Heft 
(1.1.2019) 16
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Eine botanisch- ökologische Alpenexkursion

Auf Initiative von Prof. D. Barndt von der TU Berlin, Institut für Biologie, und Prof. K. Klopfer von unserer Universität, Institut für Botanik, fand vom 25. 07.05. 08. 91 eine gemeinsame Exkursion von westberliner Bio­logie-Lehrerstudenten und Lehrerstudenten der Fachrichtung Biologie/Chemie aus Potsdam statt. Diese führte uns in die herrliche Berg­welt des Nationalparks Berchtesgadener Al­pen rund um den Königssee. Sie diente zum einen dem Kennenlernen der Tier- und Pflan­zenwelt und der ökologischen Zusammenhän­ge bzw. Besonderheiten in diesem Gebiet, und gleichzeitig lieferte sie einen nicht zu unter­schätzenden Beitrag für eine Verständigung und Annäherung der Studenten aus dem Ost­und Westteil unseres Landes. In Vorbereitung der Exkursion fanden zahlreiche Hauptsemi­nare statt, in denen man sich u. a. mit dem Klima, der Geologie, einigen Pflanzengesell­schaften und Problemen der Wildbestände in diesem Gebiet vertraut machte.

Nach einer anstrengenden, nächtlichen Anrei­se erreichte die Gruppe in den Morgenstunden des 26. 07. Königssee, den Ausgangspunkt unserer Exkursion. Mit der Jennerbahn ging es dann hoch hinaus in eine fanszinierende Land­schaft. Unsere erste Station war das direkt an der Grenze, auf österreichischem Gebiet ste­hende Stahlhaus, in dem wir uns drei Tage auf­hielten. Von hier aus wurden, trotz z. T. schlechten Wetters(Regen, Nebel, 3°C), erste Erkundungen unternommen. Hierbei lern­ten wir viele neue Pflanzenarten bzw.-gesell­schaften und ihre Abhängigkeit von den Stand­ortbedingungen kennen. Dazu gehörten u. a. der Blaugras-Horstseggenrasen(Seslerio va­riae-Caricetum sempervirentis), der Polster­seggenrasen(Caricetum firmae) und die Al­penampferflur(Rumicetum alpini). Darüber hinaus konnten wir den ständigen Existenz­kampf der Vegetation im nackten Felsgestein studieren und wurden hautnah mit den Proble­men des Tourismusverkehrs und dem Ringen um den Erhalt der Naturausstattung des Natio­nalparks konfroniert. Diese Sachverhalte zogen sich durch die ganze Exkursionszeit hindurch und halfen den Studenten, einen wesentlich tieferen Einblick in die ökologischen Zusam­menhänge in der Natur zu bekommen und damit ihre Umwelt bewußter zu betrachten. Am 29. 07. verließen wir das gastfreundliche Stahlhaus und machten uns bei herrlichem Sonnenschein auf den Weg zur Gotzenalm. Nach einem mehrstündigen Marsch, der zum Ende von einem alle stark anstrengenden Anstieg geprägt war, kamen wir an. Von hier aus hatten wir einen wunderschönen Rund­blick auf einige Alpenhöhen, wie z. B. dem Schneibstein, dem Hundstod und der Watz­mann-Ostwand. Weiterhin konnte man von den Feuerpalfen auf den ca. 1000 m tiefer gelegenen Königssee und den weltberühmten

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Ort. St. Bartholomä schauen. Das in der Tiefe liegende, bläulich-grüne Wasser und die umgebende Bergwelt boten einen wunderba­ren Anblick.

Die Pflanzenwelt auf der Gotzenalm wurde vorwiegend von einer alpinen Borstgrasmatte (Geo montani-Nardetum) geprägt. In diesen Wiesen wächst eine der bekanntesten Heil­

Ankunft am Stahlhaus

pflanzen, die Arnika(Arnica montana). Diese Pflanze wurde von altersher von den Bergbe­wohnern zur Herstellung von Arznei verwen­det. Daher auch der Name Bergwohlverleih. Darüber hinaus sahen wir hier zum ersten Mal Murmeltiere, deren charakteristischesPfei­fen allen stets im Gedächtnis haften bleiben wird. Weitere faunistische Höhepunkte der nächsten Tage waren u. a. das mehrmalige Beobachten von Gemsen und des Alpensala­manders.

Am nächsten Tag setzten wir die Wanderung rund um den Königssee fort. Auf unserem Weg zur Wasseralm konnten wir die quer durch den Wald verlaufenden Erdsteinwälle bestaunen. Sie waren von den Almbesitzern zur Abgrenzung der einzelnen Almflächen angelegt worden. Die Probleme der Almwirt­schaft, die mit der mühevollen Arbeit in dieser Region und der geringen Rentabilität in unse­rer Zeit verbunden sind, zeigten die vorgefun­denen, zerfallenen Almhütten.

Nach etwa 6 Stunden kamen wir schweißüber­strömt in der in einem Talkessel gelegenen Wasseralm an. Ein in unmittelbarer Nähe gelegener Wasserfall sorgte für eine wohl­tuende Abkühlung. Am Abend bekamen wir Besuch von derhauseigenen, recht zahmen Hirschkuh, die sich bis auf wenige Meter unserer Hütte näherte und bereitwillig zuge­worfenes Futter fraß.

Von der Wasseralm ging es am nächsten Tag zum Kärlinger Haus am Funtensee. Dabei passierten wir den Schwarzen-See und den Grünsee in 1570 bzw. 1479 m Höhe. Hier konnten wir den Einfluß eines unterschiedlich ausgeprägten Ufernahbereiches auf die Aus­bildung verschiedener Pflanzengesellschaften studieren. Vom Grünsee stiegen wir die soge­

Foto: Kummer

nannte Himmelsleiter empor. Etwa 30 min. nur treppauf bei vollem Gepäck, ließ den Schweiß aus allen Poren rinnen. Zum Glück war bald danach das Kärlinger Haus erreicht. In unmittelbarer Nähe dieses Quartiers befin­det sich der einzigste Standort des Pyrenäen­Drachenmauls(Horminum pyenaicum) in den Nordalpen. Die folgenden Tage waren vorwiegend vom Regen geprägt. Selbst unsere Wanderung zur Ingolstädter-Hütte in 2119 m Höhe und damit dem höchsten Punkt unserer Exkursion fand bei strömendem Regen statt. Wenige Meter von dieser Hütte entfernt, befanden sich eini­ge Exemplare des Schweizer Mannsschilds (Androsace helvetica) und des Alpen-Lein­krauts(Linaria alpina), die in eindrucksvoller Weise den ständigen Kampf der Pflanzen mit ihrer felsigen Umgebung demonstrierten. Aufgrund des ständigen Regens brachen wir am 4. 8. unsere Exkursion ab und traten über das Kärlinger Haus, die Saugasse und St. Bartholomä den Heimweg an. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages kamen wir wieder wohlbehalten in Potsdam bzw. Berlin an. An dieser Stelle sei nochmals allen Verant­wortlichen, die diese gemeinsame Exkursion von ost- und westdeutschen Studenten ermög­lichten, recht herzlich gedankt.

Dr. V. Kummer/ Inst. f. Botanik

Nr.16/91