POLITISCHE SOZIALISATION IN BRANDENBURG, ISRAEL UND AUF DER WESTBANK
Uni Potsdam an trilateralem Forschungsprojekt beteiligt
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) versucht, den Friedensprozeß im Nahen Osten dadurch zu unterstützen, daß sie die Kooperation von israelischen und palästinensischen Forschungsteams unter Federführung und Moderation deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als trilaterale Projekte fördert. Erstmals ist es nunmehr gelungen, eine derartige Kooperation mit einem sozialwissenschaftlichen Thema zustandezubringen, wobei der Forschungsgegenstand„Politische Sozialisation“(Sozialisation für die Demokratie) für den Friedensprozeß von besonderer Bedeutung ist. Kooperationspartner auf israelischer und palästinensischer Seite sind die Universitäten von Haifa und Bethlehem(Westbank); von deutscher Seite sind die Universität Potsdam und die Fachhochschule Potsdam beteiligt. Der Projektverbund wird von 1997 bis 1999 mit rund 1.100.000 DM gefördert, eine anschließende Verlängerung ist vorgesehen.
Die Projektidee wurde in einem von der DFG seit 1995 geförderten Forschungsvorhaben zur politischen Sozialisation Brandenburger Jugendlicher entwickelt, das am Institut für Pädagogik der Universität Potsdam für Gymnasiasten(Arbeitsgruppe Hans Oswald) und an der Fachhochschule Potsdam für Jugendliche in der Berufsausbildung bzw. im Arbeitsleben(Arbeitsgruppe Karin Weiss) durchgeführt wird. Durch eine viermalige Befragung im Jahresabstand soll erforscht werden, wie die zunächst die zehnte Klasse besuchenden Jugendlichen im Laufe von vier Jahren eine politische Identität unter dem Einfluß von Eltern, Gleichaltrigen, Schule und Arbeitswelt herausbilden. Die hierfür konstruierten Befragungsinstrumente Schienen geeignet zu sein, in dem trilateralen Projekt eingesetzt zu werden. An der Übersetzung ins Hebräische und ArabiSche wird derzeit gearbeitet. Worin liegt nun das Verbindende dieser drei Regionen, das ein komparatives Projekt interessant und wissenschaftlich fruchtbar Macht? Es liegt in dem Problem der Erziehung zur Demokratie, in der Erziehung Jugendlicher zu tragenden Mitgliedern einer demokratischen Zivilgesellschaft. Die Ausgangslage hierfür ist in allen drei GesellSchaften prekär, aufgrund historisch und kulturell bedingter autoritärer Werte und Glaubenssysteme. Im üblichen Sozialisationsprozeß, für den die AnpasSUng an die dominanten Normen zentral ist, würden diese von Generation zu CeneratiON ununterbrochen fortgesetzt. Diesem Pro
zeß sollte die politische Sozialisation entgegenwirken. Politische Sozialisation im Sinne der Erziehung zur Wahrnehmung einer Staatsbürgerrolle in einer demokratischen Gesellschaft muß versuchen, Loyalität als auch Knitikfähigkeit gegenüber dem System herzustellen.
