Wissenschaft
Seine Vorlesungen waren ein Vergnügen
Rehabilitierung von Prof. Dr. W. R. Müller-Stoll
In Würdigung der Verdienste von Prof. Müller-Stoll, einem der profiliertesten Wissenschaftler, der jemals an der ehemaligen Brandenburgischen Landeshochschule und Pädagogischen Hochschule Potsdam tätig war, und im Rahmen seiner offiziellen Rehabilitierung durch den Rektor, fand am 3. Juli 1991 im Fachbereich Biologie ein Ehrenkolloquium für den 81jährigen emeritierten Hochschullehrer statt.
Der große Botanik-Hörsaal war bis auf den letzten Platz mit früheren Mitarbeitern und akademischen Schülern besetzt, die aus Ost und West angereist waren, um ihren hochverehrten Lehrer zu ehren und ihm mit Freude und Genugtuung zu seiner Rehabilitierung zu gratulieren. Unmittelbar nach der politischen Wende hatten sie diese angeregt, um Öffentlich zu dokumentieren, welch großes Unrecht ihm vor 30 Jahren von der damaligen Leitung der Pädagogischen Hochschule Potsdam auf Grund seiner politischen Überzeugung in schmählicher und verachtenswürdiger Weise zugefügt worden ist. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und nach dem personellen Wechsel im Rektorat und in der Leitung des Fachbereiches Biologie ist es möglich geworden, beschämende Seiten unserer Vergangenheit aufzuarbeiten.
Die Enwicklung der Biologie und insbesondere der Botanik an der Universität Potsdam ist untrennbar mit dem Namen Wolfgang Müller-Stoll verbunden. Im April 1949 übernahm er die Leitung des kurz zuvor gegründeten Instituts für Biologie und wurde nach Schaffung zweier selbständiger Einrichtungen(Zoologie und Botanik) im Februar 1950 zum Direktor des Botanischen Instituts und des Botanischen Gartens ernannt. Gegen viele Widerstände räumlicher, materieller und personeller Art gelang es ihm, in kurzer Zeit ein arbeitsfähiges Institut zu schaffen, das in Lehre und Forschung entsprechenden Einrichtungen an deutschen Universitäten gleichwertig war. In den 12 Jahren seiner Tätigkeit als Fachrichtungsleiter hat er das Botanische Institut und den Botanischen Garten beiderseits der Maulbeerallee aufgebaut und damit den Grundstein für eine gediegene Ausbildung von Diplombiologen und Genera
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tionen von Biologielehrern gelegt. Auch als Prorektor für Forschungsangelegenheiten gab er auf Jahre hinaus entscheidende Impulse für das Forschungsprofil der Hochschule. Außerhalberwarber sich bleibende Verdienste als Mitarbeiter der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften zu Berlin und seit 1953 als Leiter der Zweigstelle Potsdam des Instituts für Landesforschung und Naturschutz Halle. Im Juni 1955 wurde er als Mitglied in die Sektion Biologie der
Prof. Dr. Müller-Stoll Wege zu seinem Ehrenkolloquium.
Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin aufgenommen.
Auf Grund seiner Ausbildung und Vielseitigkeit kann Müller-Stoll mit Recht als einer der letzten botanischen Enzyklopädisten des deutschen Sprachraumes bezeichnet werden. Er hielt Vorlesungen zur Allgemeinen Biologie, zur Pflanzenphysiologie und Biochemie, zur Pflanzengeographie, zur Ökologie und Genetik. Seine Hörer schätzten die Solidität seines Vortrages, die wissenschaftliche Aktualität des gebotenen Stoffes und die zwingende Logik seiner Gedanken.
Mit Entschiedenheit setzte er sich in den fünfziger Jahren kritisch mit der unheilvollen Scheinlehre bestimmter sowjetischer Genetiker auseinander, die unter dem Stalin-Regime mit Scharlatanerie die
damals als reaktionär angesehene ‚‚Lehre des Mendelismus-Morganismus‘‘ ablösen wollten. Er scheute nicht davor zurück, den pseudowissenschaftlichen Charakter der ‚,dialektisch-materialistischen Genetik“ Lyssenkos in aller Öffentlichkeit anzuprangern und zurückzuweisen. Trotz Anfeindungen blieb er dabei, Genetik so zu lehren, wie er sie selbst in Karlsruhe und Heidelberg gelernt hatte. Seine Studenten dankten für seinen politischen Mut mit viel Beifall, denn diese Vorlesungen
(Mitte) gemeinsam mit dem Gründungsrektor(rechts) auf dem
Foto: Rüffert
waren oftmals auch ein reines Vergnügen. Ebenso breit gefächert war die Palette seiner Forschungsarbeiten, mit deren Publikationen er internationale Anerkennung erworben hat.
Seine Hauptarbeitsgebiete waren entwick-' lungsphysiologische und Ökologische Probleme in ihrer wechselseitigen Verknüpfung, Holzanatomie, insbesondere der fossilen Hölzer und floristisch-pflanzensoziologische Themen in Brandenburg. Er hat anregend und fördernd zugleich gewirkt(der Autor, einer seiner letzten Doktoranden, dankt es ihm noch heute) und legte stets Wert auf schöpferische Arbeitsatmosphäre und regen wissenschaftlichen Gedankenaustausch.
(Fortsetzung auf Seite 5)
Nr. 14/91