Fortsetzung von Seite 9
wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer praktischen Anwendung gewährleistet.“ So begleiten die Professoren für Patho- und Psycholinguistik die Arbeit des ZaPP Damit ist nicht zuletzt die Qualität im Bereich sprachtherapeutischer Intervention gesichert. Die im ZaPP als fachliche Leiterin agierende Logopädin Astrid Fröhling nimmt beispielsweise an den Teamberatungen des Institutes für Linguistik/Allgemeine Sprachwissenschaft teil. Sie ist zudem vom Engagement der Studierenden begeistert. Bevor die jungen Leute im siebenten Semester ein
externes Praktikum absolvieren, sammeln sie im ZaPP erste Praxiserfahrungen. Sie hospitieren zunächst, therapieren dann aber später mit dem Einverständnis der Patienten unter Anleitung selbst.„Es kommt sehr selen vor, daß Kranke die Studierenden ablehnen“, sagt die Logopädin. Sie erreicht fast immer das Verständnis dafür, daß das Erlernen der Diagnostik, der differenzierten Therapierung und Therapieentwicklung nicht früh genug beginnen kann. Schließlich sind Haupteinsatzfelder der späteren Patholinguisten die Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen.
Weitere Schwerpunkte der Kooperation von Wissenschaftlern und Praktikern sind die Entwicklung computergestützter Expertensysteme zur Anwendung in Diagnose un: Therapie, die Theoriebegleitung der praktischen Ausbildung von Studierenden des D:plom-Studienganges Patholinguistik sowie die nationale und internationale Zusammer:arbeit mit anderen Forschungseinrichtunger Neben der qualifizierten Sprachtherapie der unterversorgten Region Potsdam kümmert sich der Verein um die Weiterbildung medizinischer, klinisch-psychologischer un: sprachtherapeutischer Berufsgruppen. B.E.
€*
URSACHEN FÜR RETT-SYNDROM NOCH UNKLAR Il. Wissenschaftliche Arbeitstagung der Sprachbehindertenpädagogik
„Sonderpädagogische Interventionen bei Schüler mit Rett-Syndrom“ hieß das Thema der im Mai durchgeführten II. Wissenschaftlichen Arbeitstagung der Sprachbehindertenpädagogik des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Potsdam. Es war die erste sonderpädagogische Veranstaltung zu diesem Problem in Deutschland. Mehr als 150 Teilnehmer kamen, unter ihnen Fachwissenschaftler der Sonderpädagogik, Pädagogen für Sprachbehinderte und für Geistigbehinderte, betroffene Eltern und Studenten.
Harald Obenaus, Vertreter des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport(MfBJS), übernahm die Tagungseröffnung. Das RettSyndrom selbst und dessen charakteristischen Merkmale erläuterte Prof. Dr. Otto Dobslaff von der Uni Potsdam. Aus dem aktuellen Zustandsbild leitete er auch die Grundstrategie der sonderpädagogischen Intervention ab. In den eigens gebildeten Arbeitsgruppen ging es insbesondere um die Vorstellung erster Ergebnisse zur differenzierten sonderpädagogischen Kennzeichnung und zur Relevanz der speziellen Fördermethodik. Als Schwerpunkte der Praxisbeispiele dienten der Kommunikationsaufbau und die motorische und sensonische Entwicklung. Die im pädagogischen Experiment bisher erreichten Resultate, die auf Video demonstriert wurden, waren nach Ansicht der Teilnehmer überzeugend.
Das Rett-Syndrom ist vielen Sonderpädagogen noch unbekannt. Es handelt sich hierbei um ein Syndrombild unklarer Genese, das erst 1966 von dem Wiener Kinderund Jugendpsychiater Andreas Rett beschrieben wurde. Betroffen sind fast ausschließlich Mädchen. Auf 10. 000 bis 15.000 geborene Kinder kommt ein Fall. Experten gehen von einer Teilpopulation der Geistigbehinderten aus. Nach der RSDCWG(Rett Syndrome Diagnostic Criteria Work Group) unterscheidet man zur Charakterisierung des Syndroms gleich drei Kategorien von
Kriterien: Die notwendigen darunter müssen nach den Aussagen der RSDCWG bei der Rett-Syndrom-Diagnose vollständig erfüllt sein. Sie sind bewußt eng gewählt, um damit das typische Bild zu fassen. Treffen nicht alle dieser notwendigen Kriterien für die„saubere“ Diagnose zu, dann spricht man in der Beurteilung eher von einem atypischen Rett-Syndrom. Zu den notwendigen Aspekten zählen: eine scheinbar normale vor- und nachgeburtliche frühkindliche Entwicklung, eine scheinbar normale psychomotorische Entwicklung während der ersten sechs Monate(bis zu 18 Monaten), ein durchschnittlicher Kopfumfang bei der Geburt, eine Verlangsamung des Kopfwachstums im Alter zwischen fünf Monaten und vier Jahren, der Verlust erworbener Handfunktionen, zeitlich verbunden mit kommunikativen Dysfunktionen und sozialem Rückzug, die Herausbildung von stark ge
Nur selten tritt das Rett-Syndrom auf. Betroffen davon sind fast ausschließlich Mädchen. Um deren individuelle Förderung bemühen sich unter anderem Sonderpädagogen. Foto: ZI.
störter Sprache, deutliche psychomotor
sche Verzögerung, stereotype Bewegurgen, dazu Händewringen,-pressen,-kla
schen,-klopfen, den Mund betreffende und waschende/reibende Automatismen(die auftreten, nachdem erfolgreiche Handge
schicklichkeit nicht mehr möglich ist), das Auftreten einer Gang-Rumpf-Ataxie/Apraxi> zwischen dem ersten und vierten Leben:
jahr. Die vorläufige Diagnose geschiel
zwischen dem zweiten und fünften Leben:
jahr. Zusätzlich gibt es mögliche erhärter
de Kriterien. Die jedoch sind nach der RSDCWG nicht unbedingt erforderlich für die Feststellung des Syndroms. Man rech
net dazu Atmungsdysfunktionen, EEG-Ak
normitäten, Anfälle, Spastizität, häufig ve
bunden mit Muskelschwund und fehlerha’
tem Spannungszustand von Muskeln und Gefäßen, periphere Störungen der Gefäß
nerven des vegetativen Nervensystem:
seitliche Wirbelsäulenverkrümmung, Wachstumsverzögerung, unterentwickelte, kleine Füße. Ausschlußkriterien vervollstär
digen darüber hinaus die Charakterisie
rung der Erkrankung.
Eine wesentliche Besonderheit des Syn
droms besteht demnach darin, daß es nac‘ı anfänglich normaler Entwicklung noch ir
frühen Alter zu einer tiefgreifenden Entwick
lungsstörung kommt. Als Folge des hirnab
bauenden Prozesses zerfallen in kurzer Ze!t die bisher erworbenen Fähigkeiten des Kin des. Die genauen Ursachen stehen noch nicht fest. Vor allem in den USA und in den westlichen Industrieländern wird zielgeYichtet nach den neurologischen und gene tischen Auslösefaktoren geforscht. Es lau
fen Bemühungen, einen kennzeichnenden Merkmalskatalog zu erstellen. Der Zeit punkt des Einsetzens der Rückentwicklung ist ungleich. Bei etwa der Hälfte beginnt er im ersten Lebensjahr. Auch der zeitliche Verlauf und die Zerfallsintensität unterscheiden sich individuell. Darauf muß die jeweilige Förderung der Mädchen im Alltag reagieren. Waldemar Lehmann
Seite 10
PUTZ 5/98