Heft 
(1.1.2019) 1/2
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TRANSNATIONALE STAATSBÜRGERSCHAFT

Ein neues, zukunftsweisendes Thema politischer Theorie

Politische Theorie beschäftigt sich mit po­litischer Ideengeschichte von Aristoteles bis Max Weber. Sie beschäftigt sich aber darüber hinaus auch konstruktiv mit neu­en Themen, bei denen weder Rousseau noch Hegel weiterhelfen können. Ein sol­ches Thema ist die transnationale Staats­bürgerschaft. Heinz Kleger, Professor für Politische Theorie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni, forscht seit langem über neue Formen der Demokratie in Zusammenhang mit den neuen Herausforderungen auf lokaler und nationaler bzw. globaler Ebene.

Zu diesem Thema gibt Kleger unter dem TitelTransnationale Staatsbürgerschaft in der ReiheTheorie und Gesellschaft des Campus-Verlages einen Sammelband her­aus, der sich zwei Schwerpunkten widmet: Europäische Staatsbürgerschaft und Trans­nationalismus in der Migrationsforschung. Der TitelTransnationale Staatsbürger­schaft steht dabei für eine europäische Vi­sion, die über das Bürgerschaftsrecht der Europäischen Union hinausgeht. Die Mög­lichkeiten und Grenzen einer solchen Staatsbürgerschaft werden von Autoren verschiedener Nationen und unterschiedli­cher Disziplinen erörtert.

Heinz Kleger versucht so, auf Raymond Arons Frage, obeine multinationale Bürger­schaft überhaupt möglich ist, Antworten zu geben sowle erste Bausteine für eine trans­nationale Demokratie zu entwickeln. Die fort­schreitende europäische Integration sowie die Zunahme von Langzeitarbeitsmigranten in den Ländern Westeuropas stellen die Aus­schließlichkeit nationaler Loyalität, wie sie Aron noch 1974 postulierte, immer mehr in Frage. Aron verteidigte in diesem Zusam­menhang noch nachdrücklich die Bedeu­tung nationaler Bindungen, indem er argu­mentierte:Die Juden meiner Generation können nicht vergessen, wie zerbrechlich diese Menschenrechte wurden, als sie nicht mehr mit den Bürgerrechten einhergingen. Diese Staatsbürgerrechte beinhalten zu­mindest in der kontinentalen Tradition Pflichten, allen voran die Pflicht zum Wehr­dienst. Nein, diese Rechte und Pflichten, die in Europa sowie anderswo wechselseitiger Natur sind, können kaum als multinational bezeichnet werden. Sie sind sogar in ihrer Quintessenz national. Heute stellt sich da­gegen zunehmend die Frage, was die natio­nale Staatsbürgerschaft angesichts der neuen Entwicklungen ersetzen könnte, ohne durch Machttransfer und Bürgerferne an demokratischem Gehalt zu verlieren. Ein anderer Aspekt ist die Bildung von trans­nationalen Gemeinschaften durch Migra­

tionsbewegungen, supranationale Behörden und eine globale Ökonomie nach dem Zwei­ten Weltkrieg. Noch vor Jahren ging man davon aus, daß die Migranten ihre Verpflich­tungen und ihr Interesse gegenüber ihrem Herkunftsland in dem Maße aufgeben, in­dem sie sich im Gastland anpassen und zu Hause fühlen. Heute ist es dagegen durch die Entwicklung des modernen Transport­und Kommunikationswesens faktisch mög­lich, an mehr als nur einem Ort gleichzeitig zu leben und damit auch zu mehreren Orten Bindungen aufzubauen.

