Eine botanisch- ökologische Alpenexkursion
Auf Initiative von Prof. D. Barndt von der TU Berlin, Institut für Biologie, und Prof. K. Klopfer von unserer Universität, Institut für Botanik, fand vom 25. 07.—05. 08. 91 eine gemeinsame Exkursion von westberliner Biologie-Lehrerstudenten und Lehrerstudenten der Fachrichtung Biologie/Chemie aus Potsdam statt. Diese führte uns in die herrliche Bergwelt des Nationalparks Berchtesgadener Alpen rund um den Königssee. Sie diente zum einen dem Kennenlernen der Tier- und Pflanzenwelt und der ökologischen Zusammenhänge bzw. Besonderheiten in diesem Gebiet, und gleichzeitig lieferte sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für eine Verständigung und Annäherung der Studenten aus dem Ostund Westteil unseres Landes. In Vorbereitung der Exkursion fanden zahlreiche Hauptseminare statt, in denen man sich u. a. mit dem Klima, der Geologie, einigen Pflanzengesellschaften und Problemen der Wildbestände in diesem Gebiet vertraut machte.
Nach einer anstrengenden, nächtlichen Anreise erreichte die Gruppe in den Morgenstunden des 26. 07. Königssee, den Ausgangspunkt unserer Exkursion. Mit der Jennerbahn ging es dann hoch hinaus in eine fanszinierende Landschaft. Unsere erste Station war das direkt an der Grenze, auf österreichischem Gebiet stehende Stahlhaus, in dem wir uns drei Tage aufhielten. Von hier aus wurden, trotz z. T. schlechten Wetters(Regen, Nebel, 3°C), erste Erkundungen unternommen. Hierbei lernten wir viele neue Pflanzenarten bzw.-gesellschaften und ihre Abhängigkeit von den Standortbedingungen kennen. Dazu gehörten u. a. der Blaugras-Horstseggenrasen(Seslerio variae-Caricetum sempervirentis), der Polsterseggenrasen(Caricetum firmae) und die Alpenampferflur(Rumicetum alpini). Darüber hinaus konnten wir den ständigen Existenzkampf der Vegetation im nackten Felsgestein studieren und wurden hautnah mit den Problemen des Tourismusverkehrs und dem Ringen um den Erhalt der Naturausstattung des Nationalparks konfroniert. Diese Sachverhalte zogen sich durch die ganze Exkursionszeit hindurch und halfen den Studenten, einen wesentlich tieferen Einblick in die ökologischen Zusammenhänge in der Natur zu bekommen und damit ihre Umwelt bewußter zu betrachten. Am 29. 07. verließen wir das gastfreundliche Stahlhaus und machten uns bei herrlichem Sonnenschein auf den Weg zur Gotzenalm. Nach einem mehrstündigen Marsch, der zum Ende von einem alle stark anstrengenden Anstieg geprägt war, kamen wir an. Von hier aus hatten wir einen wunderschönen Rundblick auf einige Alpenhöhen, wie z. B. dem Schneibstein, dem Hundstod und der Watzmann-Ostwand. Weiterhin konnte man von den Feuerpalfen auf den ca. 1000 m tiefer gelegenen Königssee und den weltberühmten
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Ort. St. Bartholomä schauen. Das in der Tiefe liegende, bläulich-grüne Wasser und die umgebende Bergwelt boten einen wunderbaren Anblick.
Die Pflanzenwelt auf der Gotzenalm wurde vorwiegend von einer alpinen Borstgrasmatte (Geo montani-Nardetum) geprägt. In diesen Wiesen wächst eine der bekanntesten Heil
Ankunft am Stahlhaus
pflanzen, die Arnika(Arnica montana). Diese Pflanze wurde von altersher von den Bergbewohnern zur Herstellung von Arznei verwendet. Daher auch der Name Bergwohlverleih. Darüber hinaus sahen wir hier zum ersten Mal Murmeltiere, deren charakteristisches„Pfeifen“ allen stets im Gedächtnis haften bleiben wird. Weitere faunistische Höhepunkte der nächsten Tage waren u. a. das mehrmalige Beobachten von Gemsen und des Alpensalamanders.
Am nächsten Tag setzten wir die Wanderung rund um den Königssee fort. Auf unserem Weg zur Wasseralm konnten wir die quer durch den Wald verlaufenden Erdsteinwälle bestaunen. Sie waren von den Almbesitzern zur Abgrenzung der einzelnen Almflächen angelegt worden. Die Probleme der Almwirtschaft, die mit der mühevollen Arbeit in dieser Region und der geringen Rentabilität in unserer Zeit verbunden sind, zeigten die vorgefundenen, zerfallenen Almhütten.
Nach etwa 6 Stunden kamen wir schweißüberströmt in der in einem Talkessel gelegenen Wasseralm an. Ein in unmittelbarer Nähe gelegener Wasserfall sorgte für eine wohltuende Abkühlung. Am Abend bekamen wir Besuch von der„hauseigenen“, recht zahmen Hirschkuh, die sich bis auf wenige Meter unserer Hütte näherte und bereitwillig zugeworfenes Futter fraß.
Von der Wasseralm ging es am nächsten Tag zum Kärlinger Haus am Funtensee. Dabei passierten wir den Schwarzen-See und den Grünsee in 1570 bzw. 1479 m Höhe. Hier konnten wir den Einfluß eines unterschiedlich ausgeprägten Ufernahbereiches auf die Ausbildung verschiedener Pflanzengesellschaften studieren. Vom Grünsee stiegen wir die soge
Foto: Kummer
nannte Himmelsleiter empor. Etwa 30 min. nur treppauf bei vollem Gepäck, ließ den Schweiß aus allen Poren rinnen. Zum Glück war bald danach das Kärlinger Haus erreicht. In unmittelbarer Nähe dieses Quartiers befindet sich der einzigste Standort des PyrenäenDrachenmauls(Horminum pyenaicum) in den Nordalpen. Die folgenden Tage waren vorwiegend vom Regen geprägt. Selbst unsere Wanderung zur Ingolstädter-Hütte in 2119 m Höhe und damit dem höchsten Punkt unserer Exkursion fand bei strömendem Regen statt. Wenige Meter von dieser Hütte entfernt, befanden sich einige Exemplare des Schweizer Mannsschilds (Androsace helvetica) und des Alpen-Leinkrauts(Linaria alpina), die in eindrucksvoller Weise den ständigen Kampf der Pflanzen mit ihrer felsigen Umgebung demonstrierten. Aufgrund des ständigen Regens brachen wir am 4. 8. unsere Exkursion ab und traten über das Kärlinger Haus, die Saugasse und St. Bartholomä den Heimweg an. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages kamen wir wieder wohlbehalten in Potsdam bzw. Berlin an. An dieser Stelle sei nochmals allen Verantwortlichen, die diese gemeinsame Exkursion von ost- und westdeutschen Studenten ermöglichten, recht herzlich gedankt.
Dr. V. Kummer/ Inst. f. Botanik
Nr.’16/91