Falsche Zahlen in der Tagespresse
fehlerhafte Artikel gefunden— und das in allen Ressorts, von Politik über Wirtschaft bis zum Sportteil und der Wissenschaftsbeilage. An über hundert Beispielen zeigt der Autor, wie sorglos Journalisten mit Zahlen umgehen: Exakte Angaben zu Umweltverschmutzung, medizinischen Studien und zu Steuerund Rententhemen entpuppen sich als ungenau oder gar falsch. Selbst auf den Serviceseiten werden gelegentlich Ratschläge zum Geldsparen erteilt, die gutgläubigen Lesern teuer zu stehen kommen. Ketteler rechnet nach, stellt unterschiedliche Zahlenangaben aus verschiedenen Quellen gegenüber und gibt den Lesern Tips, wie auch sie durch einfache Überschlagsrechnungen den gröbsten Unsinn entlarven können. U.W.
Guardian Ketteler: Zwei Nullen sind keine Acht— Falsche Zahlen in der Tagespresse. Birkhäuser Verlag, Basel, 1997, 200 S., 29,80 DM.
DFG-Informationsbroschüre
In vollständig überarbeiteter und erweiterter Fassung ist jetzt die Informationsbroschüre „Aufbau und Aufgaben“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft(DFG) erschienen. Auf 44 Seiten werden die Organisation der DFG, ihre Hauptaufgabe der Forschungsförderung sowie alle Programme und Preise vorgestellt. Ein Kapitel widmet sich dem Begutachtungsprozeß von Anträgen, der Ergebnisbewertung und-verwertung. Weitere Kapitel befassen sich mit den Aufgaben der DFG zur Beratung von Parlamenten und Behörden und zur Pflege internationaler Wissenschaftsbeziehungen. DFG
Die Broschüre kann kostenfrei beim Pressereferat der Deutschen ForschungsgeMmeinschaft, Kennedyallee 40, 53175 Bonn, Tel. 0228/885-2210 oder-2109, Fax 0228/ 885-2180 angefordert werden.
EINE GESELLSCHAFT IM WANDEL: ISRAEL HEUTE
Der Mord an Jitzhak Rabin 1995 erschütterte die Welt. Nach vorherrschender Meinung wurde durch diesen Anschlag die politische Landkarte im Nahen Osten nachhaltig verändert. Alexandra Nocke stellt dem die These gegenüber, daß dieses Attentat nicht Ursache des Risses innerhalb der israelischen Gesellschaft ist, sondem vielmehr Folge eines langen Prozesses israelischer Identitätsauflösung und-neuformierung. Der programmatische Titel„Israel heute: Ein Selbstbild im Wandel“ steht für die Frage nach der Vielfalt der Identitäten, die in diesem Staat heute vertreten sind und den Chancen, diese zu integrieren. Nach einer Einführung zum Problem individueller, kollektiver und nationaler Identitäten führt uns die Autorin durch Geschichte und Politik des Staates Israel.
Sie beschreibt das sozialistische Pionierideal der Gründergeneration, die Dominanz der europäischen Kultur gegenüber der einheimischen orientalischen Kultur, die Zwangsintegration der Holocaust-Überlebenden in die Kibbutz-Kultur und die mangelnde Auseinandersetzung mit deren Schicksal. Sie berichtet, wie diese säkulare Pioniergesellschaft nach den Gebietseroberungen im Sechs-Tage-Krieg 1967 durch„Bible-flash“(S. 66) und demographischen Wandel rejudaisiert wird und schildert die vielfältigen Konfliktstrukturen innerhalb der Gesellschaft: Ashkenasen versus Sepharden, Säkulare versus Religiöse, Juden versus Araber; binationaler Staat oder Judenstaat, Staat versus Religion. Der Leser erfährt, wie durch zunehmende Normalisierung des Lebens, das zwar immer wieder von Ausnahmezuständen unterbrochen wird, Mythen angreifbar und von den„Neuen Historikern“ zerstört werden(S. 89ff). Nocke beschreibt detailliert die politische oder vielleicht besser die atmosphärische Entwicklung von der Übernahme der Regierungsgewalt der letzten Rabin-Regierung 1992 bis zur Wahl Nethanjahus 1996. Sie zeigt, daß die Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft, die mit dem Mord an Rabin offensichtlich wurde, schon länger schwelte. Die zunehmende Spannung wurde jedoch zu lange von den politisch Verantwortlichen vernachlässigt. Der Zusammenhalt schien durch den gemeinsamen Feind gewährleistet, die Opferrolle schuf gemeinsame Identität. Doch nachdem Israel selbst zur Besatzungsmacht wurde und der Feind zum Verhandlungspartner, ging der gemeinsame Referenzrahmen nach und nach verloren. Dies geschah nicht erst in der Nacht des 4. November 1995.
