Heft 
(1.1.2019) 14
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Wissenschaft

Seine Vorlesungen waren ein Vergnügen

Rehabilitierung von Prof. Dr. W. R. Müller-Stoll

In Würdigung der Verdienste von Prof. Müller-Stoll, einem der profiliertesten Wissenschaftler, der jemals an der ehe­maligen Brandenburgischen Landeshoch­schule und Pädagogischen Hochschule Potsdam tätig war, und im Rahmen seiner offiziellen Rehabilitierung durch den Rektor, fand am 3. Juli 1991 im Fachbe­reich Biologie ein Ehrenkolloquium für den 81jährigen emeritierten Hochschul­lehrer statt.

Der große Botanik-Hörsaal war bis auf den letzten Platz mit früheren Mitarbei­tern und akademischen Schülern besetzt, die aus Ost und West angereist waren, um ihren hochverehrten Lehrer zu ehren und ihm mit Freude und Genugtuung zu seiner Rehabilitierung zu gratulieren. Unmittel­bar nach der politischen Wende hatten sie diese angeregt, um Öffentlich zu doku­mentieren, welch großes Unrecht ihm vor 30 Jahren von der damaligen Leitung der Pädagogischen Hochschule Potsdam auf Grund seiner politischen Überzeugung in schmählicher und verachtenswürdiger Weise zugefügt worden ist. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und nach dem personellen Wechsel im Rektorat und in der Leitung des Fachbereiches Biologie ist es möglich geworden, be­schämende Seiten unserer Vergangenheit aufzuarbeiten.

Die Enwicklung der Biologie und insbe­sondere der Botanik an der Universität Potsdam ist untrennbar mit dem Namen Wolfgang Müller-Stoll verbunden. Im April 1949 übernahm er die Leitung des kurz zuvor gegründeten Instituts für Biologie und wurde nach Schaffung zweier selb­ständiger Einrichtungen(Zoologie und Botanik) im Februar 1950 zum Direktor des Botanischen Instituts und des Botani­schen Gartens ernannt. Gegen viele Wi­derstände räumlicher, materieller und personeller Art gelang es ihm, in kurzer Zeit ein arbeitsfähiges Institut zu schaf­fen, das in Lehre und Forschung entspre­chenden Einrichtungen an deutschen Universitäten gleichwertig war. In den 12 Jahren seiner Tätigkeit als Fachrichtungs­leiter hat er das Botanische Institut und den Botanischen Garten beiderseits der Maulbeerallee aufgebaut und damit den Grundstein für eine gediegene Ausbil­dung von Diplombiologen und Genera­

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tionen von Biologielehrern gelegt. Auch als Prorektor für Forschungsangelegen­heiten gab er auf Jahre hinaus entschei­dende Impulse für das Forschungsprofil der Hochschule. Außerhalberwarber sich bleibende Verdienste als Mitarbeiter der Deutschen Akademie der Landwirtschafts­wissenschaften zu Berlin und seit 1953 als Leiter der Zweigstelle Potsdam des Instituts für Landesforschung und Natur­schutz Halle. Im Juni 1955 wurde er als Mitglied in die Sektion Biologie der

Prof. Dr. Müller-Stoll Wege zu seinem Ehrenkolloquium.

Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin aufgenommen.

Auf Grund seiner Ausbildung und Viel­seitigkeit kann Müller-Stoll mit Recht als einer der letzten botanischen Enzyklopä­disten des deutschen Sprachraumes be­zeichnet werden. Er hielt Vorlesungen zur Allgemeinen Biologie, zur Pflanzen­physiologie und Biochemie, zur Pflan­zengeographie, zur Ökologie und Gene­tik. Seine Hörer schätzten die Solidität seines Vortrages, die wissenschaftliche Aktualität des gebotenen Stoffes und die zwingende Logik seiner Gedanken.

Mit Entschiedenheit setzte er sich in den fünfziger Jahren kritisch mit der unheil­vollen Scheinlehre bestimmter sowjeti­scher Genetiker auseinander, die unter dem Stalin-Regime mit Scharlatanerie die

damals als reaktionär angesehene ‚‚Lehre des Mendelismus-Morganismus ablösen wollten. Er scheute nicht davor zurück, den pseudowissenschaftlichen Charakter der ‚,dialektisch-materialistischen Gene­tik Lyssenkos in aller Öffentlichkeit an­zuprangern und zurückzuweisen. Trotz Anfeindungen blieb er dabei, Genetik so zu lehren, wie er sie selbst in Karlsruhe und Heidelberg gelernt hatte. Seine Stu­denten dankten für seinen politischen Mut mit viel Beifall, denn diese Vorlesungen

(Mitte) gemeinsam mit dem Gründungsrektor(rechts) auf dem

Foto: Rüffert

waren oftmals auch ein reines Vergnü­gen. Ebenso breit gefächert war die Palet­te seiner Forschungsarbeiten, mit deren Publikationen er internationale Anerken­nung erworben hat.

Seine Hauptarbeitsgebiete waren entwick-' lungsphysiologische und Ökologische Probleme in ihrer wechselseitigen Ver­knüpfung, Holzanatomie, insbesondere der fossilen Hölzer und floristisch-pflanzen­soziologische Themen in Brandenburg. Er hat anregend und fördernd zugleich gewirkt(der Autor, einer seiner letzten Doktoranden, dankt es ihm noch heute) und legte stets Wert auf schöpferische Ar­beitsatmosphäre und regen wissenschaft­lichen Gedankenaustausch.

(Fortsetzung auf Seite 5)

Nr. 14/91