GESCHICHTE/ POLITIK
ANREGENDER UND ERMUTIGENDER AUFTAKT DER POTSDAMER-FORUM-REIHE
„Geschichtliche Identität— ein Problem der Deutschen?“ war das Thema des Eröffnungsvortrages von Christian Graf von Krockow in der Reihe Potsdamer Forum, die am 13. Oktober 1991 im Schloßtheater des Neuen Palais begann. Vorträge, Diskussionen und Streitgespräche zu deutschen Problemen und Perspektiven nach dem 9. November 1989 sollen Gegenstand dieser Veranstaltungen sein. Gemeinsam ausgerichtet von der Universität Potsdam und der Pressestiftung Tagesspiegel, steht die Reihe unter der Schirmherrschaft des Brandenburgischen Ministers für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Hinrich Enderlein. Er dankte der Pressestiftung und Prof. Dr. Julius H. Schöps, Mitglied des Gründungssenats der Universität und Spiritus rector der Reihe, für dieses Projekt. Ein Forum für solcherart Themen sei wichtig, und ebenso das Zugehen der Universität auf die Öffentlichkeit gleich von Beginn ihrer Gründung an, betonte der Minister. Daß sich die Universität aktueller Fragen annehmen und keine Wissenschaft im Elfenbeinturm betreiben sollte, empfahl er mit Nachdruck.
Für den Wunsch der Pressestiftung Tagesspiegel, vorgetragen von Lothar C. Poll, daß das schmerzhafte Zusammenwachsen der Deutschen auch zu einem Zuwachs an innerer Größe führen möge, boten die interessanten und durch feinfühlige Vortragskultur gerade auch den ostdeutschen Zuhörer ermutigenden Ausführungen von Graf Krockow zahlreiche Denkanstöße. Der Begriff Identität, Probleme der Identitätsfindung und Lösungsversuche bildeten die Eckpunkte der Rede des renommierten Publizisten, studierten Philosophen, Staats- und Politikwissenschaftlers.
Die Schwierigkeiten der Deutschen, ihre nationale Identität zu finden, so Krockow, sei oft für Ausländer unverständlich, deren Geschichte allerdings günstigere Bedingungen dafür geboten habe. So gehörte zur Geschichte der westlichen Länder der gelungene Aufbruch der Völker, der die Identitätsfindung ermöglichte und mitunter— wie im Falle des Katholizismus in Polen— selbst bei Fehlen des Staates halt bot. Demgegenüber sei in der deutschen Vergangenheit Identität häufig erst durch die Bestimmung eines Feindbildes gefunden worden- und dies nicht erst nach 1945. Jüngstes Beispiel sei die Entwicklung beider deutscher Staaten im Schatten des kalten Krieges. Der Wegfall der Feindbilder jener Jahre habe in Ost und West gleichermaßen Unsicherheit erzeugt und sei möglicherweise eine Ursache für die Art,„mit der die Wessis den Ostdeutschen auf die Nerven gingen“. Wie die Loslösung junger Menschen vom Elternhaus, setze auch das politische Mündig
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werden voraus, gegen Vormünder aufzustehen. Dies sei im November 1989 im Osten Deutschlands geschehen. Es wurde die in Deutschland seltene Tugend der Zivilcourage praktiziert, und in diesem Sinne sei auch für die Bürger im Westen Deutschlands etwas von hier aus geleistet worden.
Eine große Rolle beim Suchen und Finden von Identität haben seit Menschheitsgedenken Symbole gespielt. Sie brauche der Mensch„als etwas unsicheres Wesen an sich“, sie erleichterten die Identitätsfindung, gäben Selbstsicherheit und könnten durchaus positive Wirkung zeitigen.
