Heft 
(1.1.2019) 1/2
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POLITISCHE SOZIALISATION IN BRANDENBURG, ISRAEL UND AUF DER WESTBANK

Uni Potsdam an trilateralem Forschungsprojekt beteiligt

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) versucht, den Friedensprozeß im Nahen Osten dadurch zu unterstützen, daß sie die Kooperation von israelischen und palästinensischen Forschungsteams unter Federführung und Moderation deut­scher Wissenschaftlerinnen und Wissen­schaftler als trilaterale Projekte fördert. Erstmals ist es nunmehr gelungen, eine derartige Kooperation mit einem sozial­wissenschaftlichen Thema zustandezu­bringen, wobei der Forschungsgegen­standPolitische Sozialisation(Sozialisa­tion für die Demokratie) für den Friedens­prozeß von besonderer Bedeutung ist. Kooperationspartner auf israelischer und palästinensischer Seite sind die Universi­täten von Haifa und Bethlehem(West­bank); von deutscher Seite sind die Uni­versität Potsdam und die Fachhochschu­le Potsdam beteiligt. Der Projektverbund wird von 1997 bis 1999 mit rund 1.100.000 DM gefördert, eine anschließende Ver­längerung ist vorgesehen.

Die Projektidee wurde in einem von der DFG seit 1995 geförderten Forschungsvorhaben zur politischen Sozialisation Brandenburger Jugendlicher entwickelt, das am Institut für Pädagogik der Universität Potsdam für Gym­nasiasten(Arbeitsgruppe Hans Oswald) und an der Fachhochschule Potsdam für Ju­gendliche in der Berufsausbildung bzw. im Arbeitsleben(Arbeitsgruppe Karin Weiss) durchgeführt wird. Durch eine viermalige Befragung im Jahresabstand soll erforscht werden, wie die zunächst die zehnte Klasse besuchenden Jugendlichen im Laufe von vier Jahren eine politische Identität unter dem Einfluß von Eltern, Gleichaltrigen, Schule und Arbeitswelt herausbilden. Die hierfür konstruierten Befragungsinstrumente Schienen geeignet zu sein, in dem trilateralen Projekt eingesetzt zu werden. An der Übersetzung ins Hebräische und Arabi­Sche wird derzeit gearbeitet. Worin liegt nun das Verbindende dieser drei Regionen, das ein komparatives Projekt in­teressant und wissenschaftlich fruchtbar Macht? Es liegt in dem Problem der Erzie­hung zur Demokratie, in der Erziehung Ju­gendlicher zu tragenden Mitgliedern einer demokratischen Zivilgesellschaft. Die Aus­gangslage hierfür ist in allen drei Gesell­Schaften prekär, aufgrund historisch und kulturell bedingter autoritärer Werte und Glaubenssysteme. Im üblichen Sozialisationsprozeß, für den die Anpas­SUng an die dominanten Normen zentral ist, würden diese von Generation zu Cenerati­ON ununterbrochen fortgesetzt. Diesem Pro­

zeß sollte die politische Sozialisation entge­genwirken. Politische Sozialisation im Sin­ne der Erziehung zur Wahrnehmung einer Staatsbürgerrolle in einer demokratischen Gesellschaft muß versuchen, Loyalität als auch Knitikfähigkeit gegenüber dem System herzustellen.

Brandenburg war Teil der DDR, einer auto­nitären Gesellschaft. Hier bedeutet somit politische Sozialisation die Auseinanderset­zung mit der liberalen Demokratie sowie die Ausbildung von demokratischen Werten und Verhaltensweisen. Israel ist im Kern demokratisch, mit allen zugehörigen Insti­tutionen und Verfahrensregeln. Es existiert jedoch ein großes Segment, das zur Zeit maßgeblich zur Polarisierung und Entdemokratisierung der Gesellschaft bei­trägt. Politische Sozialisation bedeutet ent­sprechend, die Jugendlichen in das demo­kratische System zu integrieren und eine Auseinandersetzung mit den antidemokra­tischen Elementen zu betreiben. Hierzu gehört auch, ein neues Verhältnis zu den Palästinensern aufzubauen. In der überwie­gend patriarchal organisierten palästinen­sischen Gesellschaft hat demokratische Teilnahme traditionell wenig Raum. Diese Gesellschaft befindet sich jedoch in einer Umbruchphase. Intifada, Oslo Abkommen und die Wahlen zum palästinensischen Par­lament haben die Grundsteine für eine

