Heft 
(1.1.2019) 05
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wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer praktischen Anwendung gewährleistet. So begleiten die Professoren für Patho- und Psycholinguistik die Arbeit des ZaPP Damit ist nicht zuletzt die Qualität im Bereich sprachtherapeutischer Intervention gesi­chert. Die im ZaPP als fachliche Leiterin agierende Logopädin Astrid Fröhling nimmt beispielsweise an den Teamberatungen des Institutes für Linguistik/Allgemeine Sprach­wissenschaft teil. Sie ist zudem vom Enga­gement der Studierenden begeistert. Bevor die jungen Leute im siebenten Semester ein

externes Praktikum absolvieren, sammeln sie im ZaPP erste Praxiserfahrungen. Sie hospitieren zunächst, therapieren dann aber später mit dem Einverständnis der Patienten unter Anleitung selbst.Es kommt sehr sel­en vor, daß Kranke die Studierenden ableh­nen, sagt die Logopädin. Sie erreicht fast immer das Verständnis dafür, daß das Erler­nen der Diagnostik, der differenzierten Therapierung und Therapieentwicklung nicht früh genug beginnen kann. Schließlich sind Haupteinsatzfelder der späteren Pa­tholinguisten die Kliniken und Rehabilita­tionseinrichtungen.

Weitere Schwerpunkte der Kooperation von Wissenschaftlern und Praktikern sind die Entwicklung computergestützter Experten­systeme zur Anwendung in Diagnose un: Therapie, die Theoriebegleitung der prakti­schen Ausbildung von Studierenden des D:­plom-Studienganges Patholinguistik sowie die nationale und internationale Zusammer:­arbeit mit anderen Forschungseinrichtunger Neben der qualifizierten Sprachtherapie der unterversorgten Region Potsdam küm­mert sich der Verein um die Weiterbildung medizinischer, klinisch-psychologischer un: sprachtherapeutischer Berufsgruppen. B.E.

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URSACHEN FÜR RETT-SYNDROM NOCH UNKLAR Il. Wissenschaftliche Arbeitstagung der Sprachbehindertenpädagogik

Sonderpädagogische Interventionen bei Schüler mit Rett-Syndrom hieß das The­ma der im Mai durchgeführten II. Wissen­schaftlichen Arbeitstagung der Sprach­behindertenpädagogik des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Pots­dam. Es war die erste sonderpädagogi­sche Veranstaltung zu diesem Problem in Deutschland. Mehr als 150 Teilnehmer kamen, unter ihnen Fachwissenschaftler der Sonderpädagogik, Pädagogen für Sprachbehinderte und für Geistigbehin­derte, betroffene Eltern und Studenten.

Harald Obenaus, Vertreter des Ministeri­ums für Bildung, Jugend und Sport(MfBJS), übernahm die Tagungseröffnung. Das Rett­Syndrom selbst und dessen charakteristi­schen Merkmale erläuterte Prof. Dr. Otto Dobslaff von der Uni Potsdam. Aus dem aktuellen Zustandsbild leitete er auch die Grundstrategie der sonderpädagogischen Intervention ab. In den eigens gebildeten Arbeitsgruppen ging es insbesondere um die Vorstellung erster Ergebnisse zur diffe­renzierten sonderpädagogischen Kenn­zeichnung und zur Relevanz der speziellen Fördermethodik. Als Schwerpunkte der Praxisbeispiele dienten der Kommunika­tionsaufbau und die motorische und senso­nische Entwicklung. Die im pädagogischen Experiment bisher erreichten Resultate, die auf Video demonstriert wurden, waren nach Ansicht der Teilnehmer überzeugend.

