überquellenden Hörsäle der ersten Etage des Hauses 9 Am Neuen Palais der Uni. Über Videoübertragung kann jeder in jedem Hörsaal die VV verfolgen. Etwa 1.000 Studierende sollen über die Beendigung bzw. Fortsetzung des Streiks und über einen neuen Entwurf der Streikresolution abstimmen, natürlich nicht ohne zuvor jedem die Möglichkeit zu geben, seine Kritik kundzutun. Schließlich wurde die Resolution angenommen und der Streik bis einschließlich 5. Januar 1998 verlängert. Andre Lomsky
EIN TAG IM STREIK
Es war Donnerstag, der 11. Dezember 1997; bereits gegen 7.00 Uhr morgens hielt ich gemeinsam mit anderen eine Mahnwache am Potsdamer Bahnhof, Wir drehten den Rekorder mit Vivaldi und den Vier Jahreszeiten voll auf. Drei Leute von uns verteilten Handzettel und Norbert und ich übten uns im Jonglieren. Schließlich wollten wir Aufmerksamkeit erregen. Ein großes schwarzes Transparent mit roter Schrift „Mahnwache“ sollte sich den Passanten ins Gehirn brennen. Es war beinahe unheimlich mit den Kerzen überall und dann noch den stark vergrößerten Kopien der Studie
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Foto: Fritze
PUTZ 1-2/98
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