Aufschlußreich und den ostdeutschen Zuhörer besonders berührend, waren Krockows Bemerkungen zur Identität in der modernen Gesellschaft. Diese zeichne sich durch Vielfalt aus, was für den einzelnen das Agieren in zahlreichen Rollen bedeute, die unsere Identität formten. Vielfalt kann als Bereicherung erfahren werden, während Einfalt unter modernen Bedingungen einer Schwäche gleichkomme. Komplexe Identität sei ein erstrebenswertes Ziel, da sie vor Verabsolutierung schütze und beim Wegbrechen einer Lebenssäule Schutz gewähre. Hier schloß Krockow die überzeugende These an, daß es auf solcher Basis auch möglich sei, Konflikte ohne Gewalt auszutragen. Stoff für intensive Diskus
sionen, die künftig sicher zur Veranstaltung gehören werden, boten die abschließend von Krockow skizzierten Folgerungen für die deutsche Geschichte. Die häufig gemachten Erfahrungen des Scheiterns von Aufbruchsituationen ließen sich auch zur Relativierung des Nationalen verwenden. Deutschland besaß stets eine Vielfalt regionaler Prägung, die es im Sinne von Teilidentität aufzunehmen gilt. Es sei verständlich, daß auf den Ruinen eines Staates, der Geschichtslosigkeit verordnet habe, alte Einheiten wie z. B. Brandenburg und Sachsen auferständen. Symbole, auch Feiertage hätten ihre Berechtigung. Ob allerdings der administrativ festgelegte 3. Oktober eine glückliche Wahl sei, bezweifelte Krockow. Ihm erscheint der 9. November geeigneter. Dieses Datum könnte die Identität der Deutschen in Freiheit begründen, wenn sie das Symbol annähmen und sich zugleich an die mit dem Datum auch verbundenen Abgründe deutscher Geschichte erinnerten. Dies wohl eine Aufforderung an alle Deutschen, sich Vergangenheit und Zukunft zu nähern, solcherart gegenseitige Schuldzuweisungen, Dünkel und Verzagtheit zu überwinden und zu deutscher Identität ohne Beunruhigung der europäischen Nachbarn zu finden.
Regine Derdack
Vorträge im Rahmen des politikwissenschaftlichen Forschungskolloquiums im Wintersemester
13. 11. 91 Prof. Dr. Windhoff-Heritier, Universität Bielefeld: Neueste Entwicklungen in der Policy-Analyse: Integration von politikwissenschaftlichem Institutionalismus und Netzwerkanalye
27. 11. 91 Dr. habil. Wallraf, Universität Potsdam: Regionale Wirtschaftskooperation im Pazifik und die Rolle Japans
4. 12. 91 Dr. Müller, Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung: Zum Verhältnis von Innen- und Außenpolitik 11. 12. 91 Prof. Dr. Göhler, Freie Universität Berlin: Macht und Repräsentation 18. 12. 91 Prof. Dr. Kubiczek, Kleinmachnow: Der Konfliktregelungsmechanismus der KSZE und seine Funktionsfähigkeit im osteuropäischen Krisengebiet 8.1. 92 Prof: Dr: Kulke; Technische Universität Berlin: Geschlechterdifferenz und Politiktheorien
15. 1. 92 Prof. Dr. Nevil Johnson, Nuffield College Oxford: Gefahren und Probleme des Parteienstaates in Deutschland
22. 1. 92 Dr. habil. Kötter, Universität Potsdam: Die Nichtverbreitung von Kernwaffen als Problem der internationalen Sicherheit
29. 1. 92 Prof. Dr. Mardek; Potsdam: Konflikte in der Dritten Welt im Gefüge der gegenwärtigen internationalen Beziehungen
5.2. 92 Prof. Dr. Rohe, Universität Potsdam:„Staatskulturen‘“ und„Zivilkulturen“— Perspektiven Politischer Kulturforschung
Das Forschungskolloquium findet jeden Mittwoch, 16.00 Uhr, August-Bebel-Str. 89, im Raum 328 statt.
Lesung und Diskussion
Am 21. 11. 91, 19.00 Uhr findet in der Galerie am Neuen Palais(Wildpark) eine Veranstaltung mit Günter Gaus statt. Karten sind im Bereich Kultur erhältlich.