Paßbilder. Eins neben dem anderen waren sie am Holz des Duchgangs befestigt worden und wirkten auf mich wie Phantombilder, Student gegen Bildungs- und Sozialabbau, Studentin gegen Bildungs- und Sozialabbau, Student gegen Bildungs- und Sozialabbau, Studentin gegen Bildungs- und Sozlalabbau, immer und immer wieder. Ich hatte zu tun mit kopieren. Es war inzwischen schon 10.30 Uhr und ich befand mich Am Neuen Palais in der Nähe des Streikbüros. Um 12.00 Uhr würde die Volksküche anlaufen und bis dahin wollten Holger und ich noch ein paar Flyer verteilen. Wir trafen uns um 11.30 Uhr an der FH. Ich lief 1os mit meinem Stapel von Zetteln.„Haben Sie nicht Appetit auf einen heißen Eintopf?“„FH und Uni laden zum Mittagstisch ein!“„Besuchen Sie unsere Volksküche!“, versuchte ich die vorbeigehende Menge auf mich aufmerksam zu machen und verteilte die Zettel. Zur Volksküche kamen an dem Tag vielleicht 15 oder 20 Interessierte. Ein Obdachloser spendete uns seine Uhr. Nachmittags saß ich dann auf meinem Fahrrad, schon nach kurzer Zeit triefend naß, und war bemüht meinem Begleiter zu folgen. Wir waren in höchster Eile, noch ein paar Minuten bis 17.00 Uhr. Dann sollte die Glienicker Brücke besetzt werden. Wir kamen rechtzeitig. Trotz des starken Regens hatten sich einige Studies aufgerafft. Wenige Minuten später standen wir nun da mit unseren Transparenten und blockierten die Straße nach Berlin. Es regnete fette Tropfen, vor und hinter uns wartende Autos, Polizisten mit ärgerlichen Gesichtern- und obwohl es nur zehn Minuten waren, kam es mir vor wie eine Ewigkeit. Ich war beeindruckt von diesem Gefühl des„zivilen Ungehorsams“. Es begleitete mich sogar noch bis in die Golmer Kirche, wo ich den Tag, mehr müde als wach, von Weihnachtsliedern berauscht ausklingen ließ. Simone Erdmann
45 PROZENT PERSÖNLICH BETROFFEN
Studierende untersuchten Streikverhalten
In der Zeit des Streiks fanden sich ca. zehn Studierende der unterschiedlichsten Fachrichtungen im Rahmen einer alternativen Lehrveranstaltung zusammen, um das Streikverhalten von Studenten der Uni Potsdam zu untersuchen. Unter Mitwirkung von Dr. Antje Zapf, Zentrale Einrichtung für Informationsverarbeitung und Kommunikation ZEIK), entwickelten sie eine theoretische Konzeption für ein„alternatives Forschungsprojekt“. Im Mittelpunkt standen dabei Kritenen wie Streikverhalten und Motivation von Studenten. Nach der„trockenen“ Vorarbeit folgte die Umsetzung: Nachdem 600 Fragebögen gedruckt waren, ging es an deren Verteilung. Es mußte entschieden werden, WO man die Studenten am besten erreichen könnte. Schließlich wurden die Fragebögen während der Vollversammlung und in den Wohnheimen ausgegeben. Die„Heimfahrer“ haben sich damit dem Projekt entzogen, insofern gelten die Aussagen überwiegend für die„Aktiven“.
Mit einem Rücklauf von rund 330 Stück wurden alle Hoffnungen übertroffen. Der sehr zeitaufwendige Prozeß des Auswertens der Bögen dauerte mehrere Tage. Nachdem die
Warum hast Du an Streikaktionen
teilgenommen? es 9 Sonstige.
Ich befürchte zunehmend schlechtere 7 Bildungsbedingungen.
Ich schließe mich der Mehrheit an.
Ich bin persönlich betroffen.
Graphik: S.H. 0%" 10% 20%
Daten vorlagen, erfolgte die Interpretation. An dieser Stelle soll die Streikmotivation der Studenten vorgestellt werden: 45 Prozent der Studenten fühlten sich von der momentanen Studiensituation persönlich betroffen. Immerhin nahmen 307 Potsdamer Studenten, das entspricht 92 Prozent der Befragten, an Streikaktivitäten teil, da sie zunehmend schlechtere Studienbedingungen befürchten. Diejenigen, die sich nur„der Mehrheit angeschlossen haben“, waren mit sieben Prozent eher unterrepräsentiert. Daraus läßt sich schließen, daß die Studienbedingungen in Potsdam heute zum großen Teil noch tragbar sind. Dennoch, die überragende Mehrheit der Studenten befürchtet für die Zukunft ungünstigere Studienbedingungen, was dem Streik eher prophylaktischen Charakter unterstellen läßt. Die Ergebnisse zeigen, daß die Zeit des StreikeS in Potsdam sinnvoll genutzt wurde. Den Teilnehmern des Projektes zur ErforSchung des Streikverhaltens schließlich bot sich durch die Aktionen die Möglichkeit, eine Untersuchung vom Anfang bis zum Ende durchzuführen. Tino Schuppan/ Peter Kolbe/Stefan Hohlfeld
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KEIN„NULL-EFFEKT” DURCH REGIERUNGSUMZUG
Studie von Betriebswirtschaftlern der Uni Potsdam zum Büromarkt Berlin
Die Auswirkungen des Regierungsumzuges auf den Berliner Büromarkt werden inzwischen von vielen Experten pessimistisch eingeschätzt. Das Stichwort„Null-Effekt“ macht in der Immobilienbranche der Hauptstadt die Runde. Die düsteren Einschätzungen sind jetzt in einer Studie von Betriebswirtschaftlern der Universität Potsdam zumindest teilweise widerlegt worden. Demnach wird der Umzug unabhängig von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung vorübergehend deutliche Impulse für den Berliner Büromarkt bringen.
Für den Zeitraum zwischen 1998 und 2000 sei mit einer zusätzlichen Nachfrage von mindestens 31.500 Quadratmetern pro Jahr zu rechnen. Das entspreche rund neun Prozent der 1996 durch Makler vermittelten Büroflächen. Für das„Zwischenhoch“ werden nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler vor allem der Zuzug von Verbänden und der zusätzliche Bedarf an Dienstleistungen sorgen. Langfristig werde sich der Regierungsumzug allerdings nicht auf die Vermietung von Büroflächen auswirken.
Für die von Roland Hübner, Doktorand an der Uni und Mitarbeiter der Berliner Firma
Liljeberg, in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Detlev Hummel erstellte Studie wurden 82 Verbände, 40 Banken sowie der größte Teil der Regierungsinstitutionen nach ihren UmZUgsS- und Investitionsabsichten in der Hauptstadt befragt. Zusätzlich wurden umfangreiche Literaturrecherchen vorgenommen sowie zahlreiche Expertengespräche geführt. Dabei stellte sich heraus, daß vor allem die Umzugsbereitschaft der Verbände bislang unterschätzt wurde. 46 Prozent haben sich laut Umfrage für einen Umzug nach Berlin entschieden. Davon wollen fast 90 Prozent noch bis zum Jahr 2000 mit>
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PUTZ 1-2/98