Heft 
(1.1.2019) 06
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Falsche Zahlen in der Tagespresse

fehlerhafte Artikel gefunden und das in al­len Ressorts, von Politik über Wirtschaft bis zum Sportteil und der Wissenschaftsbeilage. An über hundert Beispielen zeigt der Autor, wie sorglos Journalisten mit Zahlen umge­hen: Exakte Angaben zu Umweltverschmut­zung, medizinischen Studien und zu Steuer­und Rententhemen entpuppen sich als unge­nau oder gar falsch. Selbst auf den Service­seiten werden gelegentlich Ratschläge zum Geldsparen erteilt, die gutgläubigen Lesern teuer zu stehen kommen. Ketteler rechnet nach, stellt unterschiedliche Zahlenangaben aus verschiedenen Quellen gegenüber und gibt den Lesern Tips, wie auch sie durch ein­fache Überschlagsrechnungen den gröb­sten Unsinn entlarven können. U.W.

Guardian Ketteler: Zwei Nullen sind kei­ne Acht Falsche Zahlen in der Tages­presse. Birkhäuser Verlag, Basel, 1997, 200 S., 29,80 DM.

DFG-Informationsbroschüre

In vollständig überarbeiteter und erweiterter Fassung ist jetzt die Informationsbroschüre Aufbau und Aufgaben der Deutschen For­schungsgemeinschaft(DFG) erschienen. Auf 44 Seiten werden die Organisation der DFG, ihre Hauptaufgabe der Forschungsför­derung sowie alle Programme und Preise vorgestellt. Ein Kapitel widmet sich dem Be­gutachtungsprozeß von Anträgen, der Er­gebnisbewertung und-verwertung. Weitere Kapitel befassen sich mit den Aufgaben der DFG zur Beratung von Parlamenten und Be­hörden und zur Pflege internationaler Wis­senschaftsbeziehungen. DFG

Die Broschüre kann kostenfrei beim Pres­sereferat der Deutschen Forschungsge­Mmeinschaft, Kennedyallee 40, 53175 Bonn, Tel. 0228/885-2210 oder-2109, Fax 0228/ 885-2180 angefordert werden.

EINE GESELLSCHAFT IM WANDEL: ISRAEL HEUTE

Der Mord an Jitzhak Rabin 1995 erschüt­terte die Welt. Nach vorherrschender Meinung wurde durch diesen Anschlag die politische Landkarte im Nahen Osten nachhaltig verändert. Alexandra Nocke stellt dem die These gegenüber, daß die­ses Attentat nicht Ursache des Risses in­nerhalb der israelischen Gesellschaft ist, sondem vielmehr Folge eines langen Pro­zesses israelischer Identitätsauflösung und-neuformierung. Der programmati­sche TitelIsrael heute: Ein Selbstbild im Wandel steht für die Frage nach der Viel­falt der Identitäten, die in diesem Staat heute vertreten sind und den Chancen, diese zu integrieren. Nach einer Einfüh­rung zum Problem individueller, kollekti­ver und nationaler Identitäten führt uns die Autorin durch Geschichte und Politik des Staates Israel.

