DEM SPORT DER JUDEN ENG VERBUNDEN Paul Yogi Mayer Ehrendoktor der Uni Potsdam
Die Universität Potsdam hat einen neuen Ehrendoktor. Diese Auszeichnung erhielt kürzlich der heute in London lebende Kenner des jüdischen Sports Paul Yogi Mayer. Dem 85jährigen erwies die Hochschule damit ihre Anerkennung für sein engagiertes Schaffen auf wissenschaftlichem, journalistischem und pädagogischem Gebiet.
Das Lebenswerk des gebürtigen Deutschen könne nicht mit herkömmlichen Maßstäben gemessen werden, hieß es in der entsprechenden Begründung für die Verleihung des Titels. Mayer habe Nationalsozialismus sowie Exil durchlebt und Jahrzehnte hindurch Hervorragendes geleistet. Sein 1932 begonnenes Volkswirtschaftsstudium mußte der aus Bad Kreuznach stammende Sportenthusiast, selbst als Mehr
Paul Yogi Mayer Foto: Tribukeit
kämpfer aktiv, aufgrund nationalsozialistischer Repressionen nach zwei Jahren abbrechen. Von 1935 bis 1939 folgte die Tätigkeit als Sportlehrer an jüdischen Schulen in Berlin, deren vollständige Auflösung 1942 passierte.„Zuvor aber“, so Mayer über die Situation bis 1936,„existierten mit Unterschieden von Stadt zu Stadt Freiräume für Jüdische Sportler“. Erst nach Olympila seien die Verhältnisse schnell schwieriger yeworden, Auswanderungen nahmen zu, die Mannschaften damit ab.„Der Pogrom war das Ende“, konstatierte er. Der jüdische Sport hatte in Deutschland aufgehört zu bestehen.
Paul Yogi Mayer wanderte mit seiner Familie nach England aus, leistete unter anderem Militärdienst in einer Spezial-Fallschirmjäger-Einheit der Briten. Verbunden blieb er auch nach
dem Krieg der sportlichen und sozialpäd. agogischen Jugendarbeit.„In den befreiten Konzentrationslagern fand man insgesamt 732 lebende Jugendliche, die teilweise in London ankamen“, erzählte der Geehr'e, Ihnen habe er sich in einem eigens für sie eingerichteten Jugendklub gewidmet. Seine Deutschland-Besuche gehen seit lengem mit Auftritten in Schulen einher.„Ic komme nur in das Land, wenn ich vor Schi lern sprechen kann“, beschrieb der 194 auf der Insel eingebürgerte Rheinland- Pfälzer die Intention jener Visiten. Er vertret immerhin die Generation ihrer Großväte die ihnen nie etwas erzählen wollten. Dabei bestreite er durchaus schwierige Stunden in Hauptschulen, ebenso aber dort wie&nderswo interessante Gespräche mit Jung»n und Mädchen, die viele Fragen stellten. Der 1997 von Königin Elisabeth II mit de Verdienstkreuz„Member of the British E pire“ bedachte Zeitzeuge nationalsozialictscher Vergangenheit hat insgesamt 21 Puhlikationen zum jüdischen Sport vorgelegt. Sait 1995 existiert ein enger wissenschaftlich er Kontakt zur Universität Potsdam, unter anc rem durch Vorträge im Institut für Sportw senschaft und im Magisterstudiengang„ dische Studien“. P
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WIE KOMMT DIE TRAM IN DAS„ANTIKE JUDENTUM”?
Zur Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Elisabeth Flitner
Das Werk des großen Soziologen Max Weber(1864-1920) ist zum integralen Bestandteil des soziologischen Diskurses geworden. In den Prozeß der erziehungswissen
schaftlichen Theoriebildung sind die Weberschen Schriften dagegen nicht systematisch aufgenommen worden. Noch nicht, so möchte man nach der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Elisabeth Flitner aus dem Institut für Pädagogik hinzufügen. Das ist wohl vor allem dem Umstand zu verdanken, daß bei Weber keine explizit entfaltete Schul-, Bildungs- oder Erziehungstheorie vorzufinden ist. Wer sich hier gleichwohl dem großen Theoretiker der modernen Gesellschaft nicht verschließen und entziehen will, muß also das mühsame Geschäft betreiben, eine implizite Theorie zu entschlüsseln. Daß diese Anstrengung lohnt und spannende Einsichten gewährt, hat Elisabeth Flitner in ihrer Antrittsvorlesung über„Max Webers Schulweg- Kindheit, Magie und Wissenschaft“ demonstriert.
An den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen stellt die Referentin einen verblüffenden Textfund: Im dritten Band seiner ReligionsSoziologie„Das Antike Judentum“ spricht Weber plötzlich und scheinbar unmotiviert von einem„Kind, welches täglich auf der elektrischen Bahn zu fahren gewohnt ist“. Hier beginnt die detektivische Erkundung und Rekonstruktion. War nicht Webers Vater Baustadtrat in Berlin und als solcher gleichsam Verkehrsexperte? Ist der junge Max Weber vielleicht mit der Trambahn zur Schule gefahren? Wann fuhr die erste Trambahn überhaupt? Haben die Webers nicht
Prof. Dr. Elisabeth Flitner Foto: privat
in Erfurt in Bahnhofsnähe gewohnt? Und gibt es da nicht den Brief Webers, in dem er von einer erschütternden Kindheitserinnerung an eine Zugentgleisung berichtet? Allmählich entsteht aus den Befunden der akribischen Recherche ein Bild, folgen die Details einer begrifflichen Ordnung: Magisches Denken, Bedrohung, kreative Bewältigung. Diese triadische Grundfigur ist es, die die Trambahn in die israelische Wüste versetzt. Aber hält dieser induktive Schluß einer Überprüfung stand? Elisabeth Flitner zeigt nun an prominenten Textstellen im Werk Webers die durchgängige Bedeut
samkeit der begrifflichen Konstellation. Das Beziehungsgefüge der drei Konzeptionen des magisch-metaphysischen und relig sen Denkens, der Bedrohung, des Umst zes und des Todes und schließlich der kr tiven Problemlösung, denkend wie her delnd- findet sich in allen Textpassagen, i denen von Eisen- oder Straßenbahnen ci Rede ist. Mehr noch: Die Bedeutung die: Passagen erschließt sich nun erst dem I ser. Damit eröffnet sich auch ein neues ziehungswissenschaftliches Potential c Weberschen Theorie.
Das entfaltete triadische Spannungskonzep verweist interessanterweise nicht auf den Weberschen Erziehungsbegriff, sondern au sein Konzept der Bewährung. Erziehen heiß bei Weber„disziplinieren“,„prägen“,„ebrichten“, also Zwang. Hier an Weber anzuknüpfen, erscheint nicht sonderlich aussichtsreich. Ein Bildungs- und Vermittlungsbegnff ist dagegen im Bewährungskonzept enthalten. Der Bewährungsbegriff zielt auf das autonome Subjekt des bürgerlichen Individualismus. Bewährung ist eine risikoreiche Autonomie, die die Möglichkeit des Scheiterns einschließt. Anerziehen abe! kann man sie nicht. Erziehung kann nur die Gelegenheit bieten, sich zu bewähren. Und so führt Webers Weg mit der Trambahn zur Schule: Bewährung als idealtypisches Modell der modernen Schule. Andreas Wernet
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