neue Gesellschaft gelegt. Politische Sozia­lisation bedeutet somit Auseinandersetzung mit dieser neuen Gesellschaft, Entwicklung neuer Formen des politischen Miteinanders und Abkehr vom Feindbild Israel. Wie in Brandenburg Jugendliche in Gymna­sien und in Berufsausbildung befragt wer­den, sollen auch in Israel und auf der West­bank Jugendliche in weiterführenden Schu­len, in Berufsschulen und teilweise in der Arbeitswelt gemeinsam mit ihren Eltern in die Untersuchung einbezogen werden. Wegen der starken Segmentierungen in der israelischen Gesellschaft wird bei der Aus­wahl der Zielpersonen auf Ausgewogenheit geachtet. In Israel bedeutet dies, daß Ju­gendliche von nicht-religiösen wie auch von religiösen Schulen sowie Juden und israe­lische Araber einbezogen werden; in Palä­stina muß nach Moslems und Christen, Flüchtlingen und Nicht-Flüchtlingen diffe­renziert werden können. Die zentrale Frage der politischen Sozialisationsforschung nach dem Prozeß, der Jugendliche zur Identifikation mit den demokratischen Institutionen führt und die Bereitschaft zur demokratischen Teilhabe hervorbringt mit dem Ergebnis einer demo­kratischen Zivilgesellschaft soll hier grund­legend mit dem Vergleich dreier verschie­dener Kontexte bearbeitet werden.

Hilke Rebenstorf

INFORMATIONEN ZUR FORSCHUNGSFÖRDERUNG

DFG: Ehrenkodex für gutes Verhalten Vor dem Hintergrund eines in seinen Aus­maßen bislang unvorstellbaren Falles wis­senschaftlicher Unredlichkeit hat das Prä­sidium der Deutschen Forschungsgemein­schaft(DFG) im Juni 1997 eine international besetzte Kommission zur Überprüfung des Standards in der Wissenschaft eingesetzt. Diese unabhängige Kommission hat jetzt ihre Empfehlungen in Form einesEhren­kodex verabschiedet. Die insgesamt 16 Empfehlungen schreiben Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis fest. Dazu gehö­ren im Kern: die Sicherung der Zusammen­arbeit und Wahrnehmung der Leitungs­verantwortung in Arbeitsgruppen,

die Betreuung des wissenschaftlichen Nach­wuchses, die Sicherung und Aufbewahrung von Primärdaten, die Verantwortung für wis­senschaftliche Veröffentlichungen(Aus­schluß von Ehrenautorenschaften) und Re­geln für den Umgang mit Vorwürfen wissen­schaftlichen Fehlverhältens. Der Wortlaut der Empfehlungen kann im Dezernat 1 der Uni­versität Potsdam angefordert werden. ri.

DFG und BMBF: Gemeinsame Förderinitiative Diskussionen im Bereich derBioethik, der ethischen Implikation der Anwendung na­turwissenschaftlichen und medizinischen Wissens auf Pflanze, Tier und Mensch, sind in Deutschland noch häufig von Angst und Irrationalität geprägt. Um den Dialog zwi­schen Wissenschaft, Politik und Öffentlich­keit in diesen Fragen zu versachlichen, ha­ben das Präsidium der DFG und das Bun­desministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie(BMBF) eine Initiative für die nächsten fünf Jahre be­schlossen. Zur Verbesserung der Infra­struktur soll ein Referenzzentrum zu Infor­mations- und Dokumentationszwecken auf diesem Feld eingerichtet werden. Die DFG stellt für einzelne miteinander vernetzte Forschungsprojekte im Bereich Bioethik über einen Zeitraum von fünf Jahren Mittel in einer Größenordnung von 1,5 Millionen DM pro Jahr zur Verfügung. Bevorzugt wer­den Projekte berücksichtigt, die auf einer Fortsetzung nächste Seite

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