Heft 
(1.1.2019) 16
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GESCHICHTE/ POLITIK

ANREGENDER UND ERMUTIGENDER AUFTAKT DER POTSDAMER-FORUM-REIHE

Geschichtliche Identität ein Problem der Deutschen? war das Thema des Eröffnungs­vortrages von Christian Graf von Krockow in der Reihe Potsdamer Forum, die am 13. Okto­ber 1991 im Schloßtheater des Neuen Palais begann. Vorträge, Diskussionen und Streitge­spräche zu deutschen Problemen und Perspek­tiven nach dem 9. November 1989 sollen Gegenstand dieser Veranstaltungen sein. Gemeinsam ausgerichtet von der Universität Potsdam und der Pressestiftung Tagesspiegel, steht die Reihe unter der Schirmherrschaft des Brandenburgischen Ministers für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Hinrich Enderlein. Er dankte der Pressestiftung und Prof. Dr. Julius H. Schöps, Mitglied des Gründungssenats der Universität und Spiritus rector der Reihe, für dieses Projekt. Ein Forum für solcherart The­men sei wichtig, und ebenso das Zugehen der Universität auf die Öffentlichkeit gleich von Beginn ihrer Gründung an, betonte der Mini­ster. Daß sich die Universität aktueller Fragen annehmen und keine Wissenschaft im Elfen­beinturm betreiben sollte, empfahl er mit Nach­druck.

Für den Wunsch der Pressestiftung Tagesspie­gel, vorgetragen von Lothar C. Poll, daß das schmerzhafte Zusammenwachsen der Deut­schen auch zu einem Zuwachs an innerer Größe führen möge, boten die interessanten und durch feinfühlige Vortragskultur gerade auch den ostdeutschen Zuhörer ermutigenden Ausführungen von Graf Krockow zahlreiche Denkanstöße. Der Begriff Identität, Probleme der Identitätsfindung und Lösungsversuche bildeten die Eckpunkte der Rede des renom­mierten Publizisten, studierten Philosophen, Staats- und Politikwissenschaftlers.

Die Schwierigkeiten der Deutschen, ihre na­tionale Identität zu finden, so Krockow, sei oft für Ausländer unverständlich, deren Geschich­te allerdings günstigere Bedingungen dafür geboten habe. So gehörte zur Geschichte der westlichen Länder der gelungene Aufbruch der Völker, der die Identitätsfindung ermög­lichte und mitunter wie im Falle des Katho­lizismus in Polen selbst bei Fehlen des Staates halt bot. Demgegenüber sei in der deutschen Vergangenheit Identität häufig erst durch die Bestimmung eines Feindbildes ge­funden worden- und dies nicht erst nach 1945. Jüngstes Beispiel sei die Entwicklung beider deutscher Staaten im Schatten des kalten Krieges. Der Wegfall der Feindbilder jener Jahre habe in Ost und West gleichermaßen Unsicherheit erzeugt und sei möglicherweise eine Ursache für die Art,mit der die Wessis den Ostdeutschen auf die Nerven gingen. Wie die Loslösung junger Menschen vom Elternhaus, setze auch das politische Mündig­

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werden voraus, gegen Vormünder aufzuste­hen. Dies sei im November 1989 im Osten Deutschlands geschehen. Es wurde die in Deutschland seltene Tugend der Zivilcourage praktiziert, und in diesem Sinne sei auch für die Bürger im Westen Deutschlands etwas von hier aus geleistet worden.

Eine große Rolle beim Suchen und Finden von Identität haben seit Menschheitsgedenken Sym­bole gespielt. Sie brauche der Menschals etwas unsicheres Wesen an sich, sie erleich­terten die Identitätsfindung, gäben Selbstsi­cherheit und könnten durchaus positive Wir­kung zeitigen.

