DOPPELNAMEN DER GEHEIMNISVOLLEN DYSCIA ENTTARNT
Schmetterlingsforscher durchforstet Stammbäume von Nachtfaltern
Ihre zarten Flügel schillern seidig und mit den gefiederten Antennen riechen sie die „Herrlichste von weit“. Nur wenige Wochen hält die fragile Schönheit der Schmetterlinge, vielleicht mit ein Grund für den Zauber, der von diesen Wesen ausgeht.„Wenn ich mich erinnere, bin ich schon als Kind immer mit einem Glas hinter Schmetterlingen hergerannt“, erzählt Robert Trusch. Seine Begeisterung über die Anmut der flatterhaften Wesen teilt sich auch heute mit, wenn der Doktorand am Institut für Ökologie und Naturschutz der Universität Potsdam über seine wissenschaftliche Arbeit berichtet. Trusch untersucht die Familie der Geometriden; das sind Nachtfalter, die auf deutsch auch Spanner genannt werden. Innerhalb dieser Familie widmet er sich besonders der geheimnisvollen und seltenen Gattung der Dyscia, deren verschiedene Arten vorwiegend auf Trockenwiesen, Sandheiden und Steppen heimisch sind.
Für seine Doktorarbeit hat Robert Trusch in einsamen Halbwüsten Andalusiens, im Dahargebirge in Tunesien und auf den Trockenwiesen in Brandenburg nach der Dyscia gesucht. Dabei hat er ein Zelt, Lichtfallen, Kameras und oft auch einen Freund wie Ingolf Rödel, der Natur- und Insektenfotografien macht. Der Leuchtstab in der Lichtfalle zieht die Nachtfalter an, sie prallen dabei gegen eine Plexiglasscheibe und fallen nach unten, wo sie sich unter Eierpappen verstecken. Kurz vor Sonnenaufgang klettert Trusch aus seinem Schlafsack, nimmt die einzelnen Pappen heraus und befreit nach einer kurzen Bestandsaufnahme seine Ernte. Er nimmt nur die wenigen Exemplare von Nachtfaltern mit, die er nicht auf Anhieb benennen kann.„Gerade
Genitalpräparat eines Männchens von Dyscia lentiscara. Die Männchen klammern sich während der Befruchtung an den Hinterleib der meist größeren Weibchen mit diesen„Haltegriffen“ fest. Das eigentliche Fortpflanzungsorgan, eine kleine Röhre, ist hier nicht zu sehen. An den Details des Genitalapparates lassen sich die einzelnen Arten der Dyscia wesentlich besser
auseinanderhalten als an Äußerlichkeiten wieder Flügelfarbe.
Weibchen des Nachtfalters Dyscia lentiscarıa bei der Eiablage. Dyscia lentiscaria kommt in extrem trockenen Regionen Andalusiens vor. Das Foto zeigt das Tier von unten. Foto: Ingolf Rödel
bei der Gattung Dyscia herrscht große Konfusion, die kann man nicht so einfach bestimmen. Es gibt in einer Art schwärzliche, weißliche, oder rötliche Tiere, und natürlich werden da auf den ersten Blick drei Arten daraus gemacht, aber letztlich sind das nur Formen und Morphen.“
Ausschlaggebend für die Bestimmung dieser Nachtfalter sind nicht so sehr Flügelfarbe oder Fühler, sondern die Genitalapparate. Vor allem bei den Männchen gibt es bemerkenswerte Unterschiede zwischen den einzelnen Arten: Manche besitzen Borsten und Widerhaken auf den Klammergriffen, mit denen sie sich am Hinterleib des Weibchens festhalten, bei anderen ist das Fortpflanzungsorgan merkwürdig gekrümmt, wie ein Pinsel mit Borsten bewachsen oder gar gegabelt.
All diese Einzelheiten lassen sich unter dem Mikroskop an dem präparierten und eingefärbten Genitalapparat eingehend untersuchen. Während seiner Promotion hat Trusch bereits einige Mehrfachbenennungen ausfindig gemacht: und so die Zahl der Arten bei der Gattung Dyscia von 28 auf 20 reduziert. Die umfangreiche Sammlung von Genitalpräparaten und Faltern, die er auf seinen Reisen gesammelt hat, oder die ihm: zu Forschungszwecken ausgeliehen wurden, hat Trusch im sogenannten Tierhaus bei der Villa Liegnitz im Schloßpark SansSouci unterge
Abb: UP: bracht,
Eingescannt werden die Genitalpräparate an der Universität Jena. Das Licht fällt durch die mehr oder weniger transparenten Struk turen aus Chitin und Haut und im Compu ter zeichnet sich ein Bild aus übereinander liegenden, fein detaillierten Strukturen, das an Radierungen aus der Dürerzeit erinnert
Gerade die Dyscia lebt sehr versteckt unc flattert im ganzen Jahr nur zwei Wocher lang als Falter herum. Diese zwei Woche: liegen jedes Jahr anders— je nach Wette: zwischen Ende April und Ende Mai Trusch und seine Mitstreiter, Kollegen au: der Wissenschaft und vom Naturschutz bund Nabu, haben Entomologen Ost deutschlands angesprochen, sie auf typi sche Lebensräume der Dyscia in ihre Nähe hingewiesen und ihnen gesagt, wanı die eingesponnenen Larven vermutlich au: dem Kokon krabbeln und auf der Suche nach Partnern herumfliegen werden.„Be vor ich meine Arbeit begonnen habe, gat es einen einzigen Fundort in Ostdeutsch land, wo die Art Dyscia fagaria noch be kannt war. Inzwischen sind es mehrere Dut zend,“ berichtet Trusch.
Zusammen mit Ingolf Rödel hat Trusch iı Brandenburg auch eine Art von Nachtfal tern wiedergefunden, die zuletzt vor 70 Jah ren in Brandenburg gesehen wurde. Einige der erfolgreichsten Sammler hatten da: Tier bereits von Bichroma famula in Bichro ma fabula umgetauft, weil sie seine Exi stenz schlicht für ein Märchen hielten.„Als selbst wenn man das schon zwanzig Jahr: macht, etwas Neues zu finden oder zu ent decken, wie so eine versteckte Art lebt macht einfach Spaß“, findet Trusch.
Schmetterlinge sind jedoch nicht nur be sonders schön, sie eignen sich als hoch spezialisierte Pflanzenfresser auch als Indi katoren für die Veränderungen in einen Ökosystem. Ein Falter; der zum Beispie ausschließlich Feldbeifuß(Artemisia Cam pestris) frißt, hängt ganz empfindlich vom Auftreten dieser Pflanze ab. Auch wenn sein Lebensraum auf den ersten Blick noch ganz intakt erscheint, kann doch die Häufigkeit dieser Falter bereits anzeigen, ob die„Chemie“ zwischen Pflanze und Insekt noch stimmt.
„Man hat Glück, daß man Wissenschaft machen kann,“ sagt Robert Trusch,„aber man macht das ja fast für sich selbst, vielleicht noch für die fünf anderen Spezialisten in Europa“. In Zukunft will Trusch die Freude und Faszination an der Natur einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln. ar
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