Das Rett-Syndrom ist vielen Sonderpäda­gogen noch unbekannt. Es handelt sich hierbei um ein Syndrombild unklarer Gene­se, das erst 1966 von dem Wiener Kinder­und Jugendpsychiater Andreas Rett be­schrieben wurde. Betroffen sind fast aus­schließlich Mädchen. Auf 10. 000 bis 15.000 geborene Kinder kommt ein Fall. Experten gehen von einer Teilpopulation der Geistig­behinderten aus. Nach der RSDCWG(Rett Syndrome Diagnostic Criteria Work Group) unterscheidet man zur Charakterisierung des Syndroms gleich drei Kategorien von

Kriterien: Die notwendigen darunter müs­sen nach den Aussagen der RSDCWG bei der Rett-Syndrom-Diagnose vollständig er­füllt sein. Sie sind bewußt eng gewählt, um damit das typische Bild zu fassen. Treffen nicht alle dieser notwendigen Kriterien für diesaubere Diagnose zu, dann spricht man in der Beurteilung eher von einem aty­pischen Rett-Syndrom. Zu den notwendigen Aspekten zählen: eine scheinbar normale vor- und nachgeburtliche frühkindliche Ent­wicklung, eine scheinbar normale psycho­motorische Entwicklung während der er­sten sechs Monate(bis zu 18 Monaten), ein durchschnittlicher Kopfumfang bei der Ge­burt, eine Verlangsamung des Kopfwachs­tums im Alter zwischen fünf Monaten und vier Jahren, der Verlust erworbener Hand­funktionen, zeitlich verbunden mit kommu­nikativen Dysfunktionen und sozialem Rückzug, die Herausbildung von stark ge­

Nur selten tritt das Rett-Syndrom auf. Betroffen davon sind fast ausschließlich Mädchen. Um deren individuelle Förderung bemühen sich unter anderem Sonderpädagogen. Foto: ZI.

störter Sprache, deutliche psychomotor

sche Verzögerung, stereotype Bewegur­gen, dazu Händewringen,-pressen,-kla

schen,-klopfen, den Mund betreffende und waschende/reibende Automatismen(die auftreten, nachdem erfolgreiche Handge

schicklichkeit nicht mehr möglich ist), das Auftreten einer Gang-Rumpf-Ataxie/Apraxi> zwischen dem ersten und vierten Leben:

jahr. Die vorläufige Diagnose geschiel

zwischen dem zweiten und fünften Leben:

jahr. Zusätzlich gibt es mögliche erhärter

de Kriterien. Die jedoch sind nach der RSDCWG nicht unbedingt erforderlich für die Feststellung des Syndroms. Man rech

net dazu Atmungsdysfunktionen, EEG-Ak

normitäten, Anfälle, Spastizität, häufig ve

bunden mit Muskelschwund und fehlerha

tem Spannungszustand von Muskeln und Gefäßen, periphere Störungen der Gefäß

nerven des vegetativen Nervensystem:

seitliche Wirbelsäulenverkrümmung, Wachstumsverzögerung, unterentwickelte, kleine Füße. Ausschlußkriterien vervollstär

digen darüber hinaus die Charakterisie

rung der Erkrankung.

Eine wesentliche Besonderheit des Syn

droms besteht demnach darin, daß es nacı anfänglich normaler Entwicklung noch ir

frühen Alter zu einer tiefgreifenden Entwick

lungsstörung kommt. Als Folge des hirnab

bauenden Prozesses zerfallen in kurzer Ze!t die bisher erworbenen Fähigkeiten des Kin des. Die genauen Ursachen stehen noch nicht fest. Vor allem in den USA und in den westlichen Industrieländern wird zielge­Yichtet nach den neurologischen und gene tischen Auslösefaktoren geforscht. Es lau

fen Bemühungen, einen kennzeichnenden Merkmalskatalog zu erstellen. Der Zeit punkt des Einsetzens der Rückentwicklung ist ungleich. Bei etwa der Hälfte beginnt er im ersten Lebensjahr. Auch der zeitliche Verlauf und die Zerfallsintensität unterschei­den sich individuell. Darauf muß die jewei­lige Förderung der Mädchen im Alltag rea­gieren. Waldemar Lehmann

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