TRANSNATIONALE STAATSBÜRGERSCHAFT
Ein neues, zukunftsweisendes Thema politischer Theorie
Politische Theorie beschäftigt sich mit politischer Ideengeschichte von Aristoteles bis Max Weber. Sie beschäftigt sich aber darüber hinaus auch konstruktiv mit neuen Themen, bei denen weder Rousseau noch Hegel weiterhelfen können. Ein solches Thema ist die transnationale Staatsbürgerschaft. Heinz Kleger, Professor für Politische Theorie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni, forscht seit langem über neue Formen der Demokratie in Zusammenhang mit den neuen Herausforderungen auf lokaler und nationaler bzw. globaler Ebene.
Zu diesem Thema gibt Kleger unter dem Titel„Transnationale Staatsbürgerschaft“ in der Reihe„Theorie und Gesellschaft“ des Campus-Verlages einen Sammelband heraus, der sich zwei Schwerpunkten widmet: Europäische Staatsbürgerschaft und Transnationalismus in der Migrationsforschung. Der Titel„Transnationale Staatsbürgerschaft“ steht dabei für eine europäische Vision, die über das Bürgerschaftsrecht der Europäischen Union hinausgeht. Die Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Staatsbürgerschaft werden von Autoren verschiedener Nationen und unterschiedlicher Disziplinen erörtert.
Heinz Kleger versucht so, auf Raymond Arons Frage, ob„eine multinationale Bürgerschaft überhaupt möglich ist“, Antworten zu geben sowle erste Bausteine für eine transnationale Demokratie zu entwickeln. Die fortschreitende europäische Integration sowie die Zunahme von Langzeitarbeitsmigranten in den Ländern Westeuropas stellen die Ausschließlichkeit nationaler Loyalität, wie sie Aron noch 1974 postulierte, immer mehr in Frage. Aron verteidigte in diesem Zusammenhang noch nachdrücklich die Bedeutung nationaler Bindungen, indem er argumentierte:„Die Juden meiner Generation können nicht vergessen, wie zerbrechlich diese Menschenrechte wurden, als sie nicht mehr mit den Bürgerrechten einhergingen. Diese Staatsbürgerrechte beinhalten— zumindest in der kontinentalen Tradition— Pflichten, allen voran die Pflicht zum Wehrdienst. Nein, diese Rechte und Pflichten, die in Europa sowie anderswo wechselseitiger Natur sind, können kaum als multinational bezeichnet werden. Sie sind sogar in ihrer Quintessenz national.“ Heute stellt sich dagegen zunehmend die Frage, was die nationale Staatsbürgerschaft angesichts der neuen Entwicklungen ersetzen könnte, ohne durch Machttransfer und Bürgerferne an demokratischem Gehalt zu verlieren. Ein anderer Aspekt ist die Bildung von transnationalen Gemeinschaften durch Migra
tionsbewegungen, supranationale Behörden und eine globale Ökonomie nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch vor Jahren ging man davon aus, daß die Migranten ihre Verpflichtungen und ihr Interesse gegenüber ihrem Herkunftsland in dem Maße aufgeben, indem sie sich im Gastland anpassen und zu Hause fühlen. Heute ist es dagegen durch die Entwicklung des modernen Transportund Kommunikationswesens faktisch möglich, an mehr als nur einem Ort gleichzeitig zu leben und damit auch zu mehreren Orten Bindungen aufzubauen.
Transnationalismus wird somit zu einem wichtigen sozialen Feld, welches Heimat und Aufenthaltsort miteinander verbindet. Vor diesem Hintergrund sind die Fragen von Nationalismus und Ethnizität neu zu fassen. Nicht mehr Assimilation und Integration, sondern vielmehr die Verwirklichung des demokratischen Ideals im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft stehen nunmehr
zur Debatte: Welche Personen dürfen mit welchem politischen Status wo leben? Die neue Fragestellung untersucht damit, was den Sinn und den Rahmen einer europäischen Staatsbürgerschaft ausmachen könnte. Die zusammengestellten Beiträge antworten darauf mit einer eindeutigen Feststellung: Der„Sauberkeitswahn“ einer ethnisch bestimmten Nation ist mit einer liberaldemokratischen Bürgerschaft nicht vereinbar. Nation und Staat sind vielmehr zivile statt ethnische Projekte, die von der Solidarität ihrer Bürgerinnen und Bürger leben. Diese Solidarität ist erweiterungsfähig.
In diesem Rahmen arbeitet Heinz Kleger an einer„Theorie der BürgerInnengesellschaft“, die Nation und Transnation auf neue Weise zu verbinden sucht. Dabei geht es auch um die Erforschung einer Politik, die anstatt einer Politik der Assimilation oder der Differenz eine Integration der Differenz anstrebt. Gianni D’Amato
INFLATION ODER REVOLUTION?
Medienpädagoge befragte Lehrer über das Informationszeitalter
Zur verantwortbaren Unterrichtung an einer Hochschule gehört ganz sicher auch, nicht alle Zeittrends und Topthemen unbefragt weiterzugeben. So bezog der Mitarbeiter in der Arbeitsstelle Medienpädagogik der Uni Potsdam, Dr. Frank Schubert, in seine Seminare und Übungen den Begriff der„Informationsflut“ schon seit geraumer Zeit ein. Er wird dahingehend verstanden, daß immer mehr neue Informationen auf den Markt gelangen, die Menschen folglich förmlich in der Unmenge der Angebote ertrinken müßten. Das steht in einem Geist mit jenen Gedanken, die unser Zeitalter direkt und unverblümt das„Informationszeitalter“ nennen.
Medienpädagogen interessiert nun vordergründig, wie schul- bzw. lehrerrelevant solChe Erscheinungen sind, Daher legte Schubert 1996/1997 Lehrern der drei brandenburgischen Schultypen Cymnasium, Grund- und Gesamtschule sieben Fragen vor, die 5stufig skaliert von„ja“ bis„nein“ zu beantworten waren. Die kleine Population von inzwischen 196 Lehrern erlaubt eine Trendanalyse.
Demnach bejahen die befragten Lehrer zwar eine Zunahme erreichbarer Informationen, wollen sich auch mühen, viel davon zu erfassen und setzen besonders auf die Hilfe durch die„Neuen Medien“. Sie sind aber Schon zurückhaltender bei der Beurteilung, ob sie diese Informationsmenge bedrängt Oder verunsichert. Sie stimmen zu, daß es
IS
Ra wilot
Kommunikation im Informationszeitalter? Zeichnung: Oliver Weiss
sich oft nur um ein Vielerlei überaus spezlieller Detailinformationen handelt und sie sich eher herausgefordert fühlen, die in ihren Rahmenplänen fixierten, fundamentalen und stabilen Erkenntnisse immer wieder besser didaktisch umzusetzen. Frank Schubert sieht dies als einen Verweis darauf, daß jene Universitäten, die die Didaktiken abbauen wollen, einen Verlust dulden würden. Insgesamt waren die Lehrer der Ansicht, daß es gar nicht um immer mehr und immer illustere Informationen geht, sondern um neue Antworten auf herangereifte, zentrale und existentielle Fragen, wie Arbeit für alle Oder ökologische Ökonomie.
Die kleine explorative Studie zeigt also, daß die Lehrer des Landes Brandenburg keine wilde, schäumende Sturzflut von Informationen erleiden, sondern— von ihrer Profession aus geurteilt und etwas zugespitzt formuliert- eher gelassen einem harmlosen Rinnsal zuschauen. FS.
Seite 24
PUTZ 1-2/98