Sie beschreibt das sozialistische Pionier­ideal der Gründergeneration, die Dominanz der europäischen Kultur gegenüber der ein­heimischen orientalischen Kultur, die Zwangsintegration der Holocaust-Überle­benden in die Kibbutz-Kultur und die man­gelnde Auseinandersetzung mit deren Schicksal. Sie berichtet, wie diese säkula­re Pioniergesellschaft nach den Gebiets­eroberungen im Sechs-Tage-Krieg 1967 durchBible-flash(S. 66) und demographi­schen Wandel rejudaisiert wird und schil­dert die vielfältigen Konfliktstrukturen inner­halb der Gesellschaft: Ashkenasen versus Sepharden, Säkulare versus Religiöse, Ju­den versus Araber; binationaler Staat oder Judenstaat, Staat versus Religion. Der Leser erfährt, wie durch zunehmende Normalisie­rung des Lebens, das zwar immer wieder von Ausnahmezuständen unterbrochen wird, Mythen angreifbar und von denNeu­en Historikern zerstört werden(S. 89ff). Nocke beschreibt detailliert die politische oder vielleicht besser die atmosphärische Entwicklung von der Übernahme der Re­gierungsgewalt der letzten Rabin-Regie­rung 1992 bis zur Wahl Nethanjahus 1996. Sie zeigt, daß die Zerrissenheit der israeli­schen Gesellschaft, die mit dem Mord an Rabin offensichtlich wurde, schon länger schwelte. Die zunehmende Spannung wur­de jedoch zu lange von den politisch Verant­wortlichen vernachlässigt. Der Zusammen­halt schien durch den gemeinsamen Feind gewährleistet, die Opferrolle schuf gemein­same Identität. Doch nachdem Israel selbst zur Besatzungsmacht wurde und der Feind zum Verhandlungspartner, ging der ge­meinsame Referenzrahmen nach und nach verloren. Dies geschah nicht erst in der Nacht des 4. November 1995.

In ihrem KapitelDie Substanz des Israeli­schen stellt Nocke eindrucksvoll Tel Aviv

und Jerusalem als Symbole des zentralen innerjüdischen Konfliktes einander gegen­über und beschreibt diesen Kulturkampf als innergesellschaftlichenClash of Civiliza­tions. Typisch fürDas Israelische ist der Ausblick der Autorin: Er ist nicht aus­schließlich düster, obwohl ihre Darstellung der Fragmentation dies nahelegt, sondern im Einklang mit der in Israel weitverbreite­ten Lebensparolehakol yıhiyeh beseder (es wird schon alles in Ordnung gehen) meint sie, der Prozeß der Neudefinition der israelischen Identität biete die Chance, eine Orient-Okzident-Synthese hervorzubrin­gen,die als Basis für eine Friedenslösung im Nahostkonflikt dienen könnte. Angenehm an diesem Buch ist der essayi­stische Stil. Nocke führte Interviews mit Trä­gern der verschiedenen israelischen Teil­identitäten: Friedensaktivisten, militante Siedler,neue Historiker, Reaktionäre.... Indem sie diese zu Wort kommen läßt, bringt siedas Mosaik israelischer Identi­täten zum Sprechen(Schoeps/Schlör im Vorwort). Der Leser gewinnt dadurch ein assozlatives Verständnis israelischen All­tags. Vielleicht ist dieses Buch deshalb be­sonders denjenigen ans Herz zu legen, die derzeit Israels Politik massiv kritisieren aus einer rationalistischen und moralischen Perspektive heraus. Sie lernen etwas über die Irrationalitäten, die politischen Prozes­sen zugrunde liegen und sie rationalisti­scher Kritik schlichtweg entziehen. Auf­grund der eigenwilligen Gliederung, die nicht chronologischen, sondern themati­schen Gesichtspunkten folgt, ist es dem Israel-Neuling jedoch kaum zu empfehlen. Informationen, die für das Verständnis eines beschriebenen Phänomens wichtig sind, systematisch jedoch einem anderen The­menbereich zugehören, werden zu spät oder gar nicht geliefert. Der Versuch, die­ses Problem mit zahlreichen Querverwei­sen, Fußnoten und Wiederholungen zu be­heben, ist leider nicht gelungen sie sind ermüdend und störend. Für diejenigen wie­derum, die Israel aus eigener Anschauung und/oder wissenschaftlichem Studium ken­nen, bringt das Buch keine neuen Erkennt­nisse. Für diese Leser sind jedoch die Be­schreibungen der israelischen Mentalität eine Quelle des Vergnügens und zum Teil auch des Zorns- je nachdem, welcheTeil­identität gerade das Wort hat.

Hilke Rebenstorf

Alexandra Nocke: Israel heute: Ein Selbstbild im Wandel, Philo Verlagsge­sellschaft 1998(Studien zur Geistesge­schichte Band 23, hrsg. von Prof. Dr. Juli­us Schoeps, Moses Mendelssohn Zen­trum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam), 192 S., 38,- DM.

PUTZ 6/98

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