KONFLIKT ALS CHANCE
Studie zur Streitkultur bei Kindern vom Institut für angewandte Familien- Kindheits- und Jugendforschung
Schon im Kleinkindalter erfahren Kinder bei Konflikten entweder regelmäßig, daß sie dem Geschehen hilflos ausgeliefert sind oder daß sie selbst ihr Umfeld aktiv mitgestalten können. Solche Erfahrungen scheinen prägend zu sein. Die Analyse der Ursachen von Jugendgewalt zeigt, daß gewaltbereite Jugendliche wenig Möglichkeiten sehen, wie sie ihr Schicksal selbst bestimmen können, sondern eher fatalistischen Überzeugungen anhängen. Andere Jugendliche engagieren sich dagegen in der gleichen Situation von Lehrstellenmangel und Arbeitslosigkeit und suchen nach konstruktiven Lösungen.
Unter der Leitung des Privatdozenten Dr. Dietmar Sturzbecher haben Dr. Heidrun Großmann, Irene Ehmke-Pfeiffer und Winfried Langner vom Institut für angewandte Familien- Kindheits- und Jugendforschung (IFK) an der Universität Potsdam in Vehlevanz nun ein Projekt begonnen, in dem die Streitkultur bei Kindern, ihren Eltern und Erzieherinnen vom Kindergarten bis zur Grundschule untersucht werden soll. Eigens dafür wurde am IFK ein Regelspiel entwickelt, womit die befragten Kinder spielerisch ausdrücken können, wie sie selber oder ihre Eltern und Erzieherinnen in einer Konfliktsituation reagieren würden. Auf bunten Bildern sind verschiedene Situationen zu sehen, die das Kind beschreiben soll: Zum Beispiel eine Mutter, die will, daß das Kind sein Zimmer aufräumt. Farbige Kärtchen stehen für verschiedene Verhaltensweisen, wie zum Beispiel: Strafandrohung, Entmutigung wie„Das schaffst du sowieso nicht“ oder das Angebot von Hilfe, Das Kind soll diese Karten in Kästchen einsortieren, auf denen Murmeln aufgemalt sind. Je mehr Murmeln auf dem Kästchen sind, desto häufiger kommt dieses Verhalten vor. Im Herbst dieses Jahres beginnt das Projekt mit vier- bis fünfjährigen Kindern aus Kindertageseinrichtungen in Bremen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Pro Bundesland werden sechs Kitas mit möglichst unterschiedliChen pädagogischen Konzepten einbezogen, vom antiautoritären Kinderladen bis zur straff organisierten Großeinrichtung.
In den folgenden drei Jahren sollen die Kinder fünfmal befragt werden, wobei auch interessant sein wird, was sich im sozialen Verhalten beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule verändert. Die Wissenschaftlerinnen wollen erfahren, wie die Kinder alltägliche Konfliktsituationen untereinander oder mit Erwachsenen meistern, ob sie Möglichkeiten der Mitbestimmung
zu Hause oder in der Kita haben und ob sie sie wahrnehmen. In Interviews mit ErzieheYnnen und Eltern werden auch die äußeren Bedingungen, wie die Familiensituation und der Erziehungsstil, unter die Lupe genommen.„Unser Forschungsprojekt bezieht die Ansichten und Empfindungen der Kinder
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direkt mit ein“, betont Heidrun Großmann. Sie ist überzeugt, daß Kinder mehr als bisher erfahren müssen, daß sie Konflikte nutzen können, um etwas zu verändern. Aus den Projektergebnissen könnten konkrete Anregungen für die Kindergartenpädagogik erarbeitet werden, um die Streitkultur zu verbessern. Jeder Konflikt sei schließlich eine Chance, Demokratie, fnedliches Miteinander und Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung zu üben. ar
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Schon im Kindergarten werden soziale Techniken geübt, um Konflikte zu lösen. Abb.: IFK, Vehlevanz
UNIVERSITÄT POTSDAM MITGLIED DER DFG
Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte als Senatorin gewählt
Die Mitgliederversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft(DFG) hat im Rahmen ihrer Jahrestagung in Bonn die Universität Potsdam als neues Mitglied aufgenommen. Damit ist diese als 66.(10. ostdeutsche) und einzige brandenburgische Hochschule in diesem Gremium vertreten. Satzungsgemäß können Hochschulen, Akademien der Wissenschaften, andere Forschungseinrichtungen und wissenschaftliChe Verbände Mitglieder werden,„wenn sie Forschungseinrichtungen von allgemeiner Bedeutung sind“. Ob die antragstellende Institution diese Anforderungen erfüllt, richtet sich danach,„ob unabhängige Forschung zu den grundlegenden Aufgaben der Institution gehört und welchen Umfang die Forschung im Verhältnis zur gesamten Aktivität der Einrichtung hat sowie nach dem wissenschaftlichen Profil“.
Des weiteren wählte die Versammlung Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte für drei Jahre zur Senatorin. Die 1949 geborene Wissenschaftlerin ist Professorin für Neuere Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit am Historischen Institut. Die DFG wurde 1920 unter dem Namen Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gegründet. Seit 1951 heißt sie Deutsche Forschungsgemeinschaft. Sie dient der Wissenschaft in allen ihren Zweigen insbesondere durch finanzielle Unterstützung von Forschungsvorhaben. Diesen zentralen Auftrag erfüllt die DFG als Selbstverwaltungsorganisation der deutschen Wissenschaft, die die wissenschaftlichen Mitglieder ihrer Organe selbst wählt. Das Gremien trägt zur Stärkung der ZusammenarFortsetzung Seite 20
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