Brandenburg war Teil der DDR, einer autonitären Gesellschaft. Hier bedeutet somit politische Sozialisation die Auseinandersetzung mit der liberalen Demokratie sowie die Ausbildung von demokratischen Werten und Verhaltensweisen. Israel ist im Kern demokratisch, mit allen zugehörigen Institutionen und Verfahrensregeln. Es existiert jedoch ein großes Segment, das zur Zeit maßgeblich zur Polarisierung und Entdemokratisierung der Gesellschaft beiträgt. Politische Sozialisation bedeutet entsprechend, die Jugendlichen in das demokratische System zu integrieren und eine Auseinandersetzung mit den antidemokratischen Elementen zu betreiben. Hierzu gehört auch, ein neues Verhältnis zu den Palästinensern aufzubauen. In der überwiegend patriarchal organisierten palästinensischen Gesellschaft hat demokratische Teilnahme traditionell wenig Raum. Diese Gesellschaft befindet sich jedoch in einer Umbruchphase. Intifada, Oslo Abkommen und die Wahlen zum palästinensischen Parlament haben die Grundsteine für eine
neue Gesellschaft gelegt. Politische Sozialisation bedeutet somit Auseinandersetzung mit dieser neuen Gesellschaft, Entwicklung neuer Formen des politischen Miteinanders und Abkehr vom Feindbild Israel. Wie in Brandenburg Jugendliche in Gymnasien und in Berufsausbildung befragt werden, sollen auch in Israel und auf der Westbank Jugendliche in weiterführenden Schulen, in Berufsschulen und teilweise in der Arbeitswelt gemeinsam mit ihren Eltern in die Untersuchung einbezogen werden. Wegen der starken Segmentierungen in der israelischen Gesellschaft wird bei der Auswahl der Zielpersonen auf Ausgewogenheit geachtet. In Israel bedeutet dies, daß Jugendliche von nicht-religiösen wie auch von religiösen Schulen sowie Juden und israelische Araber einbezogen werden; in Palästina muß nach Moslems und Christen, Flüchtlingen und Nicht-Flüchtlingen differenziert werden können. Die zentrale Frage der politischen Sozialisationsforschung nach dem Prozeß, der Jugendliche zur Identifikation mit den demokratischen Institutionen führt und die Bereitschaft zur demokratischen Teilhabe hervorbringt mit dem Ergebnis einer demokratischen Zivilgesellschaft soll hier grundlegend mit dem Vergleich dreier verschiedener Kontexte bearbeitet werden.
Hilke Rebenstorf
INFORMATIONEN ZUR FORSCHUNGSFÖRDERUNG
DFG: Ehrenkodex für gutes Verhalten Vor dem Hintergrund eines in seinen Ausmaßen bislang unvorstellbaren Falles wissenschaftlicher Unredlichkeit hat das Präsidium der Deutschen Forschungsgemeinschaft(DFG) im Juni 1997 eine international besetzte Kommission zur Überprüfung des Standards in der Wissenschaft eingesetzt. Diese unabhängige Kommission hat jetzt ihre Empfehlungen in Form eines”Ehrenkodex” verabschiedet. Die insgesamt 16 Empfehlungen schreiben Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis fest. Dazu gehören im Kern: die Sicherung der Zusammenarbeit und Wahrnehmung der Leitungsverantwortung in Arbeitsgruppen,
die Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses, die Sicherung und Aufbewahrung von Primärdaten, die Verantwortung für wissenschaftliche Veröffentlichungen(Ausschluß von Ehrenautorenschaften) und Regeln für den Umgang mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhältens. Der Wortlaut der Empfehlungen kann im Dezernat 1 der Universität Potsdam angefordert werden. ri.
DFG und BMBF: Gemeinsame Förderinitiative Diskussionen im Bereich der„Bioethik“, der ethischen Implikation der Anwendung naturwissenschaftlichen und medizinischen Wissens auf Pflanze, Tier und Mensch, sind in Deutschland noch häufig von Angst und Irrationalität geprägt. Um den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit in diesen Fragen zu versachlichen, haben das Präsidium der DFG und das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie(BMBF) eine Initiative für die nächsten fünf Jahre beschlossen. Zur Verbesserung der Infrastruktur soll ein Referenzzentrum zu Informations- und Dokumentationszwecken auf diesem Feld eingerichtet werden. Die DFG stellt für einzelne miteinander vernetzte Forschungsprojekte im Bereich Bioethik über einen Zeitraum von fünf Jahren Mittel in einer Größenordnung von 1,5 Millionen DM pro Jahr zur Verfügung. Bevorzugt werden Projekte berücksichtigt, die auf einer Fortsetzung nächste Seite
PUTZ 1-2/98
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