Aufschlußreich und den ostdeutschen Zuhörer besonders berührend, waren Krockows Be­merkungen zur Identität in der modernen Gesellschaft. Diese zeichne sich durch Viel­falt aus, was für den einzelnen das Agieren in zahlreichen Rollen bedeute, die unsere Identi­tät formten. Vielfalt kann als Bereicherung erfahren werden, während Einfalt unter mo­dernen Bedingungen einer Schwäche gleich­komme. Komplexe Identität sei ein erstre­benswertes Ziel, da sie vor Verabsolutierung schütze und beim Wegbrechen einer Lebens­säule Schutz gewähre. Hier schloß Krockow die überzeugende These an, daß es auf solcher Basis auch möglich sei, Konflikte ohne Ge­walt auszutragen. Stoff für intensive Diskus­

sionen, die künftig sicher zur Veranstaltung gehören werden, boten die abschließend von Krockow skizzierten Folgerungen für die deutsche Geschichte. Die häufig gemachten Erfahrungen des Scheiterns von Aufbruchsi­tuationen ließen sich auch zur Relativierung des Nationalen verwenden. Deutschland be­saß stets eine Vielfalt regionaler Prägung, die es im Sinne von Teilidentität aufzunehmen gilt. Es sei verständlich, daß auf den Ruinen eines Staates, der Geschichtslosigkeit verord­net habe, alte Einheiten wie z. B. Brandenburg und Sachsen auferständen. Symbole, auch Fei­ertage hätten ihre Berechtigung. Ob allerdings der administrativ festgelegte 3. Oktober eine glückliche Wahl sei, bezweifelte Krockow. Ihm erscheint der 9. November geeigneter. Dieses Datum könnte die Identität der Deut­schen in Freiheit begründen, wenn sie das Symbol annähmen und sich zugleich an die mit dem Datum auch verbundenen Abgründe deutscher Geschichte erinnerten. Dies wohl eine Aufforderung an alle Deutschen, sich Vergangenheit und Zukunft zu nähern, sol­cherart gegenseitige Schuldzuweisungen, Dünkel und Verzagtheit zu überwinden und zu deutscher Identität ohne Beunruhigung der europäischen Nachbarn zu finden.

Regine Derdack

Vorträge im Rahmen des politikwissenschaftlichen Forschungskolloquiums im Wintersemester

13. 11. 91 Prof. Dr. Windhoff-Heritier, Universität Bielefeld: Neueste Entwick­lungen in der Policy-Analyse: Integration von politikwissenschaftlichem Institutio­nalismus und Netzwerkanalye

27. 11. 91 Dr. habil. Wallraf, Universität Potsdam: Regionale Wirtschaftskoopera­tion im Pazifik und die Rolle Japans

4. 12. 91 Dr. Müller, Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung: Zum Verhältnis von Innen- und Außenpolitik 11. 12. 91 Prof. Dr. Göhler, Freie Univer­sität Berlin: Macht und Repräsentation 18. 12. 91 Prof. Dr. Kubiczek, Klein­machnow: Der Konfliktregelungsmecha­nismus der KSZE und seine Funktionsfä­higkeit im osteuropäischen Krisengebiet 8.1. 92 Prof: Dr: Kulke; Technische Universität Berlin: Geschlechterdifferenz und Politiktheorien

15. 1. 92 Prof. Dr. Nevil Johnson, Nuf­field College Oxford: Gefahren und Pro­bleme des Parteienstaates in Deutschland

22. 1. 92 Dr. habil. Kötter, Universität Potsdam: Die Nichtverbreitung von Kern­waffen als Problem der internationalen Sicherheit

29. 1. 92 Prof. Dr. Mardek; Potsdam: Konflikte in der Dritten Welt im Gefüge der gegenwärtigen internationalen Bezie­hungen

5.2. 92 Prof. Dr. Rohe, Universität Pots­dam:Staatskulturen undZivilkultu­ren Perspektiven Politischer Kultur­forschung

Das Forschungskolloquium findet jeden Mittwoch, 16.00 Uhr, August-Bebel-Str. 89, im Raum 328 statt.

Lesung und Diskussion

Am 21. 11. 91, 19.00 Uhr findet in der Galerie am Neuen Palais(Wildpark) eine Veranstaltung mit Günter Gaus statt. Karten sind im Bereich Kultur erhältlich.