In ihrem Kapitel„Die Substanz des Israelischen“ stellt Nocke eindrucksvoll Tel Aviv
und Jerusalem als Symbole des zentralen innerjüdischen Konfliktes einander gegenüber und beschreibt diesen Kulturkampf als innergesellschaftlichen„Clash of Civilizations“. Typisch für„Das Israelische“ ist der Ausblick der Autorin: Er ist nicht ausschließlich düster, obwohl ihre Darstellung der Fragmentation dies nahelegt, sondern im Einklang mit der in Israel weitverbreiteten Lebensparole„hakol yıhiyeh beseder“ (es wird schon alles in Ordnung gehen) meint sie, der Prozeß der Neudefinition der israelischen Identität biete die Chance, eine „Orient-Okzident-Synthese“ hervorzubringen,„die als Basis für eine Friedenslösung im Nahostkonflikt dienen könnte“. Angenehm an diesem Buch ist der essayistische Stil. Nocke führte Interviews mit Trägern der verschiedenen israelischen Teilidentitäten: Friedensaktivisten, militante Siedler,„neue Historiker“, Reaktionäre.... Indem sie diese zu Wort kommen läßt, bringt sie„das Mosaik israelischer Identitäten zum Sprechen“(Schoeps/Schlör im Vorwort). Der Leser gewinnt dadurch ein assozlatives Verständnis israelischen Alltags. Vielleicht ist dieses Buch deshalb besonders denjenigen ans Herz zu legen, die derzeit Israels Politik massiv kritisieren— aus einer rationalistischen und moralischen Perspektive heraus. Sie lernen etwas über die Irrationalitäten, die politischen Prozessen zugrunde liegen und sie rationalistischer Kritik schlichtweg entziehen. Aufgrund der eigenwilligen Gliederung, die nicht chronologischen, sondern thematischen Gesichtspunkten folgt, ist es dem Israel-Neuling jedoch kaum zu empfehlen. Informationen, die für das Verständnis eines beschriebenen Phänomens wichtig sind, systematisch jedoch einem anderen Themenbereich zugehören, werden zu spät oder gar nicht geliefert. Der Versuch, dieses Problem mit zahlreichen Querverweisen, Fußnoten und Wiederholungen zu beheben, ist leider nicht gelungen— sie sind ermüdend und störend. Für diejenigen wiederum, die Israel aus eigener Anschauung und/oder wissenschaftlichem Studium kennen, bringt das Buch keine neuen Erkenntnisse. Für diese Leser sind jedoch die Beschreibungen der israelischen Mentalität eine Quelle des Vergnügens und zum Teil auch des Zorns- je nachdem, welche„Teilidentität“ gerade das Wort hat.
Hilke Rebenstorf
Alexandra Nocke: Israel heute: Ein Selbstbild im Wandel, Philo Verlagsgesellschaft 1998(Studien zur Geistesgeschichte Band 23, hrsg. von Prof. Dr. Julius Schoeps, Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam), 192 S., 38,- DM.
PUTZ 6/98
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