Transnationalismus wird somit zu einem wichtigen sozialen Feld, welches Heimat und Aufenthaltsort miteinander verbindet. Vor diesem Hintergrund sind die Fragen von Nationalismus und Ethnizität neu zu fassen. Nicht mehr Assimilation und Integration, sondern vielmehr die Verwirklichung des demokratischen Ideals im Rahmen der Eu­ropäischen Gemeinschaft stehen nunmehr

zur Debatte: Welche Personen dürfen mit welchem politischen Status wo leben? Die neue Fragestellung untersucht damit, was den Sinn und den Rahmen einer europäi­schen Staatsbürgerschaft ausmachen könn­te. Die zusammengestellten Beiträge antwor­ten darauf mit einer eindeutigen Feststellung: DerSauberkeitswahn einer ethnisch be­stimmten Nation ist mit einer liberaldemo­kratischen Bürgerschaft nicht vereinbar. Nation und Staat sind vielmehr zivile statt ethnische Projekte, die von der Solidarität ihrer Bürgerinnen und Bürger leben. Diese Solidarität ist erweiterungsfähig.

In diesem Rahmen arbeitet Heinz Kleger an einerTheorie der BürgerInnengesell­schaft, die Nation und Transnation auf neue Weise zu verbinden sucht. Dabei geht es auch um die Erforschung einer Politik, die anstatt einer Politik der Assimilation oder der Differenz eine Integration der Dif­ferenz anstrebt. Gianni DAmato

INFLATION ODER REVOLUTION?

Medienpädagoge befragte Lehrer über das Informationszeitalter

Zur verantwortbaren Unterrichtung an ei­ner Hochschule gehört ganz sicher auch, nicht alle Zeittrends und Topthemen unbefragt weiterzugeben. So bezog der Mitarbeiter in der Arbeitsstelle Medien­pädagogik der Uni Potsdam, Dr. Frank Schubert, in seine Seminare und Übungen den Begriff derInformationsflut schon seit geraumer Zeit ein. Er wird dahinge­hend verstanden, daß immer mehr neue Informationen auf den Markt gelangen, die Menschen folglich förmlich in der Unmen­ge der Angebote ertrinken müßten. Das steht in einem Geist mit jenen Gedanken, die unser Zeitalter direkt und unverblümt dasInformationszeitalter nennen.

Medienpädagogen interessiert nun vorder­gründig, wie schul- bzw. lehrerrelevant sol­Che Erscheinungen sind, Daher legte Schu­bert 1996/1997 Lehrern der drei branden­burgischen Schultypen Cymnasium, Grund- und Gesamtschule sieben Fragen vor, die 5stufig skaliert vonja bisnein zu beantworten waren. Die kleine Population von inzwischen 196 Lehrern erlaubt eine Trendanalyse.

Demnach bejahen die befragten Lehrer zwar eine Zunahme erreichbarer Informationen, wollen sich auch mühen, viel davon zu erfas­sen und setzen besonders auf die Hilfe durch dieNeuen Medien. Sie sind aber Schon zurückhaltender bei der Beurteilung, ob sie diese Informationsmenge bedrängt Oder verunsichert. Sie stimmen zu, daß es

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Kommunikation im Informationszeitalter? Zeichnung: Oliver Weiss

sich oft nur um ein Vielerlei überaus spezli­eller Detailinformationen handelt und sie sich eher herausgefordert fühlen, die in ih­ren Rahmenplänen fixierten, fundamentalen und stabilen Erkenntnisse immer wieder besser didaktisch umzusetzen. Frank Schu­bert sieht dies als einen Verweis darauf, daß jene Universitäten, die die Didaktiken abbau­en wollen, einen Verlust dulden würden. Ins­gesamt waren die Lehrer der Ansicht, daß es gar nicht um immer mehr und immer illustere Informationen geht, sondern um neue Antworten auf herangereifte, zentrale und existentielle Fragen, wie Arbeit für alle Oder ökologische Ökonomie.

Die kleine explorative Studie zeigt also, daß die Lehrer des Landes Brandenburg keine wilde, schäumende Sturzflut von Informa­tionen erleiden, sondern von ihrer Profes­sion aus geurteilt und etwas zugespitzt for­muliert- eher gelassen einem harmlosen Rinnsal zuschauen. FS.

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